Baumgasse: Gemeinsam-getrenntes Wohnen in Generationen

Reportage |
  • Das Generationenwohnhaus in der Baumgasse in Wien-Landstraße wurde 2009 vom Verein Kuratorium Fortuna zur Errichtung von Senioren-Wohnanlagen und der Genossenschaft Wien Süd eröffnet.
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    foto: derstandard.at/lechner

    Das Generationenwohnhaus in der Baumgasse in Wien-Landstraße wurde 2009 vom Verein Kuratorium Fortuna zur Errichtung von Senioren-Wohnanlagen und der Genossenschaft Wien Süd eröffnet.

  • In den ersten drei Stockwerken befinden sich eine Pflegestation, eine Hausgemeinschaft für SeniorInnen und SeniorInnen-Apartments.
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    In den ersten drei Stockwerken befinden sich eine Pflegestation, eine Hausgemeinschaft für SeniorInnen und SeniorInnen-Apartments.

  • In den oberen Stockwerken wurden Genossenschaftswohnungen errichtet, die größtenteils von jungen Menschen bewohnt werden.
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    In den oberen Stockwerken wurden Genossenschaftswohnungen errichtet, die größtenteils von jungen Menschen bewohnt werden.

  • Hedwig Amon (83) und Friederich Ballek (84) fühlen sich wohl im Generationenwohnhaus, würden sich aber mehr Kontakt zwischen Alt und Jung wünschen.
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    Hedwig Amon (83) und Friederich Ballek (84) fühlen sich wohl im Generationenwohnhaus, würden sich aber mehr Kontakt zwischen Alt und Jung wünschen.

  • Frau Amon lebt in einer Genossenschaftswohnung, Herr Ballek in einem Apartment. Der Pensionist hilft tatkräftig mit, Ideen zu finden, um die Generationen im Haus zusammenzuführen.
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    Frau Amon lebt in einer Genossenschaftswohnung, Herr Ballek in einem Apartment. Der Pensionist hilft tatkräftig mit, Ideen zu finden, um die Generationen im Haus zusammenzuführen.

  • Hergezogen ist Frau Amon, weil sie sich in ihrer Wohnung allein fühlte. Hier findet sich immer jemand zum Plaudern, und auch ihre Tochter wohnt nur ein paar Türen weiter.
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    Hergezogen ist Frau Amon, weil sie sich in ihrer Wohnung allein fühlte. Hier findet sich immer jemand zum Plaudern, und auch ihre Tochter wohnt nur ein paar Türen weiter.

  • Auch die BewohnerInnen der Pflegestation im ersten Stock können an den generationenverbindenden Veranstaltungen, die der Verein Fortuna im Haus organisiert, teilnehmen.
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    Auch die BewohnerInnen der Pflegestation im ersten Stock können an den generationenverbindenden Veranstaltungen, die der Verein Fortuna im Haus organisiert, teilnehmen.

Das Zusammenbringen von Alt und Jung im 2009 eröffneten Generationenwohnhaus Baumgasse ist "Work in Progress"

Im dritten Stock des Generationenwohnhauses in der Wiener Baumgasse sieht Friederich Ballek auf die Uhr. Im Kaffeehaus im Erdgeschoß beginnt soeben ein Musiknachmittag, den möchte er gerne besuchen. Eineinhalb Jahre wohnt der 84-jährige Pensionist jetzt hier in seinem Seniorenapartment. Nach gesundheitlichen Problemen suchte er eine betreute Wohnmöglichkeit. Die Vorstellung eines Generationenhauses gefiel ihm: "Nach einem Monat Probewohnen wusste ich, dass ich bleiben wollte." Es sei nicht so wie daheim, sagt Herr Ballek, "aber ich lebe selbstbestimmt, und wenn ich Hilfe brauche, weiß ich, wohin ich mich wenden kann".

Das Wohnhaus nahe der Landstraßer Hauptstraße gilt als erstes seiner Art in Wien. 2009 wurde es als Gemeinschaftsprojekt des gemeinnützigen Vereins Kuratorium Fortuna und der Genossenschaft Wien Süd auf dem Grund einer ehemaligen Turnhalle errichtet. Die langfristige Idee war, alle Generationen in einem Haus zusammenzubringen und das Miteinander von Alt und Jung zu fördern. Während in den ersten drei Stockwerken SeniorInnen in Hausgemeinschaft, teilweise betreuten Apartments und auf einer Pflegestation leben, sind in die darüber gelegenen Genossenschaftswohnungen von Wien Süd großteils junge Familien eingezogen. Ein Supermarkt, ein Frisör und ein Kaffeehaus sind für alle direkt vom Treppenhaus aus erreichbar.

