50 plus: Neuanfang nach dem "Karrierenende"

1. Juni 2012, 18:44
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Selbst die größte Sehnsucht nach Verbesserung und Neuorientierung hält die Angst vor Veränderung nicht fern. Viele müssen sich neu orientieren, andere wollen es

Die Kraft des Faktischen scheint unterschiedlich gelagert. Belegt ist, dass die Verlängerung der Lebensarbeitszeit - die Demografie im Hintergrund - rein volkswirtschaftlich und sehr kurz gefasst sinnvoll ist. Dass mit der älteren Generation und ohne professionellen Wissenstransfer deren Know-how und Erfahrungswerte unwiederbringlich verlorengehen, ebenso. Und trotzdem sind große Teile dieser Gruppe stark von Kündigung betroffen. Aktuelle Zahlen des Sozialministeriums (Arbeitsmarktdaten März) weisen aus, dass die Arbeitslosigkeit unter den über 50-Jährigen überdurchschnittlich ist: Mit einem Plus von 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr stieg die Anzahl der Gruppe 50 plus auf 61.609 Personen. Und bekanntermaßen sinken die Chancen auf einen Job - so man sich nicht in den Sphären der Topjobs befindet - mit jedem weiteren Lebensjahr. Vor Karrierebrüchen ist selbstredend niemand gefeit - von jung bis alt, ob ungewollt oder gewollt. Die Sehnsucht nach Wachstum und Verbesserung steht gleichzeitig der Angst vor Veränderung gegenüber. Theoretisches Wissen darüber, dass es Jobsicherheit nicht gibt, schützt nicht vor der Praxis, wenn der Job plötzlich nicht mehr ausgeübt werden kann.

Zurück zum Start

Karrierebrüche werden nicht selten als traumatisch, extrem verletzend und ausgrenzend empfunden. Nicht wenige gehen in ihrer Tätigkeit auf, machen sich wenig Gedanken darüber, was besser sein könnte, haben dafür häufig auch keine Zeit, sagt Agata Danis, Unternehmensberaterin und Business-Coach. Und dann wird die Firma verkauft, oder man wird gekündigt, erzählt sie aus ihrer Praxis. "Die Menschen fallen in ein emotionales Loch."

Christa Valka, heute selbstständige IT-Fachfrau, war 25 Jahre lang für ein Unternehmen tätig, als es verkauft wurde. Damals war sie 51 Jahre alt. "Ich habe gekündigt, nicht wissend, was auf mich zukam. Natürlich gehörte ich mit 51 nicht zum ‚alten Eisen‘, aber wie finde ich einen Arbeitgeber, der das weiß", sagt sie heute. Sie ließ sich zur Netzwerktechnikerin umschulen, stieg bei einem Telekomunternehmen wieder ein, bis die Abteilung nach wenigen Jahren wieder outgesourct wurde. Valka: "Wieder stand ich vor dem Nichts." Es folgte der Schritt in die Selbstständigkeit. "Es war die richtige Entscheidung", sagt Valka nach mittlerweile sieben Jahren Unternehmertum (EDV-Pannendienst).

Planbarkeit nicht gegeben

Ganz durchzuplanen ist eine Karriere nie, sagt Agata Danis. Sie vergleicht die Planbarkeit von Berufswegen mit einem Gipfelaufstieg: "Route und Ausrüstung kann ich planen. Wie ich allerdings mit meinen Kameraden zurechtkommen werde, kann ich ebenso wenig vorhersehen wie das Wetter." Eigenschaften wie zum Beispiel Mut, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität seien wesentlich. Danis: "Wenn man sich zu sehr auf einen Weg, sein Ziel zu erreichen, verkrampft und dabei sein Umfeld nicht beachtet, hat man schon verloren. Wir können nicht vorhersagen, wie sich der Arbeitsmarkt und unser unmittelbares Umfeld entwickeln werden, welche Impulse wir dabei erhalten und welche Veränderungen zu unserer Entwicklung beitragen werden."

Mit zwei kleinen Kindern und ohne Deutschkenntnisse kam Aleksandra Czajka, heute EDV-Leiterin ihres eigenen Unternehmens, nach Österreich. Spaß und Ehrgeiz an Herausforderungen sowohl im Alltag als auch in der Arbeitswelt haben ihr durch alle Lebenslagen hinweg geholfen, sagt sie, auch wenn das Ganze alles andere als leicht gewesen sei. Mit drei Mitarbeitern startete sie gemeinsam mit ihrem Mann in die Selbstständigkeit, heute beschäftigen sie mehr als 100 Mitarbeiter (Alan Systems).

"Jede Krise" - die Eventmanagerin und Gründerin des Netzwerks bizladies Johanna König spricht nicht nur über die Wirtschaftskrise, sondern über Krisen im Allgemeinen - "hat auch ihr Gutes. Zurückblickend betrachtet sind wir in erster Linie immer an den Krisen gewachsen und nicht, wenn es uns allen gut ging. Rund 45 Prozent der Neugründungen in Europa werden von Frauen vollzogen. Das habe auch erheblichen Einfluss auf die Struktur der Netzwerke und ist ein Grund für die Gründung eines unabhängigen Netzwerks für Unternehmerinnen und Frauen in Führungspositionen gewesen.

Nach einer schwierigen Gründungszeit hat das Netzwerk heute fünf Standorte. Weitere sind in Planung. (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 2./3.6.2012)

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