Nachdenkliches Fichtenmikado

  • Horizontal: Hans Schabus' "Vertikale Anstrengung".
    foto: unger, belvedere

    Horizontal: Hans Schabus' "Vertikale Anstrengung".

Hans Schabus stoppt im 21er-Haus das Wachstum

Wien - Auf einen mittleren Wald mit ordentlich Gestrüpp, das kein Fortkommen erlaubt, hätte man schon getippt. Und auf Hans Schabus, der dann mit der Machete einen Weg durchs dichte Unterholz schlägt. Denn kraftvoll zupacken kann der 42-jährige Künstler: Im Bergbau (seine Alpenfestung Das letzte Land für die Biennale Venedig 2005), in der Schifffahrt (geflutetes Kunsthaus Bregenz 2004) und im Bauen von Höhlen und Tunneln (Secession 2003) hat der auf Umwege spezialisierte Österreicher Erfahrung.

Für den Film Loch (1999/200) begab sich Hans Schabus schon einmal in den Wald, wo er sich in vogelzwitschernder Idylle mittels Spaten in die Erde hinabarbeitete. Vier Jahre später wieder ein Aushub: Mitten in seinem Atelier grub Schabus solange, bis das Atelier gefüllt und sich im Schacht von Babel ein neuer Raum auftat: "Skulptur ist für mich Organisation von Material im Raum."

Im 21er-Haus findet sich also nun kein Wald, wie das Plakat vermuten ließ, dafür ziemlich viel Material: ursprünglich vertikal organisiert, jetzt horizontal arrangiert. Rund 20 gefällte, schnurgerade Fichtenstämme. Vertikale Anstrengung titelt die Ausstellung im Hinblick auf das ewige Streben nach Höherem und unendlichem Wachstum. Schabus hat dem ein Ende bereitet und die Stämme der in Mitteleuropa heimischen " Gemeinen Fichte" quergelegt. Gefunden hat er sie in Thaua bei Allentsteig, nahe des Truppenübungsplatzes. Jetzt liegen die strammen Baumsoldaten, 100 Jahre alte Zeitzeugen, nahe des Wiener Arsenals. Sitzen und spazieren kann man hier - über die Stämme hinweg und um sie herum - und in Kontemplation verfallen. Dazu bräuchte man freilich kein Museum, könnte man einwenden.

Geschnitzte Reminiszenzen

Es sind nun aber gestapelte Kunstbäume, die Fantasiebegabte nicht nur das Wort Museum bilden lassen (diese Banalität hätte man allerdings lieber nicht erfahren!), sondern auch die jüngere Geschichte der Bildhauerei Revue passieren lassen: Anklänge an die Endlose Säule von Constantin Brancusi etwa, die Schabus 2003 in die rumänische Städt Târgu Jiu und auf etliche Bäume trieb, schnitzte er in die Rinde. Mit Malerfilz und Spanngurten hat er eine Bandage à la Beuys und mit ein paar kunstvollen Hieben Fritz Wotruba gehuldigt. Diese kunsthistorischen Querverweise sind aber nicht mehr als nette Fingerübungen im brachialen Nadelholz-Mikado.

Besser gefallen die anderen Assoziationen, zu denen die dankbaren Metaphern Wald und Baum einladen. Oder der zum Ornament gewordene Keil, den Schabus den Stämmen untergeschoben hat. Sie spreizen die Institution Museum auf, öffnen sie, stellen eine Verbindungen zwischen der Abgeschlossenheit des Museums und dem Rückzugsort Wald her.

Auch der Unabomber (Theodor Kaczynski) zog sich einst in den Wald zurück, um dort sein Manifest zu verfassen, weist Kuratorin Bettina Steinbrügge hin: In Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft mahnte er, die Menschheit möge die Technisierung unserer Gesellschaft möglichst bald überwinden. Die Eliten würden über die gesellschaftliche Manifestation von Technik lediglich immer mehr Einfluss auf das Individuum gewinnen. Also Handy aus und rauf auf die Bäume!

Zeitgleich wird im Obergeschoss in den luftigen, variablen und über die Ecken zu betretenden Display-Schachteln von Adolf Krischanitz die Gegenwartssammlung in kurzweiligen Kapiteln präsentiert.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 1.6.2012)

Bis 9. 9.

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