Der Blick hinter die Noten

31. Mai 2012, 19:58
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Die Pianistin Jasminka Stancul gastiert am Freitag im Brahmssaal des Wiener Musikvereins

Wien - Die Pianistin Clara Schumann war gerngesehener Gast in Wiener Musikverein. Dies eine Konzert, am 19. Jänner 1870, war jedoch nicht (von langer Hand) geplant, vielmehr auch für damalige Verhältnisse sehr spontan angesetzt. Aber aus festlichem Grund: Es galt, einen neuen Saal einzuweihen, jenen kleinen, der damals noch nicht Brahmssaal hieß. Es wirkten jedenfalls die k. k. Hofopernsängerin Anna Boße, der philharmonische Konzertmeister Jakob Grün und sein Kollege, Hornist Wilhelm Kleinecke, mit - und bunt war das Programm:

Clara Schumann begleitete die Sängerin, spielte solo, dann gab es noch unter anderem auch das Brahms-Trio für Klavier, Violine und Horn op. 40. Und eben dieses Programm wird die aus Serbien stammende Pianistin Jasminka Stancul heute nachstellen, mit identem Programm. "Nur eine Pause wird es geben - im Gegensatz zu damals. Vielleicht ließ man sie aus, da die räumlichen Gegebenheiten noch nicht so praktisch waren."

Stancul empfindet es als Besonderheit, "quasi in die Fußstapfen von Frau Schumann treten zu können". Und überhaupt sei der Musikverein, der heuer 200. Geburtstag feiert, für sie ein Ort, der irgendwie doch mit ihrer Geschichte zu tun hat. "Als ich begann, wusste ich, dass ich Pianistin werden wollte. Ich wusste aber nicht, dass ich in Wien landen und bleiben würde. Ziemlich früh jedoch kam mir der Musikverein durch eine Platte ins Bewusstsein, die wir zu Hause hatten. Da dirigierte Karl Böhm die Wiener Philharmoniker, und Maurizio Pollini spielte das 3. Klavierkonzert von Beethoven. Diese Aufnahme hat mich regelrecht verrückt gemacht, und das Dritte ist für mich heute noch etwas ganz Besonderes. Jedenfalls war auf dem Cover der Platte auch der Wiener Musikverein abgebildet. Ich war so um die 13 Jahre alt und träumte natürlich davon, einmal so und auch hier zu spielen."

Wenn sie spielt - zuletzt war Stancul auch in London zu hören, wo sie unter Dirigent Daniele Gatti zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra musizierte -, strebt sie eine "Ehrlichkeit des Musizierens an. Ich interessiere mich auch als Hörerin dafür, ob ein Künstler diese Haltung übermittelt und auch hinter das, was in den Noten steht, blickt. Radu Lupu hat unlängst im Musikverein so brilliert."

So etwas gäbe es selten heutzutage, meint Stancul, die 1989 den Beethoven-Klavierwettbewerb gewann, und nennt noch Grigory Sokolov als Beispiel für tief-raffiniertes Musizieren, das man heutzutage oft vermisst, "obwohl es unglaublich viele gibt, die toll Klavier spielen können".   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 1.6.2012)

Musikverein, Brahmssaal, 19.30

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    Pianistin Jasminka Stancul gastiert im Brahmssaal.

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