Projekt in den Kinderschuhen

Das Projekt "Wohnen in Generationen" stecke aber noch in den Kinderschuhen, sind sich BewohnerInnen und Hausleitung einig. Die Besiedlung des Hauses hatte nach der Eröffnung Vorrang, der Kontakt zwischen "oben" und "unten" ist noch nicht alltäglich. Im Sommer erleichtert die gemeinsame Dachterrasse die Kommunikation. Im Herbst und Winter sei es weit schwieriger, Treffen zwischen Jung und Alt zu koordinieren, sagt Direktorin Eva Drabek. Vor der Besiedlung des Hauses habe man den künftigen BewohnerInnen der Genossenschaftswohnungen das Konzept Generationenwohnhaus vorgestellt, aber: "Ich glaube, viele waren einfach froh, eine schöne, gut gelegene Wohnung gefunden zu haben. Man kann niemanden zwingen, sich einzubringen."

Um den Kontakt anzukurbeln, organisiere Fortuna regelmäßig Veranstaltungen, zu denen alle BewohnerInnen des Hauses eingeladen sind. Das Problem sei aber oft die Uhrzeit, sagt Drabek: "Die Aktivitäten beginnen meist um 17 Uhr, da viele ältere Bewohner gegen 19 Uhr bereits zu Bett gehen. Vorher macht es kaum Sinn, denn viele Bewohner der Genossenschaftswohnungen kommen da erst von der Arbeit heim. Wer dann noch Kinder zu betreuen hat, hat keine Lust, dann gleich eine Veranstaltung zu besuchen."

Man verlege die Termine nun nach Möglichkeit nach hinten in den Abend, um den Bedürfnissen aller entgegenzukommen. Ältere Personen in Betreuung, die teilnehmen möchten, werden vom Personal zum Mittagsschlaf angehalten, um bis 21 Uhr dabeibleiben zu können. Damit das funktioniere, seien Organisationstalent und geschickte Kalkulation gefragt. "Wir teilen nun die Dienste anders ein, damit die BewohnerInnen der Pflegestation nicht früher von den Terminen weggeholt werden müssen", sagt Drabek. "Das Personal kann ja wegen der Abendveranstaltung nicht rund um die Uhr bleiben."

"Ich bin gerne unter Menschen"

Hedwig Amon, 83, nimmt gerne und regelmäßig an den Veranstaltungen teil. Die rüstige Wienerin bewohnt eine Genossenschaftswohnung im fünften Stock, ihre Tochter und die Enkelkinder wohnen nur ein paar Türen weiter. Sie isst unten mit den Bewohnern der Hausgemeinschaft, plaudert dort mit den anderen, und wenn sie Unterstützung braucht, kann sie die Angebote des Kuratoriums mitnutzen. "Ich bin gerne unter Menschen", sagt sie. "Wenn man alleine lebt und sich selbst überlassen ist, ist es eine Erleichterung, in das Generationenwohnhaus zu ziehen."

Ihrer Meinung nach sind auch die beiden Bauträger gefragt, wenn es um das Zusammenführen der Generationen im Haus geht: "Man müsste mehr Aktionen gemeinsam organisieren und enger zusammenarbeiten", findet sie. "Warum bekommen zum Beispiel Fortuna-Bewohner ein Weihnachtsgeschenk, jene in den Wien-Süd-Wohnungen aber nicht?" Auch bauliche "Kinderkrankheiten" wie geschlossene Türen, getrennte Zugänge sowie ein Aufzug, der nicht alle Stockwerke erreicht, würden die gegenseitige Kontaktaufnahme im Haus erschweren, sagt Herr Ballek. "Das lässt sich technisch aber großteils beheben", so Eva Drabek.

Für Kritik offen sein

Die Direktorin ist für Kritik offen, denn: "Personal und Bewohner müssen eng zusammenarbeiten, damit alle im Haus zufrieden sind. Wir sind auf Verbesserungsvorschläge angewiesen." Auch neue Ideen und Eigeninitiative seien erwünscht. So überlege sie bereits mit einigen SeniorInnen, was man im nächsten Winter gemeinsam mit den Jungen tun könnte. Auch die gemeinsamen Adventsonntage, die der 84-jährige Friederich Ballek organisiert hat, seien ein erster Versuch gewesen, vonseiten der BewohnerInnen den Kontakt zwischen Jung und Alt zu forcieren. "Man wird nie alles unter einen Hut bringen", sagt der umtriebige Pensionist. "Aber einen Versuch ist es wert." (Isabella Lechner, derStandard.at, 8.6.2012)

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