Das "Auge von Paris"

20. Juni 2003, 14:00
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Ausstellung über den Fotografen Brassai in der Albertina

Wien - Nächtliche Aufnahmen der Seine-Metropole, mit ihren Zuhältern und Freudenmädchen, mit Glamour-Liebespärchen und Kopfsteinpflaster - mit seinen 1932 erschienenen "Paris de Nuit"-Fotografien schrieb der aus der k. u. k.-Monarchie gebürtige französische Fotograf Brassai (1899 bis 1984) sich als "Auge von Paris" in die Fotokunstgeschichte. In der derzeit für die letzten Tage der Munch-Ausstellung überrannten Albertina (mit insgesamt bisher 250.000 Besuchern die bis dato erfolgreichste Schau) ist von morgen, Samstag, bis zum 21. September erstmals eine umfassende Werkschau Brassais in Österreich zu sehen.

Die vom Centre de Pompidou in Paris konzipierte und gestaltete Ausstellung, die rund 300 Arbeiten vereint, sei einer der Höhepunkte des ersten Jahres der Fotografiegeschichte in der Albertina, so Direktor Klaus Albrecht Schröder heute, Freitag, bei der Pressepräsentation. Die Fotokunst soll ab jetzt in der Albertina "kontinuierlich eine Heimstatt finden".

Inszenierungen

Obwohl die Fotos aus der Pariser Nacht völlig im Moment verortet sind, huldigte Brassai nicht dem Schnappschuss, sondern betrieb hohen technischen und vor allem - mit Komparsen - inszenatorischen Aufwand. Er war "der Überzeugung, dass Inszenierung notwendig ist, um Wirklichkeit erst zu erzeugen", so Schröder, dass "die schlichte Abbildung von Realität diese versäumt". Brassai zeigt in den auch in der Zusammenschau in der Albertina faszinierenden Bildern "die Einsamkeit der menschenleeren Straßen - die umso größer wird, wenn ein Einzelner in diesen auftaucht".

Neben dem berühmten Zyklus und den in Folge erarbeiteten Aufnahmen von Paris bei Tag ist eine Auswahl der für die Haus- und Hofzeitschrift der Surrealisten, "Minotaure", entstandenen Aufnahmen zu sehen, in denen Brassai das "Missachtete und Nutzlose" (Schröder) wie eine austreibende Kartoffel oder die geschwungenen Bögen eines Metro-Eingangs zu surrealistisch anmutenden Kompositionen verdichtet. Brassais Betonung des Kunstwerks vor dem Künstler - die mit seiner eigenen Sicht, nicht das Negativ, sondern erst den Autorenabzug als Kunstwerk anzuerkennen, konkurriert - zeigt sich in den "Graffiti"-Aufnahmen von zerschlissenen Wänden und zerkratzten Mauern. Picasso inspirierte Brassai zu den "Transmutationen".

Jenseits der Fotografie

Neben Fotografien und Zeichnungen sind auch bildhauerische Arbeiten Brassais zu sehen - für Schröder derjenige Aspekt in des Künstlers Schaffen, den es "vielleicht noch zu entdecken gilt". "Nichts ist sensualistischer als die dritte Dimension", sei Brassais Credo gewesen, und nichts sei in der aufkommenden Bilderwelt des 20. Jahrhunderts so sehr vernachlässigt worden wie das Dreidimensionale, war Brassai, der seine reine Autoren-Karriere angesichts der erstarkenden Macht der Bilder aufgab, überzeugt. Kieselsteine, mit wenigen Veränderungen zu Gesicht, Vogel, Frau vollendet - die Form findet sich im Gefundenen.

Brassai wurde als Gyula Halasz 1899 in Brasso (Kronstadt, damals Österreich-Ungarn, heute Rumänien) geboren. Sein Weg führte ihn über Budapest und Berlin, wo er Zeichnen studierte und Kontakt zu Bauhaus-Künstlern pflegte, nach Paris, wo er zunächst als Redakteur arbeitete und 1929 selbst zu fotografieren begann. 1932 nahm er das auf seine Geburtsstadt verweisende Pseudonym an, 1984 starb er vielfach ausgezeichnet in Beaulieu-sur-Mer. Zur Ausstellung ist ein Katalog erscheinen. (APA)

"Brassai" in der Albertina:
21. Juni bis 21. September. Tgl. 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Brassai: "Selbstporträt"

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