Ohne Land, ohne Grenzen

1. Juni 2012, 19:43
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Zum 100. Geburtstag des Autors Josef Burg erscheint bei Mandelbaum eine Würdigung dieses "letzten Czernowitzer Dichters"

Obwohl Burg nur etwa vier Jahre in Wien gelebt hatte - von 1934 bis kurz nach dem Anschluss -, fühlte er sich als Autor in einer multikulturellen österreichischen Tradition, die das moderne Österreich erst wieder für sich zu entdecken beginnt. Der leicht nostalgische Diskurs einer abgeschlossenen Vergangenheit, einer "Welt von Gestern", die Burg als Einziger noch bis vor Kurzem repräsentierte, ist jedoch ungenau.

Die Anspielung des Titels auf Stefan Zweigs berühmtes Werk ist in Bezug auf Czernowitz nur teilweise adäquat. Die "jiddische Welt" ist nicht "von gestern", sondern manifestiert sich im Fortleben und auch einer gewissen Renaissance der jiddischen Sprache und Literatur in den Vereinigten Staaten, den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in anderen Teilen der Welt.

Es ist einer der verdienstreichsten Aspekte dieses Bands, dass er Josef Burg im Kontext des Jiddischen diskutiert. Es wird deutlich, dass das Jiddische kein Teil der k. u. k. Tradition ist, ja, im Habsburgerreich nicht einmal als Sprache anerkannt wurde. Erst durch die Czernowitzer Sprachkonferenz des Jahres 1908, in der die Bedeutung des Jiddischen für das jüdische Nationalbewusstsein proklamiert wurde, wurde die Sprache mit dem Namen der Stadt assoziiert. Die in dem Band so eindrucksvoll dargestellte Blüte des Jiddischen in Czernowitz bezieht sich vor allem auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Jiddische selbst, so Burg, ist jedoch eine Weltsprache - nicht nach den Zahlen seiner Sprecher, sondern aufgrund seiner geografischen Verbreitung: "Schließlich ist Hebräisch, das nur in Israel geschrieben wird, eine Lokalsprache, während Jiddisch, das in Isaac B. Singer einen Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat, noch immer eine Weltsprache ist." Ähnlich wie Singer, der in seiner Nobelpreisrede den realutopischen Charakter dieser "Sprache des Exils, ohne Land, ohne Grenzen, durch keine einzige Regierung gestützt" hervorhob, betont auch Burg die globale Bedeutung des Jidddischen. Insofern ist der Verweis im - politisch wichtigen - Vorwort von Wissenschaftsminister Töchterle auf den "altösterreichischen Dichter" aus dem "Kronland Bukowina" etwas zu kurz gegriffen.

Das Jiddische ist für Burg zen trales Medium für die Entwicklung einer jüdischen Identität. Beklemmend sind die vielen Hinweise Burgs auf den Kampf ge gen den "Jargon", der vor allem auch von Vertretern des jüdischen Bürgertums gegen die "jüdische Volkssprache" geführt wurde.

Das Eintreten für das Jiddische war für Burg auch Ausdruck des Respekts für die Geschichte des jüdischen Volks. Man dürfe nicht vergessen, "dass Juden mit dem ‚Jargon‘ auf den Lippen in die Gaskammern gingen und dass man in dieser Sprache die Aufstände in den Ghettos organisiert hatte." Um das Jiddische ranken sich jedoch auch köstliche Geschichten, die in diesem Band erzählt werden, etwa jene eines Deutschlehrers in Usbekistan, dessen Sprachkenntnisse der Deutschpädagoge Burg inspizieren soll. Burg erkennt zu seinem Erstaunen, dass der vermeintliche Deutschlehrer gar kein Deutsch beherrscht, sondern seinen Schülern stattdessen Jiddisch vermittelte. In der Manier des jüdischen Witzes - "Glauben Sie es macht einen Unterschied, ob den Kleinen jemand Deutsch beibringt oder Jiddisch?" - entscheidet Burg, dem Direktor mitzuteilen, "der Lehrer sei gut und alles sei in Ordnung."

Burgs fast zwanzigjähriger Aufenthalt in der Sowjetunion rettete ihm, so wird deutlich, das Leben. Es ist heute wenig bekannt, dass neben den Stalin'schen Gräueltaten an Juden und dem Antisemitismus in der Sowjetunion gerade das Jiddische auch gefördert wurde, sei es durch die Einrichtung des bis heute existierenden autonomen jüdischen Territoriums im Fernen Osten, Birobidschan, mit Jiddisch als Amtssprache, sei es durch jüdische Zeitungen, insbesondere die monatlich erscheinen de Literaturzeitschrift Sovietish Heymland, in der Burg zwischen 1967 und 1989 mehr als 50-mal publizierte.

Neben der österreichischen Tradition sind somit auch die Sowjetunion bzw. die Ukraine bedeutende literarische Räume für Burg, der durch seine Biografie und sein globales literarisches Netzwerk auf besondere Weise Teil und Repräsentant einer spezifischen Variante von Weltliteratur war. Der mit interessantem Bildmaterial, teilweise schwer zugänglichen journalistischen Doku menten, versehene Band bietet eine kommentierte Collage aus Werken Burgs mit Zitaten österreichisch-jüdischer Autoren wie Stefan Zweig oder Franz Werfel.

Diese Kontextualisierungen zeigen jedoch auch die Unterschiede zu den großen Repräsentanten des deutschsprachigen Bildungsbürgertums. Burgs proletari sche Herkunft und seine Nähe zur jüdischen Religiosität - sein Geburtsort Wischnitz war eines der Zentren des Chassidismus - machen seine Literatur unmittelbarer, deutlicher und schockierender. Die Lehren des Rebben, so Burg, "gehen mir nach, weil wir doch selbst gesehen haben, wie viele Isaaks in Gaskammern erstickt und in Krematorien verbrannt worden sind, der Himmel aber hat sich nicht aufgetan."

Es ist faszinierend, zu beobachten, wie sich aus der Summa des Lebens einer solchen "jüdischen Persönlichkeit" der Wunsch nach einem Dialog mit den nachfolgenden Generationen ergibt. Dieser Band ist eine Einladung dazu - auch nach dem Tod des Autors. (Walter Grünzweig, Album, DER STANDARD, 2./3.6.2012)

Raphaela Kitzmantel, "Die jiddische Welt von Gestern. Josef Burg und Czernowitz". Euro 19,90 / 180 Seiten. Mandelbaum, Wien 2012

  • Hebräische Ausgabe von Josef Burgs 1980 erschienenem Buch "Dos leben geit waiter. Derzeilungen, Nowelen, Skizen."
    foto: mandelbaum-verlag

    Hebräische Ausgabe von Josef Burgs 1980 erschienenem Buch "Dos leben geit waiter. Derzeilungen, Nowelen, Skizen."

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