"Wir müssen Richtung Ball marschieren"

31. Mai 2012, 18:39
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Das österreichische Nationalteam soll ein Profil bekommen. Am Freitag überprüft EM-Gastgeber Ukraine in Innsbruck, ob die Handschrift von Marcel Koller schon erkennbar ist

Innsbruck - Gute Laune ist gewiss nicht das ausschlaggebende Argument für einen Sieg gegen die Ukraine, aber mit Mieselsucht kann Österreichs Nationalmannschaft halt nicht dienen. Teamchef Marcel Koller war nahezu stolz darauf, dass alle den freien Mittwoch unfallfrei überstanden haben. Er selbst hatte sich in Luzern das Spiel zwischen der Schweiz und Rumänien angeschaut (0:1). Darüber wollte er am Donnerstag in Seefeld partout nichts erzählen. Die Rumänen sind erst am 5. Juni die Gegner, es wäre ein sinnloser Zeitsprung gewesen.

Koller genoss das Training, lobte die Frische. "Da war Zug dahinter, es hat allen Spaß gemacht." Marko Arnautovic legte Wert auf die Feststellung, "dass ich sehr wohl Lust habe. Gegenteilige Behauptungen stimmen nicht." Er hinterließ in der Tat einen durchaus erfrischenden Eindruck.

Bei der Ukraine handelt es sich um eine Topnation, wobei Spanien, Deutschland, die Niederlande, Frankreich und gar nicht so wenige andere schon viel besser sind. Aber das ist momentan völlig egal. Koller möchte mit einem "positiven Gefühl" aus der Partie gehen. Die Mannschaft wurde im Abschlusstraining noch einmal taktisch geschult. Angestrebt wird ein aktives Verhalten, Agieren ist ausdrücklich erlaubt. "Ihnen zuschauen und darauf hoffen, dass irgendwann der Ball daherkommt und ein Ukrainer einen Fehler macht, ist kein Rezept. Wir müssen Richtung Ball marschieren, die Konzentration hochhalten und dabei sein."

Da dieser Sport nicht nur, aber schon auch im Kopf stattfindet, dürfte die Psychologie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Die Ukraine ist bekanntlich Kogastgeber der EM, eine Niederlage gegen Österreich würde die Stimmung im Land zwar nicht abtöten, aber eine kurzfristige Bewusstlosigkeit wäre die Folge. Die Generalprobe findet übrigens am 5. Juni in Ingolstadt gegen die Türkei statt. Teamchef Oleg Blochin dürfte in Innsbruck die Einsergarnitur aufbieten, der legendäre Andrej Schewtschenko (35) ist in seinem Konzept als Edeljoker vorgesehen. Koller schließt nicht aus, "dass die topmotivierte Ukraine möglicherweise auf das letzte Risiko verzichtet. Wir werden die Zweikämpfe jedenfalls suchen."

Soziale Kompetenz

Der Schweizer hat die Aufstellung nicht verraten, er stellte jedermann und jederfrau frei, eine zu basteln. Große Experimente seien aber nicht zu erwarten.

Marc Janko ist natürlich kein Experiment. Der Porto-Stürmer trägt die Kapitänsschleife und dürfte sie auch behalten. Koller wird sich erst im August deklarieren, die Indizien sprechen für Janko. "Ich kann mit ihm gut sprechen. Nicht nur über Fußball. Er hat eine soziale Kompetenz. Er weiß, was er kann und was ich von ihm haben will." Janko selbst hielt keine Wahlrede, er traut der Mannschaft und auch sich selbst einiges zu. " Wir sind nicht Weltklasse, haben keinen Messi oder Ronaldo, aber wir sind gut. Es ist an der Zeit, Ergebnisse zu liefern."

Im Hinterkopf sitze bereits der 11. September. An diesem Tag startet in Wien gegen Deutschland die WM-Qualifikation. "Natürlich wollen wir auch davor gewinnen. Aber erst dann geht es ans Eingemachte." Das Resultat gegen die Ukraine dürfe nicht überbewertet werden. "Egal ob Sieg, Niederlage oder Unentschieden."

