Gefahr von Hooligan-Ausschreitungen gering

31. Mai 2012, 19:10
11 Postings

Zwei Risikospiele in Gruppenphase

Wien - 3D - Dialog, Deeskalation, Durchsetzen - war das Motto der Polizei bei der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz. Vier Jahre später könnte die Fans in Polen und der Ukraine durchaus etwas anderes erwarten. Vor allem von der Ukraine erwarten Experten, dass die Exekutive dort mit massiver sichtbarer Präsenz versuchen wird, Ausschreitungen im Keim zu ersticken. Polen hat im Vorfeld des Turniers im eigenen Land eng mit den österreichischen Sicherheitskräften zusammengearbeitet.

"Österreich hat Polen vom Start der EM-Vorbereitungen an tatkräftig unterstützt. So war eine polnische Delegation bereits bei der EM 2008 in Österreich eingeladen", sagte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (V) und verwies auf die Erfahrungen der EURO 2008. Die 3D-Strategie sei inzwischen "europäischer Standard". Innenministeriums-Sprecher Karl-Heinz Grundböck ergänzte: "Der Ukraine wurde die Zusammenarbeit angeboten."

"Grobmotorische" Ukrainer

Die Kooperation zwischen Österreich und Polen für die EURO 2012 erstreckt sich mittlerweile über mehrere Jahre. Erst vor zwei Wochen hat eine begleitende Kontrollkommission unter Beteiligung österreichischer Sicherheitsspezialisten einen sehr detaillierten Bericht an das polnische Innenministerium geschickt. Kenner der Fußballszene stufen die Herangehensweise Polens an die EURO in Sicherheitsfragen als professionell ein. Der Ukraine attestierten sie einen eher "grobmotorischen Zugang zu Sicherheitsfragen".

Experten erwarten, dass in beiden EURO-Ländern der Spielraum für Fans nicht allzu groß sein wird. Wer Streit sucht, wird einen Konflikt mit der Polizei bald gefunden haben. Dazu komme, dass auch die Bedingungen in den Gefängnissen als nicht besonders angenehm eingestuft werden. "Dort werden nicht viele Auseinandersetzungen stattfinden", meinte ein Insider, besonders in Bezug auf die Ukraine.

Kopfzerbrechen bereitet den Sicherheitsverantwortlichen vor allem die politische Situation in der Ukraine. Eine Bombenserie mit rund 30 Verletzten in der Industriestadt Dnjepropetrowsk vor etwa einem Monat ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Obwohl Dnjepropetrowsk kein Spielort ist, wurden die Sicherheitsvorkehrungen in Kiew, Charkiw, Lwiw (Lemberg) und Donezk entsprechend verstärkt. Dazu kommen politische Spannungen in Zusammenhang mit der Inhaftierung der Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

Gefahr nicht allzu groß

Die Gefahr von Hooligan-Ausschreitungen wird allgemein als nicht sehr groß eingeschätzt. So machen Experten darauf aufmerksam, dass es seit mehr als zehn Jahren - der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden - bei großen Fußballturnieren keine größeren Auseinandersetzungen mehr gegeben hat. Dennoch warnen die deutschen Behörden beinahe schon routinemäßig vor ihrer eigenen Klientel und dem Spiel gegen die Niederlande am 13. Juni in Charkiw. Heimische Experten stufen diese Begegnung aber nicht als Hochrisikospiel ein, vor allem weil die Anhänger der Oranjes als ausgesprochen friedlich gelten.

Problematischer, so die Insider, könnten eher die Begegnungen Polen-Russland am 12. Juni in Warschau und Ukraine-England am 19. Juni in Donezk werden. Bei Polen gegen Russland kommt politische Brisanz ins Spiel: Polen und Russen diskutieren nach wie vor die Ursache des Flugzeugabsturzes des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski bei Smolensk am 10. April 2010. Während die russischen Behörden von einem Pilotenfehler sprechen, glaubt die polnische Seite an einen Anschlag, den die russische Seite vertuschen will.

Bei der englisch-ukrainischen Begegnung hat zuletzt der dunkelhäutige britische Fußballprofi Sol Campbell vor rassistischen Übergriffen ukrainischer oder polnischer Fans gewarnt und englischen Anhängern dunkler Hautfarbe empfohlen, sich die EURO zu Hause anzusehen. Von polnischer Seite wurde das durch Regierungschef Donald Tusk, von ukrainischer Seite durch Nationalstürmer Andrej Schewtschenko zurückgewiesen: Diesbezügliche Ängste seien überflüssig.

Fans von Nationalteams gemütlicher als Vereinsanhänger

Experten konstatieren auch, dass die Anhänger von Nationalteams in der Regel viel gemütlicher eingestellt sind als jene auf Vereinsebene. Beispiele dafür wären etwa die Fans des griechischen und des italienischen Teams. In beiden Ländern gibt es auf Clubebene ein massives Hooliganproblem. Wenn etwa in Griechenland Panathinaikos Athen auf Olympiakos Piräus trifft - mittlerweile längst nicht mehr nur im Fußball -, herrscht höchste Alarmstufe. Im vergangenen März musste das Derby abgebrochen werden, nachdem Panathinaikos-Hooligans Molotow-Cocktails auf die Tribünen und das Spielfeld geworfen hatten. Wenn die Nationalmannschaft spielt, ist von derartigen Vorgängen bisher nie etwas zu beobachten gewesen.

Anschauungsunterricht konnte die polnische Delegation bei der EURO 2008 in Klagenfurt nehmen, als ihr Nationalteam auf das der Deutschen traf. 140 deutsche Hooligans waren damals aus dem Verkehr gezogen worden, bevor sie gewalttätige Aktionen setzen konnten. Gewaltbereiten Fans war damit der Wind aus den Segeln genommen, abgesehen von spielverlaufsbedingten Auseinandersetzungen zwischen Kroaten und Türken in Wien-Ottakring blieb es in den drei Wochen ausgesprochen ruhig.(APA, 31.5.2012)

Share if you care.