Der europäische Traum, von der Provinz aus betrachtet

31. Mai 2012, 19:17
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Theater mit sozialpädagogischer Wirkung: Árpád Schillings "Krízis - A papnö" in der MQ-Halle G

Wien - Der ungarische Regisseur Árpád Schilling (38) hat die Illustrationskunst am Theater immer schon suspekt gefunden. Hamlet oder Tschechows Möwe standen anfangs zwar auf der Werkliste des Budapester Künstlers, doch versagte sich sein Krétakör (Kreidekreis-)Ensemble schon vor sieben Jahren, als es den europäischen Theaterzirkus enterte, den üblichen Gepflogenheiten wie Bühnenbild oder Kostüm. An erster Stelle stand für Schilling immer, Konfliktlösungen anschaulich zu machen, solche, die einer Gesellschaft von heute unmittelbar eine Lehre sein können.

Árpád Schilling hat diese Anforderungen an das Theater in den letzten Jahren konsequent weiterentwickelt. Er hat sein Ensemble aufgelöst, dann neu gegründet und sich alsbald von Literaturvorlagen ganz distanziert. Damit steht sein Krétakör-Theater heute ziemlich singulär da als eine Gruppe, die mit semidokumentarischen Theater-Projekten dezidiert pädagogische Arbeit leistet, indem es mit Community-Spielen Konfliktlösungen betreibt. Etwa im Zusammenleben verschiedener Gesellschaftsgruppen. Und in weiterer Instanz ist das Ganze dann auch noch lehrreich für ein außenstehendes Publikum.

Sein Gastspiel bei den Wiener Festwochen, A papnö / Die Priesterin, ist der dritte Teil einer Trilogie zum Thema Krízis / Krise. Hier laufen sich vierzehn Jugendliche eines ungarischen Dorfes zunächst einmal warm, um später in Gesprächssituationen ihr Lebensgefühl zum Ausdruck zu bringen. Hier kämpfen keine betrogenen Dänenprinzen mit den Machtbestrebungen ihrer Anverwandten, sondern ungarische Landeier mit der Enge und Abgeschiedenheit ihrer Umgebung und mit den Wünschen, die der "europäische Traum" als Lebensperspektive in der Großstadt erzeugt.

Was genau von dieser Doku-Fiction "wahr" ist, bleibt schlussendlich offen. Es geht auch vielmehr um das Prinzip des Erprobens und Abwägens von Möglichkeiten: Habe ich als Teenager in einem ungarischen Dorf mit wenig liberalen Lehrern und einem dominanten Pfarrer, mit zerstrittenen oder abwesenden Eltern, mit einer Großelterngeneration, die vor jeder Veränderung Scheu hat und sich um die gute alte Zeit gebracht fühlt, genug Mut, um ein Leben nach meinen Werten aufzubauen?

Krízis - A papnö geht der Frage in verschiedenen performativen Schritten nach: Die Jugendlichen führen Dialoge mit ihren Lehrern und dem Pfarrer, sie befragen das Publikum, sie lassen Lehrer miteinander diskutieren. Vor einer die Rückwand der Halle G im Museumsquartier füllenden Kinoleinwand (mit grasenden Kühen, alten und jungen Dorfbewohnern) bleiben sie als Gruppe in Bewegung, folgen raumfüllenden Choreografien oder setzen sich als Zuseher auf den Boden.

Der Titel Die Priesterin verweist auf eine Theaterpädagogin, die als Lehrerin mit ihrem Sohn in besagtes Dorf ging (die ersten Teile der Trilogie befassen sich mit dem Sohn sowie dem Vater). Ihre Bestrebungen, den Kindern Respekt zu bezeugen, ihnen Mut zu machen, sind Hintergrund dieser ungarischen Provinzschau. Der Abend bleibt in seiner Formatierung zwar diffus, aber genau so vermag er außerordentlich frei und unverbraucht über gegenwärtiges Leben in Europa zu erzählen. Und packt damit das Wort Krise von einer anderen Seite. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 1.6.2012)  

Fr, 20.30

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