Weniger Passanten in den Kleinstädten

Martin Putschögl
31. Mai 2012, 18:42

Im Frequenz-Ranking von Infrapool überholte Innsbruck erstmals Graz und ist Aufsteiger des Jahres - Den kleineren Städten fehlen die Passanten im Stadtkern

Wien vor Linz und Innsbruck - so lautet die "Hackordnung" der heimischen Städte, was die Passantenfrequenz in den Innenstädten betrifft. Laut der einschlägigen Studie, die seit dem Jahr 2000 jährlich vom Standortmarketing-Unternehmen Infrapool durchgeführt wird, konnte die Tiroler Landeshauptstadt im Jahr 2011 dabei erstmals die steirische Metropole Graz überholen.

Constanze Schaffner, Standortforscherin bei Infrapool, führt das starke Plus von 62 (!) Prozent an Passanten in Innsbruck darauf zurück, dass sich das "Kaufhaus Tyrol" mittlerweile sehr gut etabliert habe und "gemeinsam mit den Rathausgalerien für eine geballte Einkaufspower mit guter Parkplatzanbindung sorgt". 197.300 Menschen wurden im Vorjahr auf der Maria-Theresien-Straße in einer Woche im Oktober (Montag bis Samstag, 8 bis 18 Uhr) per Videoaufzeichnung gezählt, im Jahr 2010 waren es nur 121.800.

Stephansplatz weiter voran

Bestfrequentierter Standort Österreichs ist und bleibt der Wiener Stephansplatz, wo allerdings als einzige Ausnahme der Top-10 von Infrapool noch "händisch" gezählt wird. Auf 296.500 Menschen kam man so in besagter Woche im vorigen Oktober, ein Minus von fünf Prozent gegenüber 2010 (310.500). Untersucht wurde laut Schaffner auch die Mariahilfer Straße sowie die Lerchenfelder Straße. Heuer sollen auch Graben und Kärntner Straße in die Studie aufgenommen werden.

In Linz, wo sich im Vorjahr erstmals der Zähl-Standort auf der Landstraße beim "Passage City Center" als der bestfrequentierte entpuppt hat, konnten 205.000 Passanten gezählt werden, nach 228.400 im Jahr davor - ein Minus von zehn Prozent.

Neuer Zähl-Standort brachte St. Pölten starkes Plus

Hinter Innsbruck belegte Graz mit einer Frequenz von 171.700 Passanten (-1 Prozent) Rang 4, gefolgt von Salzburg mit einer Frequenz von 144.300 (+18 Prozent). Klagenfurt, St. Pölten und Villach belegen mit annähernd derselben Frequenz (94.200 / 93.900 / 93.000) beinahe ex aequo die Ränge 6 bis 8. "In St. Pölten wurde der Standort von der Kremser Gasse 18/33 zur Kremser Gasse Höhe 6/17 verlegt, was ein Frequenzplus von 15 Prozent brachte", berichtet Schaffner. Methodisch geht Infrapool dabei so vor, dass drei oder vier Standorte gleichzeitig "gescannt" werden - der bessere wird dann in die Rangliste aufgenommen.

Die beiden noch fehlenden Landeshauptstädte Bregenz und Eisenstadt sind nicht in den Top 10, stattdessen landete "Neueinsteiger" Leoben mit einer Passantenfrequenz von 85.000 (vor dem "Leoben City Shopping") auf Platz 9; Platz 10 belegt Krems mit 69.500 Passanten und einem doch starken Frequenzrückgang von acht Prozent.

Verödete Innenstädte

Der Boom an Fachmarkt- und Einkaufszentren auf der "grünen Wiese" habe es mit sich gebracht, dass heute die überwiegende Anzahl der Stadtgemeinden zwischen 10.000 und 15.000 Einwohner an ihrem attraktivsten Standort bei einer sehr geringen Wochenfrequenz von um die 20.000 Passanten stehen, so Schaffner weiter. Von den 105 von Infrapool untersuchten Städten übersprangen nur wenig mehr als die Hälfte diese Grenze. "Oft sind die alten Einkaufsstraßen in den Innenstädten verödet, weil die Geschäfte in die Zentren an den Stadtrand gezogen sind. Dort machen viele aber jetzt weniger Umsatz als zuvor." 

