"Die ,guten Jahre' werden immer länger"

20. Juni 2003, 18:22
posten

Ältere Arbeitnehmer werden bald sehr gefragt sein, sagt Sozialforscher Leopold Rosenmayr. Was weiterhin fehlt, sei ein grundsätzliches Umdenken, was das Altern betrifft, sagt er zu Peter Mayr.

Standard: Sind die "Alten" im Kommen?

Rosenmayr: Das ist sehr wahrscheinlich. Es besteht schon alleine aufgrund der Lücken in der Demografie die dringende Notwendigkeit, dass ältere Menschen ihre Arbeit fortführen. Sie werden einfach gebraucht werden - und zwar sehr bald.

STANDARD: Bisher müssen ältere Arbeitnehmer eher befürchten, ihre Stelle zu verlieren.

Rosenmayr: Richtig. Das wird sich, wie gesagt, ändern. Die Bereitschaft, jene Fähigkeiten abzurufen, die Ältere können, muss steigen. Wir wissen etwa, dass es in qualifizierten technologischen oder medizinischen Berufen die Älteren sind, die weiterhelfen können, wenn etwas ausfällt.

STANDARD: Es geht also um "privilegiertere" Berufsgruppen?

Rosenmayr: Nicht nur. Es ist aber sicher richtig, dass je qualifizierter jemand ist, er eher motiviert ist zu bleiben. Er hat auch dann eher jenes Prestige, das die anderen dazu bringt, ihn halten zu wollen.

STANDARD: Was sind die Stärken der Älteren?

Rosenmayr: Es beginnt sich nun das Einsehen, dass ältere Arbeitnehmer wandlungsfähig sind, durchzusetzen. Außerdem geht viel Wissen verloren, wenn man sie aus dem Arbeitsmarkt schiebt. Studien zeigen, dass sie keine längeren Fehlzeiten haben. Sie können auch besser Dinge in ihrer Mehrdimensionalität sehen.

STANDARD: Droht uns nun Arbeiten bis zum Umfallen?

Rosenmayr: Nein, davon kann keine Rede sein. Es geht viel mehr um ein grundsätzliches Umdenken, was das Altern anlangt. Wir sprechen zwar von einer alternden Gesellschaft, vergessen aber, dass das Alter sozusagen immer jünger wird. Ein 60-Jähriger hat heute zwanzig Jahre Lebenserwartung. Und der Anteil an der gesunden Lebenserwartung steigt ebenso - die "guten Jahre" werden immer länger.

STANDARD: Es geht also nicht nur um Erwerbstätigkeit. . .

Rosenmayr: . . . und Deckelung und Pensionen. Es geht auch um soziale, und soziopsychische Stützungen - etwa die Freiwilligentätigkeit. Studien zeigen, dass die Gesundheit entscheidend von Lebenszielen abhängt. Je mehr Menschen sich um Ziele bemühen, desto höher ist ihre subjektive Gesundheit.

Share if you care.