Tschetschenien: Bombenanschlag in Regierungsviertel von Grosny

20. Juni 2003, 23:15
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Bus mit Sprengstoff vor Regierungsgebäude detoniert - Widersprüchliche Angaben über Opferzahl

Moskau - Bei einem Selbstmordanschlag in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny sind am Freitag nach russischen Angaben die beiden Attentäter ums Leben gekommen und mindestens 36 weitere Menschen verletzt worden. Nach tschetschenischen Angaben wurden hingegen mindestens acht Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Neben den beiden Attentätern seien auch sechs Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden, sagte ein ranghoher Justizbeamter am Ort des Anschlags. Russlands Präsident Wladimir Putin drängte auf baldige Wahlen in der abtrünnigen Kaukasus-Republik.

Die Selbstmordattentäter waren in einem mit Sprengstoff beladenen Lastwagen ins Regierungsviertel der Hauptstadt der russischen Kaukasus-Republik vorgedrungen. Wie die Nachrichtenagentur Interfax meldete, riss die Explosion vor dem Gebäude der pro-russischen Verwaltung einen rund vier Meter tiefen Krater und zerstörte das Gebäude des Justizministeriums. Auch eine nahe gelegene Klinik wurde von der Explosion beschädigt. Dort wurden 17 Angestellte verletzt, teilte Chefarzt Abdula Ismailow mit. Unter den Schwerverletzten ist nach seinen Angaben auch ein drei Monate altes Mädchen.

Sprengstoff vorzeitig detoniert

Am Explosionsort entdeckte die Polizei die Überreste sowie Ausweise der Selbstmordattentäter - eines Mannes und einer Frau. Nach Meinung der Ermittler war der Sprengstoff, vermutlich wegen des schlechten Straßenzustandes, vorzeitig detoniert. Innenminister Boris Gryslow erklärte dagegen, die Polizei habe das Feuer auf den Lastwagen eröffnet, nachdem dieser eine Absperrung durchbrochen hatte. Diese Version wurde von den Behörden vor Ort nicht bestätigt.

Es ist bereits der dritte Angriff von Selbstmordattentätern auf Regierungs- und Verwaltungsgebäude in Tschetschenien innerhalb eines halben Jahres. Am 27. Dezember starben 72 Menschen bei der Explosion einer Bombe vor dem Regierungsgebäude in Grosny. Am 12. Mai zündeten Selbstmordattentäter in Snamenskoje einen mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen vor dem Gebäude des Inlandsgeheimdienstes FSB. Dabei starben 60 Menschen.

Putin sagte, Tschetschenien brauche "schnell eine legitime Regierung". Die Tschetschenen müssten "ihre Sicherheit und alle Aspekte ihres Lebens selbst in die Hand nehmen". Ende März hatten sich die Tschetschenen in einem umstrittenen Referendum für eine neue Verfassung und Präsidentschafts- und Parlamentswahlen bis Ende des Jahres ausgesprochen. Die Rebellen erkannten das Votum, das zugleich den Verbleib der Republik in der russischen Föderation besiegelte, nicht an.

Der Europarat in Straßburg verurteilte den Selbstmordanschlag. In einer Aussendung hieß es, das "gesamte tschetschenische Volk werde von Terroristen als Geisel genommen". Der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Alvaro Gil-Robles, betonte, die Bevölkerung in der Kaukasus-Republik wolle nur Frieden, Demokratie und den Respekt ihrer Rechte und grundlegenden Freiheiten. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Teile des explodierten, mit Sprengstoff beladenen Busses.

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