Koller möchte bekanntlich eine Identität schaffen, der Auswahl einen Wiedererkennungswert geben. Laut Janko könne das oberste Prinzip nur lauten: "Voll reinhauen." György Garics, Legionär in Bologna ("Der italienische Fußball ist nicht der schönste, aber der schwierigste"), schweben "Automatismen und spezielle Spielzüge" vor. "Die Handschrift des Trainers muss umsetzbar sein."

Am 15. November 2011 wurde in Lemberg gegen die Ukraine 1:2 verloren. Torschütze Janko erinnert sich: "Wir waren die bestimmende Mannschaft." Moral aus der Geschichte: "Wir haben trotzdem verloren. Das soll nicht sein." (Christian Hackl, DER STANDARD, 1.6.2012)

Österreich - Ukraine Freitag, 20.30 Uhr (live ORF eins)

Innsbruck, Tivoli-Stadion, SR Zwayer (GER)

Mögliche Aufstellungen:

Österreich: Gratzei (Sturm Graz, 9 Länderspiele/21 Gegentore) - Klein (Salzburg, 10/0)/Garics (Bologna/ITA, 24/1), Dragovic (FC Basel/SUI, 15/0)/Scharner (West Bromwich/ENG, 38/0), Prödl (Werder Bremen/GER, 32/3), Suttner (Austria Wien, 1/0) - Baumgartlinger (Mainz/GER, 19/0), Alaba (Bayern München/GER, 17/0) - Ivanschitz (Mainz/GER, 53/9), Arnautovic (Werder Bremen/GER, 17/5), Junuzovic (Werder Bremen/GER, 17/1) - Janko (FC Porto/POR, 25/11)

Ersatz: Königshofer (Rapid, 0), Lindner (Austria Wien, 0) - Hinteregger (Salzburg, 0), Ortlechner (Austria Wien, 8/0), Kavlak (Besiktas Istanbul/TUR, 15/0), Pehlivan (Gaziantepspor/TUR, 14/0), Burgstaller (Rapid, 1/0), Sabitzer (Admira, 0), Bürger (Mattersburg, 0)

Es fehlen u. a.: Almer, Fuchs, Harnik, Pogatetz, Maierhofer, Säumel, Trimmel, Ulmer, Jantscher, Leitgeb (alle verletzt), Schiemer (Hochzeit)

Ukraine: Pijatow (Schachtjor Donezk, 25) - Gusew (Dynamo Kiew, 70/10), Michalik (Dynamo Kiew, 26/0), Katscheridi (Dynamo Kiew, 9/0), Selin (Worskla Poltawa, 6/1) - Timoschtschuk (Bayern München/GER, 115/4), Nasarenko (Tawrija Simferopol, 47/12) - Jarmolenko (Dynamo Kiew, 19/8), Devic (Metalist Charkiw, 19/2), Konopljanka (Dnjepr Dnjepropetrowsk, 17/5) - Woronin (Dynamo Moskau/RUS, 71/7)

Ersatz: Kowal (Dynamo Kiew, 0), Gorjainow (Metalist Charkiw, 1) - Kucher (Schachtjor Donezk, 29/1), Schewtschuk (Schachtjor Donezk, 20/0), Rakizki (Schachtjor Donezk, 15/3), Butko (Iljitschjowez Mariupol, 8/0), Garmasch (Dynamo Kiew, 4/0), Alijew (Dynamo Kiew, 26/6), Rotan (Dnjepr Dnjepropetrowsk, 56/6), Schewtschenko (Dynamo Kiew, 106/46), Milewski (Dynamo Kiew, 44/8), Selesnew (Schachtjor Donezk, 28/5)

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    So entschlossen wie Manuel Ortlechner werden die Ukrainer Marc Janko vielleicht nicht attackieren. Die Österreicher werden dafür die Zweikämpfe mit den EM-Gastgebern suchen.

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