Ihr Blick zählt

22. Juni 2003, 18:00
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Bei der 50. Biennale von Venedig zählen Diversität und der Fokus der BetrachterIn - dieStandard.at war vor Ort

Venedig - Unter dem Titel "Dreams and Conflicts - The Dictatorship of the viewer" findet derzeit die 50. Biennale von Venedig statt. Seit der offiziellen Eröffnung am 14. Juni 2003 stehen die zahlreichen Länderpavillions und Ausstellungen BesucherInnen aus aller Welt offen. Für Chef-Kurator Fransceso Bonami ist es das erklärte Ziel, dass sich die BesucherInnen frei bewegen können, ohne den richtenden Blick eines einzelnen Kurators. Und bereits der Name der Jubiläumsbiennale rückt die BetrachterIn in den Mittelpunkt: Ihr Blick, ihr Interesse zählt, sie soll wählen.

Als Ausgangspunkt für diese "Machtaufgabe" verschenkte Bonami seine kuratorische Eigenverantwortung, mit der sein Vorgänger Harald Szeemann 2001 noch sehr gut leben konnte, und engagierte insgesamt elf weitere KuratorInnen (vier davon Frauen), die "vollkommen unabhängig", wie Bonami betont, eigene Sammelausstellungen konzipierten.

Was gibt's zu sehen?

Ganz dem derzeitigen Trend in der zeitgenössischen Kunst entsprechend reflektieren viele Arbeiten soziale und poltische Realitäten. Sowohl in den Länderpavillions der Giardini als auch in den Sammelausstellung lauten die Themen vielfach Globalisierung, Diskriminierung, Politik der kulturellen Repräsentation. Die von Francesco Bonami kuratierte Ausstellung "Clandestine" (die Heimlichen) stellt "unterrepräsentierte KünstlerInnen" vor, "Fault Lines" von Giliane Tawadros präsentiert zeitgenössische afrikanische Kunst mit dem Fokus auf soziale und politische Gewalt.

Zu den Sammelausstellungen in den Arsenale gehört auch "Zeitgenössische Arabische Repräsentationen" von Catherine David. Ihre Langzeit-Projektreihe wird seit 2001 an wechselnden Orten ausgestellt, begleitet von Vorträgen, Lesungen und Performances, die das Schaffen von KünstlerInnen, ArchitektInnen, SchriftstellerInnen und FilmemacherInnen der arabischen Welt zeigen. Besonders beeindruckend fällt die Arbeit der libanesischen Künstlerin Bilal Khbeiz aus, die anhand eines Textes Repräsentationsformen von Weiblichkeit unter moslemischer Herrschaft und westlichem Blick analysiert.

Utopia Station

Für Aufsehen sorgte bereits im Vorhinein die von Molly Nesbit, Hans-Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija zusammengestellte "Utopia Station", dessen Installation des Medienstars Christoph Schlingensief im Mittelpunkt jeder Berichterstattung steht. Sein Beitrag ist zweigeteilt in eine Performance direkt vor dem Eingang der Giardini, wo sich sieben "Säulenheilige" einem entbehrungsreichen Pfahlsitzen hingeben, sowie einer aufgebauten Kirche im Gelände der Utopia Station, von wo aus die Installation live beobachtet werden kann.

Die Utopia Station wird von über 120 KünstlerInnen und Künstlergruppen bevölkert, neben der Präsentation von 160 KünstlerInnen-Plakaten dient der Garten über die gesamte Biennale-Laufzeit hinweg als Veranstaltungsort für Vorträge, Performances und Lesungen.

"devil-may-care"

Der nordische Pavillion, außergewöhnlich hinsichtlich seiner Zusammenfassung der drei nordischen Staaten Norwegen, Finnland und Schweden, zeigt mit "devil-may-care" zwar keine feministische Ausstellung, doch reiner Zufall ist es nicht, dass das gesamte Ausstellungsteam aus Frauen besteht. Erstmals seit 15 Jahren liegt die Präsentation des nordischen Pavillions wieder in weiblicher Hand. Die beiden Kuratorinnen Anne Karin Jortveit und Andrea Kroknes haben für ihre Ausstellung drei Künstlerinnen ausgewählt, deren Positionen formal und inhaltlich im Mainstream verhaftet sind - sprich Pop, Alltag, Hollywood. Sie produzieren nicht an den Rändern, sondern von der Mitte aus mit einer weiblichen Perspektive.

Am Donnerstag gibt es an dieser Stelle ein Interview mit Anne Karin Jortveit, einer der Kuratorinnen des nordischen Pavillions in Venedig. (freu)

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