Der Mann, der immer noch ganz unten ist

Kopf des Tages31. Mai 2012, 20:45
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Vom Callcenter bis hin zum Paketdienstleister GLS: Das Ausnutzen von Schwachen, damit will sich der 69-Jährige Günter Wallraff nicht abfinden

Das Haar ist schütter geworden, mehr Falten hat er natürlich auch. Doch die Zustände, die Günter Wallraff beschreibt, haben sich kaum geändert. "Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt", schreibt er im aktuellen "Zeit"-Magazin über die Arbeitsbedingungen beim europaweit tätigen Paketzusteller GLS. Er hat sie unter falscher Identität am eigenen Leib erlebt.

Vor 30 Jahren, als Wallraff undercover als türkischer Gastarbeiter Ali in Deutschland "ganz unten" war und sein gleichnamiges, fünf Millionen Mal verkauftes Buch erschien, klang sein Fazit nicht anders: Menschen, in diesem Falle mit Migrationshintergrund, werden ausgebeutet, damit Firmen ihren Profit maximieren können.

"Schafft fünf, sechs, schafft ein Dutzend Wallraffs", hat Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, mit dem Wallraff befreundet war, vor 40 Jahren schon gefordert. In Erfüllung gegangen ist Bölls Wunsch nicht. Wallraff ist in Deutschland einzigartig.

Er stammt aus Köln, absolviert zunächst eine Buchhändlerlehre und veröffentlicht in den Sechzigerjahren erste Reportagen aus Industriebetrieben (Thyssen). Obwohl in Firmen daraufhin "Wallraff-Steckbriefe" ausgehängt werden, wird er nie erwischt. Seinen Kritikern, die ihm vorwerfen, sich Informationen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu erschleichen, entgegnet er: "Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden."

Und Wallraff täuscht viele: psychiatrische Kliniken, Obdachlosenheime, ein Callcenter, eine Brotfabrik - und natürlich die Bild-Zeitung. Dreieinhalb Monate lang arbeitet er im Jahr 1977 in deren Lokalredaktion in Hannover und schildert danach in Der Aufmacher. Der Mann, der bei "Bild" Hans Esser war unsaubere Recherchemethoden. Sein Alias Hans Esser sei seine "gröbste Drecksrolle" gewesen, sagt er später.

Ungerechtigkeit und das Ausnutzen von Schwachen, damit will sich der 69-Jährige, der fünf Töchter von drei Frauen hat, immer noch nicht abfinden. Ihm selbst haben seine Veröffentlichungen Geld und Ruhm gebracht. Wallraff ist überzeugt, dass auch die Beschriebenen profitierten. Über seinen Bestseller Ganz unten sagt er: "Es hat Arbeitsbedingungen verbessert, das Selbstbewusstsein von Arbeitsemigranten gestärkt und bei manchen Deutschen dazu geführt, auf Ausländer zuzugehen." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 1.6.2012)

  • Günter Wallraff deckt wieder undercover Missstände auf.
    foto: standard/newald

    Günter Wallraff deckt wieder undercover Missstände auf.

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