Baumgasse: Gemeinsam-getrenntes Wohnen in Generationen

Reportage | Isabella Lechner
12. Juni 2012, 19:30
  • Das Generationenwohnhaus in der Baumgasse in Wien-Landstraße wurde 2009 vom Verein Kuratorium Fortuna zur Errichtung von Senioren-Wohnanlagen und der Genossenschaft Wien Süd eröffnet.
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    Das Generationenwohnhaus in der Baumgasse in Wien-Landstraße wurde 2009 vom Verein Kuratorium Fortuna zur Errichtung von Senioren-Wohnanlagen und der Genossenschaft Wien Süd eröffnet.

  • In den ersten drei Stockwerken befinden sich eine Pflegestation, eine Hausgemeinschaft für SeniorInnen und SeniorInnen-Apartments.
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    In den ersten drei Stockwerken befinden sich eine Pflegestation, eine Hausgemeinschaft für SeniorInnen und SeniorInnen-Apartments.

  • In den oberen Stockwerken wurden Genossenschaftswohnungen errichtet, die größtenteils von jungen Menschen bewohnt werden.
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    In den oberen Stockwerken wurden Genossenschaftswohnungen errichtet, die größtenteils von jungen Menschen bewohnt werden.

  • Hedwig Amon (83) und Friederich Ballek (84) fühlen sich wohl im Generationenwohnhaus, würden sich aber mehr Kontakt zwischen Alt und Jung wünschen.
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    Hedwig Amon (83) und Friederich Ballek (84) fühlen sich wohl im Generationenwohnhaus, würden sich aber mehr Kontakt zwischen Alt und Jung wünschen.

  • Frau Amon lebt in einer Genossenschaftswohnung, Herr Ballek in einem Apartment. Der Pensionist hilft tatkräftig mit, Ideen zu finden, um die Generationen im Haus zusammenzuführen.
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    Frau Amon lebt in einer Genossenschaftswohnung, Herr Ballek in einem Apartment. Der Pensionist hilft tatkräftig mit, Ideen zu finden, um die Generationen im Haus zusammenzuführen.

  • Hergezogen ist Frau Amon, weil sie sich in ihrer Wohnung allein fühlte. Hier findet sich immer jemand zum Plaudern, und auch ihre Tochter wohnt nur ein paar Türen weiter.
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    Hergezogen ist Frau Amon, weil sie sich in ihrer Wohnung allein fühlte. Hier findet sich immer jemand zum Plaudern, und auch ihre Tochter wohnt nur ein paar Türen weiter.

  • Auch die BewohnerInnen der Pflegestation im ersten Stock können an den generationenverbindenden Veranstaltungen, die der Verein Fortuna im Haus organisiert, teilnehmen.
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    Auch die BewohnerInnen der Pflegestation im ersten Stock können an den generationenverbindenden Veranstaltungen, die der Verein Fortuna im Haus organisiert, teilnehmen.

Das Zusammenbringen von Alt und Jung im 2009 eröffneten Generationenwohnhaus Baumgasse ist "Work in Progress"

Im dritten Stock des Generationenwohnhauses in der Wiener Baumgasse sieht Friederich Ballek auf die Uhr. Im Kaffeehaus im Erdgeschoß beginnt soeben ein Musiknachmittag, den möchte er gerne besuchen. Eineinhalb Jahre wohnt der 84-jährige Pensionist jetzt hier in seinem Seniorenapartment. Nach gesundheitlichen Problemen suchte er eine betreute Wohnmöglichkeit. Die Vorstellung eines Generationenhauses gefiel ihm: "Nach einem Monat Probewohnen wusste ich, dass ich bleiben wollte." Es sei nicht so wie daheim, sagt Herr Ballek, "aber ich lebe selbstbestimmt, und wenn ich Hilfe brauche, weiß ich, wohin ich mich wenden kann".

Das Wohnhaus nahe der Landstraßer Hauptstraße gilt als erstes seiner Art in Wien. 2009 wurde es als Gemeinschaftsprojekt des gemeinnützigen Vereins Kuratorium Fortuna und der Genossenschaft Wien Süd auf dem Grund einer ehemaligen Turnhalle errichtet. Die langfristige Idee war, alle Generationen in einem Haus zusammenzubringen und das Miteinander von Alt und Jung zu fördern. Während in den ersten drei Stockwerken SeniorInnen in Hausgemeinschaft, teilweise betreuten Apartments und auf einer Pflegestation leben, sind in die darüber gelegenen Genossenschaftswohnungen von Wien Süd großteils junge Familien eingezogen. Ein Supermarkt, ein Frisör und ein Kaffeehaus sind für alle direkt vom Treppenhaus aus erreichbar.

