Ein Kick für das Hepatitis-Virus

3. Juni 2012, 16:59
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Im Fußball-EM-Gastgeberland Ukraine grassiert Hepatitis C, eine Folge mangelnder Gesundheitspolitik - Ob es bald eine Impfung gibt, beschäftigt die Forschung

Die Zahlen sind beunruhigend: In der ukrainischen Bevölkerung dürfte etwa eine Million Menschen mit dem gefährlichen Hepatitis-C-Virus, kurz HCV, infiziert sein. Besonders stark betroffene Gruppen sind unter anderem Drogenabhängige und Prostituierte. Einer aktuellen Studie zufolge tragen gut 30 Prozent der ukrainischen Sexarbeiter/innen das Virus in sich und geben es mitunter an ihre Freier weiter. Viele von ihnen sind sich der Übertragungsgefahr nicht bewusst. Noch alarmierender ist allerdings, dass die Angaben zur Infektionshäufigkeit als äußerst unpräzise gelten. Gute Diagnoseverfahren wie PCR-Tests stehen für viele Ukrainer nicht zur Verfügung, weil diese zu teuer sind. Niemand weiß also genau, wie viele Infizierte es tatsächlich zwischen Lemberg und Charkov gibt. Das ist auch mit Blick auf die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft ein ernsthaftes Problem.

Ein Hauptgrund für die Epidemie ist der zunehmende Gebrauch von injizierbaren Rauschmitteln wie Heroin. Die Süchtigen teilen ihr Spritzbesteck und stecken sich so an. Auch in anderen osteuropäischen Staaten ist die HCV-Infektionsrate infolge wachsenden Konsums harter Drogen in den vergangenen Jahrzehnten rapide gestiegen, erklärt die Epidemiologin Maria Prins von dem öffentlichen Gesundheitsdienst in Amsterdam gegenüber dem Standard. "Diese Länder sind jetzt so ungefähr in der Situation, die es bei uns in den Niederlanden, Deutschland und Österreich in den Sechziger-, Siebzigerjahren gab." Damals war HCV jedoch noch nicht entdeckt. Die Erstbeschreibung des Virus wurde erst 1989 publiziert.

Infektionsgefahr

Der Hepatitis-C-Erreger kann den bisherigen Erkenntnissen nach nur durch direkten oder indirekten Kontakt mit infiziertem Blut übertragen werden. Hauptursachen von Infektionen sind neben der gemeinsamen Nutzung von Drogenspritzen schlechte hygienische Bedingungen in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen sowie Bluttransfusionen, aber auch ungeschützter Geschlechtsverkehr. Hier gibt es große Ähnlichkeit mit der HIV-Übertragung. Nicht selten sind Personen gleichzeitig vom HCV und dem Aids-Virus befallen. Welche Rolle das Stechen von Tätowierungen und Piercings spielen könnte, ist indes noch umstritten.

Hepatitis C ist eine überaus tückische Krankheit. In bis zu 85 Prozent der Fälle verläuft die Infektion zunächst ohne Symptome. Wer trotzdem akut krank wird, glaubt oft an einen grippalen Infekt und macht sich weiter keine Gedanken. Heftigere Beschwerden wie Gelbsucht treten nur selten auf. Nach der bis zu 26 Wochen dauernden Initialphase setzt sich das Virus bei den meisten Infizierten fest. Ungefähr drei Viertel dieser chronischen Hepatitis-C-Patienten leiden unter Leberproblemen. Fünf bis 20 Prozent entwickeln eine Zirrhose, und bei einem wesentlichen Teil davon entsteht in der Folge Leberkrebs. Die Sterblichkeit variiert, je nach Erhebung, zwischen ein bis fünf Prozent. Weltweit fordert Hepatitis C mehr als 350.000 Todesopfer jährlich. Eine Schutzimpfung gibt es noch nicht.

Selbstheilungskraft

Interessanterweise zeichnet sich die Krankheit dennoch durch eine relativ hohe Selbstheilungsquote aus. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen verschwindet das Virus innerhalb von sechs Monaten nach der Infektion von selbst wieder. Unter Frauen tritt dieser Effekt häufiger auf als bei Männern. Forscher sind fasziniert. Offenbar gibt es bei recht vielen Menschen einen körpereigenen Mechanismus, der in der Lage ist, den Eindringling auszulöschen. Diesen zu verstehen könnte die Entwicklung eines HCV-Impfstoffs enorm unterstützen.

Die Suche nach dem Schutzsystem wirft eine zentrale Frage auf: Können Personen, die bereits früher einmal infiziert waren und die Seuche von sich aus besiegt haben, erneut vom Virus befallen werden? Offensichtlich ja. Ein internationales Expertenteam, zu dem auch Maria Prins gehört, hat die Ergebnisse von diversen Untersuchungen zu HCV-Infektionen zusammengetragen und miteinander verglichen. Die Analyse wurde im vergangenen Monat in der Fachzeitschrift Lancet Infectious Diseases (Bd. 12, S. 408) veröffentlicht.

Ansatz für Impfung

Besonders aufschlussreich sind in diesem Kontext Studien über die Infektionsdynamik in Risikogruppen, vor allem bei Drogenabhängigen. Unter ihnen werden hohe Reinfektionsraten beobachtet. Die Süchtigen greifen eben immer wieder zu benutzten Spritzen und stecken sich so immer wieder erneut mit HCV an.

Der Ausgang solcher Reinfektionen ist jedoch bei einigen Betroffenen unproblematisch. Ihr Körper schafft es wieder, den Hepatitis-C-Erreger zu bezwingen. Und diesmal anscheinend sogar schneller und effizienter als beim ersten Mal. Dies ist vermutlich das Ergebnis einer zumindest teilweise konditionierten Immunantwort, glauben die Forscher. Einen vollständigen Schutz bietet diese allerdings nicht.

Wichtiger dürfte deshalb eine genetische Prädisposition sein. Wissenschafter haben diesbezüglich besonders das Gen IL28B im Visier. Es trägt den Code für eine Interferon-Variante, die eine zentrale Rolle bei der körpereigenen Virenbekämpfung spielt. Bestimmte IL28B-Genotypen scheinen zu einer höheren Resistenz gegenüber chronischen HCV-Infektionen zu führen. "Das ist einfach angeboren", betont Maria Prins. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 4.6.2012)

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    Die Hepatitis C ist eine tückische Infektionskrankheit, verläuft sich doch in bis zu 85 Prozent der Fälle zunächst symptomlos.

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