"Operation Hedwig" kommt ins Rollen

20. Juni 2003, 19:31
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Weltweite Hysterie um das fünfte Harry-Potter-Buch

Sarah Branthwaite hat eine Wette abgeschlossen. Auf Harry Potter. Albus Dumbledore, der gütige Direktor der Zauberschule Hogwarts, steckt mit dem bösen Lord Voldemort unter einer Decke. Glaubt jedenfalls Sarah. Im siebten Band, schätzt sie, wird der finstere Pakt aufgedeckt. Falls Miss Branthwaite aus Nantwich in Cheshire Recht behält, zahlt ihr der Buchmacher William Hill das 21fache ihres Einsatzes aus.

"Erst mussten wir mal checken, ob das nicht ein Gag von J. K. Rowling war", sagt Firmensprecher Graham Sharpe. "Aber nein, die Autorin steckt wirklich nicht hinter der Wette."

Band sieben, so weit ist es aber noch lange nicht. Erst einmal kommt heute, Samstag, das fünfte Potter-Buch weltweit in die Läden, schlau ausgedacht, in der Mittsommernacht, genau eine Minute nach Mitternacht, und das ist schon spannend genug. Nicht nur das Buch, sondern das ganze Drumherum.

Drei Jahre lang mussten sich die Leser bis zum nächsten "Harry" gedulden und wurden dabei nur notdürftig mit Verfilmungen von Band 1 und 2 entschädigt. Nun aber schlägt der Rummel um HP5, wie der Roman im Jargon heißt, alle Rekorde. Zumindest in England, der Heimat des Zauberlehrlings. Harry Potter und der Orden des Phönix: Es geht, wie gegenwärtig überall sehr effektiv vermeldet wird, um das meistgeorderte, wahrscheinlich bald meistverkaufte, in jedem Fall bestbewachte Kinderbuch aller Zeiten.

Hochsicherheit

Viele Ketten, nicht nur Buchhändler, auch Supermärkte, feiern Harry-Potter-Partys. Bis Samstag, 0.01 Uhr, bleibt der Roman unter Verschluss, in versiegelten Kartons in Lagerräumen, zu denen nur der Chef Zutritt hat. Nicht einmal die Literatur-Rezensenten großer Londoner Zeitungen ergatterten ein Vorab-Exemplar. Die britische Supermarktkette Tesco gewinnt dem Hype eine ironische Note ab: Sie nennt ihren logistischen Großeinsatz "Operation Hedwig", nach der Eule, die Harry die Post bringt.

"Einmal ehrlich, Frau Rowling, finden Sie die übertriebene Geheimhaltung nicht lächerlich?" Das hat Jeremy Paxman, der hartnäckigste Interviewer der BBC, die Autorin gefragt. Ein Zyniker könne das natürlich so sehen, wiegelte Joanne K. Rowling ab. Sie selber finde das richtig: "Ich will nicht, dass die Kinder vorher erfahren, wie es weitergeht".

Rowlings Anwälte wiederum verfolgen Gesetzesbrecher rund um den Globus mit einer Härte, als ginge es darum, den Schurken Voldemort zu fassen. In New York verklagten, wie berichtet, Juristen die Daily News auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz. Das Blatt hatte es gewagt, aus dem fünften Potter-Band zu zitieren. Und wehe, ein Engländer wird vor der Mittsommernacht mit "HP 5" ertappt. Ihm droht eine Anzeige bei der Polizei. Denkbar ist es ja, denn aus britischen Beständen fehlen 7680 Exemplare. Von den Dieben fehlt jede Spur.

Für die größte Aufregung aber sorgt, fast paradox, J. K. Rowling selbst. Sie hat ein Geheimnis verraten: Es stirbt eine wichtige Figur in Buch fünf. Nach dem Schreiben sei sie unter Tränen in die Küche zu ihrem Mann Neil Murray gegangen, beichtete sie. "Neil, es ich habe gerade diese Person getötet." "Na, dann tu es doch einfach nicht", habe der Arzt Murray gesagt. Sie aber: "Wenn du Kinderbücher schreibst, musst du ein unbarmherziger Killer sein".

Tod und erste Liebe

Wer ist nun der Tote? Harrys Kumpel Ron? Der freundliche Riese Hagrid? Professor Dumbledore? Bei den Buchmachern galt Hagrid als wahrscheinlichster Kandidat. Auf Platz zwei folgt Dumbledore. Ron Weasley und Hermine Granger, die Schulfreunde des zackennarbigen Magiers, haben die besten Überlebenschancen. Ab heute kann man nachlesen, ob sich das Buch daran hält.

Ebenfalls jetzt schon ein Thema: Harry Potter ist zum ersten Mal verliebt. "Die Betonung liegt sehr stark auf ,eine Art von', so Rowling in der Times. In einem anderen Interview fügte sie hinzu: Harry sei kein Peter Pan, der nie älter werde: "Er ist jetzt voll in der Pubertät. Ich glaube einfach, dass das eine sehr verwirrende Zeit ist. Ja, er ist sehr verwirrt, in einer für Jungen ganz typischen Weise."

Rowling verriet auch, dass sie schon mit dem sechsten Harry-Potter-Band angefangen habe. Der werde mit Sicherheit dünner als die Bände vier und fünf - "ehrlich". Beunruhigt reagierten britische Potter-Fans auf eine Äußerung Rowlings in einem am Donnerstag ausgestrahlten TV-Interview. Auf die Frage, ob es interessant wäre, Harry bis ins Erwachsenenleben zu verfolgen, antwortete sie: "Woher wollen Sie wissen, dass er dann noch am Leben ist?"

Zu ihrem eigenen ersten Rendezvous mit ihrem Ehemann, dem Arzt Neil Murray, sagte Rowling, er habe ihr gleich gesagt, dass er nur einmal zehn Seiten ihres ersten Buches bei der Nachtschicht im Krankenhaus gelesen habe: "Das fand ich fantastisch." (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Von
Frank Hermann aus London

Kopf des Tages

Joanne K. Rowling Unübliche Bürden des größten Erfolgs

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