Projekt in den Kinderschuhen

Das Projekt "Wohnen in Generationen" stecke aber noch in den Kinderschuhen, sind sich BewohnerInnen und Hausleitung einig. Die Besiedlung des Hauses hatte nach der Eröffnung Vorrang, der Kontakt zwischen "oben" und "unten" ist noch nicht alltäglich. Im Sommer erleichtert die gemeinsame Dachterrasse die Kommunikation. Im Herbst und Winter sei es weit schwieriger, Treffen zwischen Jung und Alt zu koordinieren, sagt Direktorin Eva Drabek. Vor der Besiedlung des Hauses habe man den künftigen BewohnerInnen der Genossenschaftswohnungen das Konzept Generationenwohnhaus vorgestellt, aber: "Ich glaube, viele waren einfach froh, eine schöne, gut gelegene Wohnung gefunden zu haben. Man kann niemanden zwingen, sich einzubringen."

Um den Kontakt anzukurbeln, organisiere Fortuna regelmäßig Veranstaltungen, zu denen alle BewohnerInnen des Hauses eingeladen sind. Das Problem sei aber oft die Uhrzeit, sagt Drabek: "Die Aktivitäten beginnen meist um 17 Uhr, da viele ältere Bewohner gegen 19 Uhr bereits zu Bett gehen. Vorher macht es kaum Sinn, denn viele Bewohner der Genossenschaftswohnungen kommen da erst von der Arbeit heim. Wer dann noch Kinder zu betreuen hat, hat keine Lust, dann gleich eine Veranstaltung zu besuchen."

Man verlege die Termine nun nach Möglichkeit nach hinten in den Abend, um den Bedürfnissen aller entgegenzukommen. Ältere Personen in Betreuung, die teilnehmen möchten, werden vom Personal zum Mittagsschlaf angehalten, um bis 21 Uhr dabeibleiben zu können. Damit das funktioniere, seien Organisationstalent und geschickte Kalkulation gefragt. "Wir teilen nun die Dienste anders ein, damit die BewohnerInnen der Pflegestation nicht früher von den Terminen weggeholt werden müssen", sagt Drabek. "Das Personal kann ja wegen der Abendveranstaltung nicht rund um die Uhr bleiben."

"Ich bin gerne unter Menschen"

Hedwig Amon, 83, nimmt gerne und regelmäßig an den Veranstaltungen teil. Die rüstige Wienerin bewohnt eine Genossenschaftswohnung im fünften Stock, ihre Tochter und die Enkelkinder wohnen nur ein paar Türen weiter. Sie isst unten mit den Bewohnern der Hausgemeinschaft, plaudert dort mit den anderen, und wenn sie Unterstützung braucht, kann sie die Angebote des Kuratoriums mitnutzen. "Ich bin gerne unter Menschen", sagt sie. "Wenn man alleine lebt und sich selbst überlassen ist, ist es eine Erleichterung, in das Generationenwohnhaus zu ziehen."

Ihrer Meinung nach sind auch die beiden Bauträger gefragt, wenn es um das Zusammenführen der Generationen im Haus geht: "Man müsste mehr Aktionen gemeinsam organisieren und enger zusammenarbeiten", findet sie. "Warum bekommen zum Beispiel Fortuna-Bewohner ein Weihnachtsgeschenk, jene in den Wien-Süd-Wohnungen aber nicht?" Auch bauliche "Kinderkrankheiten" wie geschlossene Türen, getrennte Zugänge sowie ein Aufzug, der nicht alle Stockwerke erreicht, würden die gegenseitige Kontaktaufnahme im Haus erschweren, sagt Herr Ballek. "Das lässt sich technisch aber großteils beheben", so Eva Drabek.