Seriöserweise müsse man zwar jede Stadt für sich betrachten, so die Standortforscherin. Pauschal könne man aber doch sagen, dass die kleineren Städte schon über die gesamten letzten Jahre betrachtet überproportional an Frequenz einbüßen mussten. Als krasses Beispiel nennt Schaffner im Gespräch mit derStandard.at das oberösterreichische Vöcklabruck, wo im Jahr 2008 noch 72.000 Passanten gezählt wurden, 2011 nur noch 51.500. Für den Abgang sorgte das Einkaufszentrum "Varena", das im Sommer 2010 direkt an der B1 eröffnet worden war.

Der Ausweg aus der Misere wären Einkaufszentren in den Innenstädten, mit ausreichendem Parkplatzangebot und einem guten Branchenmix, so Schaffner. Als "Best-Practice"-Modelle sieht sie neben den schon erwähnten beiden Zentren in Innsbruck die "City-Arkaden" in Klagenfurt sowie das "Leoben City Shopping", auf Bezirkshauptstadt-Ebene die "Rosenarcade" in Tulln sowie das "Stadtpark Center" von Spittal/Drau.  (map, derStandard.at, 31.5.2012)

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10 Postings
einkaufszentren in den innenstädten

ein idiotenvorschlag - das hat man in klagenfurt gemacht und gemeint, daß dann auch mehr passanten in die innenstadt gehen.

aber warum sollten sie das gebäude verlassen? wenn man dort haufenweise geschäfte hat und alles bekommt warum sollte man dann auch durch die altstadt schlendern?
natürlich hat das einkaufszentrum den innenstadtgeschäften noch mehr zugesetzt und noch mehr mußten schliessen....mittlerweile ist ja fast jeder zweite laden leer.

daß man das jetzt auch noch als best practice-modell ausweist ist eine schande für diese studie.

Einfältig und nicht einschlägig ...

... ist diese Studie, die es alljählrlich wieder schafft, im Standard zitiert zu werden. Die Überschrift überrascht nicht: "Weniger Passanten in den Kleinstädten" - naja - die sind ja auch kleiner! Dass Frequenz nichts über den Umsatz aussagt, bleibt unerwähnt, auch das zum Teil exklusivere Angebot gegenüber den Fachmarktzentren in Kleinstädten. Nur in den Innenstädten unterscheiden sich Städte noch - denn am Ortsrand kommt es nicht auf Gestaltung und Schönheit an. Und weil es so lustig ist, prügeln die Kommentatoren gleich mal wieder pauschal die Politiker dafür. Mit Einschränkungen kann die Politik gestalten - dafür müsste aber die Raumordnung Bundesrecht werden und der Einfluss der Immobilien-Entwickler weiter eingeschränkt werden.

Gerade Vöcklabruck hat halt das Problem dass man

es seit Jahren versaut. Früher war dort wo heute der Innenstadhofer ist ein Parkhaus. Heute Bezahlparkplätze von Hofer und dazu weniger als früher. Das Kino lies man nach Regau entfleuchen. Andere Initiativen verstand man auch zu verhindern und als die Varena kam, glaubte man man könnte dem mit Bezahlparkplätzen in der Innenstadt begegnen. Die Mehrheit der Kunde der Stadt Vöcklabruck kommen aus den umliegenden Gemeinden und nicht aus Vöcklabruck. Diese sind auf das Auto angewiesen, muss man aber fürs parken in der Stadt zahlen und bei der Varena nicht, wo wird man wohl hinfahren?

Ich habe mir als Landbewohner in den letzten Jahrzehnten suksessive abgewöhnt, in Innenstädten einzukaufen.
Es existiert praktisch nirgendwo eine Infrastruktur um größere Sammeleinkäufe ohne Auto realisieren zu können, mit teilweise obskuren Parkregelungen und rigidem Geschäftsschluss muß ich mich nicht auseinandersetzen wollen.
Alltags- und Gebrauchswaren kommen somit aus den Einkaufszentren am Stadtrand, Luxuswaren aus dem Urlaubsland, wo ich diese genüsslich bummelnd gustieren und erwerben kann.
Der Innenstadthandel betätigt sich hier als Double-Loser, den Baumarktbereich wird er nicht können, den Genußbereich will er nicht.
Gesucht wird offensichtlich der autolose zahlungskräftige Schnelleinkäufer - der ist aber etwas rar.

Ja, die Politiker in den kleinen Gemeinden sind genauso d*****t wie auf Bundesebene.

Zuerst eine FuZo im Ortskern einrichten. Mei, san mia stolz drauf. In den Jahren drauf wird Fläche am Ortsrand umgewidmet, und es werden Einkaufszentren gebaut. Alle Fetzen- und Lebensmittelgeschäfte ziehen an den Ortsrand.

FuZo ist tot, die Politiker san verwundert.

naja stimmt soweit

Stimmt soweit, früher war zwischen Ortschaften Freiland, heute verwachsen häßliche Industriegebiete mit Gewerbeparks... wenn man Glück hat, markiert eine Autobahntrasse die Trennung wo die eine Zone aufhört und die andere anfängt.

Besonderer Spaß an der Kassa: das Personal fragen welche Adresse das Geschäft eigentlich hat bzw zu welcher Ortschaft es gehört. Wild.

Andererseits will ich große Einkaufstouren wie nach Umzug oder anhängerweise Rindenmulch vom Baumarkt holen o.ä. auch nicht auf der Mariahilferstraße tätigen.

Tjo. Konzepte anyone?

Eine Fuzo an sich macht noch keinen Fehler. Abseitig wird das, wenn man es mit Kurzparkzonen von 90 min und fehlenden Öffis kombiniert, Samstags um 12:00 die Läden runterlässt, Sonntags nicht mehr auskocht.
Dann kommen nur mehr Masochisten.

ich toppe das (ist ebnfalls ein echtes negativ-beispiel):

- gebührenpflichtige kurzparkzonen
- üppige miet/pachterhöhungen für die geschäfte, weil jetzt "verkehrsberuhigt"

zudem: in den kernen der kleinstädte wohnen nicht die bobos, sondern eher menschen, die zu alt zu regelmäßigen shoppen sind oder es finanziell nicht schaffen...und viele wohnungen stehen frei (weil: zu teuer, kein lift, keine parkplätze, nicht mehr zeitgemäßer wohnraum)...

könnte es so funktionieren?
zuerst wirklich attraktive wohnungen im zentrum schaffen: die geschäfte kommen von allein, da die zahlungskräftige nachfragende kundschaft nicht immer mit dem suv ein packerl milch kaufen will oder ein holzspielzeug für die kinder...

Andererseits muss man sich aber auch fragen welche zahlungskräftigen Kunden in die Zentren von Kleinstädten ziehen sollen. Man hat dort weder eine umfangreiche gehobene Infrastruktur (wie mehrere Restaurants, Kulturbetrieben) noch wohnt man im Grünen. Man hat die Nachteile von Stadt und Land vereint (so sehe ich das zumindest).

Dieser Fall ist eine knapp 3000-Einwohner-Gemeinde.

Die FuZo war eh OK. Aber die Geschäfte am Ortsrand haben den Ortskern (mit oder ohne FuZo) umgebracht. Was vorher für viele ein Spaziergang war, ist jetzt im Alltag nur mehr mit Auto möglich.

Öffi-Verkehr spielt innerorts keine Rolle, was bei einer Gemeinde dieser Größe verständlich bzw. kein Problem wäre.

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