Für Kritik offen sein

Die Direktorin ist für Kritik offen, denn: "Personal und Bewohner müssen eng zusammenarbeiten, damit alle im Haus zufrieden sind. Wir sind auf Verbesserungsvorschläge angewiesen." Auch neue Ideen und Eigeninitiative seien erwünscht. So überlege sie bereits mit einigen SeniorInnen, was man im nächsten Winter gemeinsam mit den Jungen tun könnte. Auch die gemeinsamen Adventsonntage, die der 84-jährige Friederich Ballek organisiert hat, seien ein erster Versuch gewesen, vonseiten der BewohnerInnen den Kontakt zwischen Jung und Alt zu forcieren. "Man wird nie alles unter einen Hut bringen", sagt der umtriebige Pensionist. "Aber einen Versuch ist es wert." (Isabella Lechner, derStandard.at, 8.6.2012)

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der selbe architekt?

das innere ähnelt verdammt dem inneren des polizeigefangenenhauses!

Warum müssen diese Bauten alle so hässlich aussehen?

weil auch bauträger

den musikantelstadel schaun dürfen, auch wenns weh tut.

Nicht alle älteren Menschen fühlen sich einsam und nicht alle wollen neue Kontakte im nahen Umfeld. In meinem Bekanntenkreis sind alle Älteren(zwischen Ende 50 und Mitte 70) sehr aktiv und haben eher Termin- als Einsamkeitsprobleme, weil sie so viel unternehmen.

Ich (Anfang 60) geniesse es, dass ich mich gelegentlich in meine vier Wände zurückziehen kann, da ich den ganzen Tag und auch oft am Abend unterwegs bin. Kontaktwünsche im nahen Umfeld würden mich deshalb nerven.

Da oben

dürft's aber um 80+ gehen. Und da frag ich mich, welchen Gewinn eine Jungfamilie da haben soll.

Bei 60+ versteh' ichs noch denn da ist die win-win-Situation ev. Leihoma/-opa gegen Ersatzenkerl.

Grossartige Wien Süd

diese Form von Wohnen wird im städtischen Bereich bei der zu erwartenden Alterspyramide immmer wichtiger. Die Generation 60 plus ist damit räumlich eingebunden, keine Ghettoisierung und gute Durchmischung. nicht jeder ist pflegebedürftig, an sozialen Kontakt interessiert. das hilft sicher Pflegekosten für die Sozialversicherungskosten reduzieren und eine lebenswerte Stadt mitgestalten.

bin echt froh, dass ungewöhnliche dinge auch wirklich realisiert werden, wie hier. vermutlich hat das auch zukünftig einiges zu tun mit urbanen wohnen/leben. schneller als man glauben wird. nur keine ghettos jeglicher art schaffen. künstliches eingreifen um akzeptanz zu beschleunigen aber tunlichst sein lassen und äusserst gering halten. das würde wiederum kontraproduktiv sein.

zensi du zenz

wenn ich leute, die sich bei so einem projekt einkaufen und das konzept nicht leben, verabscheuungswürdige unwesen der gesellschaft empfinde und das direkt ausdrücke ohne die schimpfwörter auszuschreiben, ist das nicht zensierwürdig.

DA STANDARD IS GENAUSO A KAASBLATTLA WIE ALL DIE ANDERN IM LAND. DANKE

wie soll ich es umschreiben....auch jungfamilien, die eine solche förderung ausnutzen um der zentralen location wegen und das projekt ad absurdum führen sind in einem solchen haus nicht gefragt. zensi du zenz

Eine grüne Wohlfühloase in der Steinwüste der Großstadt...

...na diese "Wohlfühloase" ist mehr Propaganda als realität - zumindest was die Lage betrifft:
unmittelbar neben einem Krankenhaus und in der Nähe des rabenhoftheaters als verkehrserreger, einer Kirche mit akustischer Dauerbelästigung durch kultische Bimmelei und an einem Autoverkehrsschleichweg Richtung Tangente. Gib schlimmeres, stimmt - aber dieser PR-Schmus nervt.

:-)) sieht man am Foto!

Ehrlich gesagt

Welche Jungfamilie hat Zeit und Energie sich intensiv mit fremden Alten zu beschäftigen? Die meisten sind froh wenns gelegentlich die eigenen Eltern / Großeltern besuchen können.

ist aber eher ein städtisches problem..

ich zb. hab in eine familie eingeheiratet, die grösstenteils auf dem land lebt. da ist es so, dass die erbschaft schon früh geregelt wird (also zu lebzeiten), und den hof oder das haus kriegt der, der sich dann auch um die grosseltern kümmert, die so lang drin wohnen, wies eben geht.

Sehe ich auch so

aber hier gehts ja um die Stadt.

Alt werden ist kacke. Es ist nichts schön daran. Man kann nur hoffen, dass man ein so erfülltes und befriedigendes Leben geführt hat, dass man irgendwann so müde ist, dass man gerne geht.

Das wichtigste am sozialen Leben ist immer noch "eine Aufgabe" zu haben. Das ist der stärkste soziale Kitt. Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir inzwischen sehr, sehr viele Menschen ohne Aufgabe haben. Also wird versucht, ein künstliches soziale Gefüge zu erschaffen. Statt dem x-ten generationenübergreifenden Bingoabend und Hundestreichelnachmittag, wäre es sinnvoller Dienstleistungen zu vermitteln: Wäsche bügeln gegen Transportdienst zb. Also Oma übernimmt x-mal das Wäschebügeln und wird dafür am WE zu ihrer Schwester ins Burgenland kutschiert.
(Und sorry, aber: wenns nicht grad der eigene Opa ist, dann grausts den meisten Kindern vor Uraltmenschen)

Aufgaben

Es gibt genügend Aufgaben für Senioren - sie müssen sich nur ein bisschen umschauen. Eine Unzahl von Institutionen könnte ohne ehrenamtlich Tätige nicht existieren. Zumindest in Wien hat kann man zwischen sozialen Aufgaben (Gruft, Wiener Tafel....), kulturellen Ehrenämtern (Mitarbeit in diversen Museen u.a.) und Unterstützung voin Kindern ( Vorlesen in Kidnergärten, Deutsch-Üben in Schulen usw.) wählen, es gibt eine Ehrenamtsbörse im Internet.
Es gibt auch VHS-Kurse und Studium . Und es gibt die Familie, die auch froh für Hilfe ist.

klingt mr irgendwie nach normalem wohnhaus..

über mir wohnt eine 20 jährige studentin. die hält mich für ober-spiessig (weil ich wochentags nicht um 2 uhr früh mit bumbum beschallt werden möchte).
gegenüber wohnt eine alte oma, die glaub ich angst vor mir hat...;)

solange viele alte menschen weiterhin ihr starrsinniges unverständnis für aktuelle kultur, lebensformen etc. zum ausdruck bringen und ihr leben wie vor 50 jahren durchziehen wollen, werden sie auch weiterhin einsam bleiben, weil das einfach niemanden interessiert und die meisten das schlicht unsympathisch finden.
es wird halt weiterhin so sein, dass man leute dafür bezahlen muss, damit sie sich das alles "geben".

Oje, aus welcher Familie kommst du denn?

Bei uns sind die Alten alle recht aufgeschlossen und interessant mit ihren Erlebnissen und Ansichrten. Die (erwachsenen und jugendlichen) Enkel und Urenkel geradezu verliebt in sie. Und unsere Alten gehen auch mal ins U4 um dort den Enkel spielen zu hören :-)

Also, bitte - keine Pauschalurteile (es gibt nicht nur den Musikantenstadel)!

sie habens wahrscheinlich nicht bemerkt, aber vielen dank, dass sie mein posting bestätigen. ihre senioren sind offensichtlich aufgeschlossen und daher auch nicht einsam.
ganz meine meinung.

Vor 50 Jahren = 1962. Sie haben offensichtlich keine Ahnung von den 60er Jahren.

klassisches beispiel:hochzeitsfeiern.da treffen alt und jung aufeinander.gebucht wird oft die klassische tanzband,da die alten das neuere zeug ja nicht mögen und es ja ein fest für ALLE sein soll. und warum werden in dem fall die jungen dann mit hanebüchener kultur beglückt!? weil die ja offener sind und damit weniger probleme haben. was eben für die alten nicht gilt. umgekehrte beobachtung bei feiern mit "aktuellerer musik": die alten verlassen frühzeitig die feier, weil das "ja nix für sie ist".

Keine Sorge, Ihre jetztige "Progressivität" wird ...

... in 20 Jahren auch ziemlich alt wirken.

Genau durch solche Partys wird man alt

wenn man ein bissl horizont hat..

macht man bei so einer sause schon mit (und amüsiert sich sogar dabei). auch wenns landler spielen.

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