Der Unternehmer, das verrückte Wesen

Interview | Marietta Türk
4. Juni 2012, 05:30
  • Unternehmerpersönlichkeiten mögen ihre Macken haben, aber sie bewegen auch viel.

    Unternehmerpersönlichkeiten mögen ihre Macken haben, aber sie bewegen auch viel.

  • Wolfgang Zimmermann
    foto: privat

    Wolfgang Zimmermann

Manager zählen Schritte, Unternehmer machen sie, meint Berater Wolfgang Zimmermann. Die Logik der Kapitalmärkte schränkt Manager ein

Unternehmer gehen mit offenen Augen durch die Welt und schauen, wo noch eine Lücke ist, sagt Wolfgang Zimmermann, Spross einer deutschen Unternehmerfamilie. In seiner Arbeit als Berater für Unternehmer und Spitzenführungskräfte hat er beide Seiten kennengelernt - mit all ihren Qualitäten und Wehwehchen: die Manager und die Unternehmer. Als Autor kommt er zu dem Schluss, dass Unternehmer Verrückte sind. Marietta Türk hat ihn gefragt, was dahintersteckt.

derStandard.at: Warum bezeichnen Sie Unternehmer als Verrückte?

Zimmermann: Einerseits weiß ich aus meiner beruflichen Erfahrung, dass Unternehmer eine gewisse Schrulligkeit haben, Macken, eine gewisse Einseitigkeit. Sie wirken auf ihre Umwelt manchmal nicht ganz einfach. Denn sie sind Regelbrecher und halten sich in Hierarchien schlecht.

Andererseits verrücken sie aber auch Grenzen. Die These ist, dass die wesentlichen Innovationen eher von unternehmergeführten Unternehmen kommen. Sie verwirklichen mitunter Utopien, verändern Marktspielregeln. Auch in der Tiefe verändern sie etwas: Sie sind Meister im Mitnehmen der Mitarbeiter zu Ufern, wo es enormer Portionen an Umsetzungskraft bedarf.

derStandard.at: Unternehmer versus Manager - was ist der große Unterschied?

Zimmermann: Ein Manager ist tendenziell angepasster, vorsichtiger, risikoscheuer. Er schaut eher auf das Empirische, die Zahlen und Daten. Ein Unternehmer hingegen geht mutiger vor, wobei er sich sicher auch nicht blind ins Verderben stürzt. Er schaut auch immer, dass Entscheidungen reversibel sind. Insofern sind sie völlig unterschiedliche Typen.

Auch der soziale Kontext macht einen Unterschied: Ein Manager, der in einem börsennotierten Unternehmen arbeitet, hat die Logik der Kapitalmärkte zu bedienen. Ein Unternehmer, vor allem wenn es sich um ein Familienunternehmen handelt, ist in der Lage, langfristig zu denken. Er ist nicht getrieben vom Rhythmus der Quartalszahlen. Plakativ auf den Punkt gebracht: Der Manager ist der Schrittzähler, der Unternehmer der Schrittmacher.

derStandard.at: Nach der Diskussion um die Boni: Ist der gesellschaftliche Ruf der Unternehmer besser als jener der Manager? 

Zimmermann: In der Öffentlichkeit differenziert man schon. Wobei die Unternehmer meistens nicht ganz so wahrgenommen werden wie die inszenierten Manager. Tendenziell bekommen die Manager viel ab von dem Managerbashing, der Diskussion um Boni. Unternehmer hingegen haben die Chance, als die Guten zu gelten - teilweise auch zu Unrecht. Da ist sicher eine Lücke. 

derStandard.at: Sie sagen, Unternehmer seien außergewöhnliche Persönlichkeiten, schrullige Typen. Wird sich das mit dem Generationenwechsel ändern?

Zimmermann: Es ist ein Unterschied, ob Sie ein Unternehmen neu gründen oder in der zweiten oder dritten Generation erben. Diese Einseitigkeit in der Weltwahrnehmung, die ein Unternehmer braucht, auch um bewusst Sachen wegzublenden und fokussiert zu sein - ich glaube nicht, dass sich das ändert. Aber das ist natürlich ein offenes Feld.

derStandard.at: Die Entwicklung geht heute Richtung Ein-Personen-Unternehmen. Was hat das mit dem traditionellen Unternehmertum noch zu tun?

Zimmermann: Das ist spannend. Lange Zeit hat man auf diese E-Commerce-Gründerszene, die da den ganzen Tag im Café gesessen ist mit ihren aufgeklappten Computern, etwas mitleidig hingeschaut. Mittlerweile hat man gelernt, dass da durchaus etwas Interessantes herauskommt.

Sind diese Start-ups Einmannformen, ist das eine ganz andere Form von Wertschöpfung als bei traditionellen Unternehmen. Das sind Vernetzte. Ob die dann Unternehmer oder Freiberufler sind, das muss man sich genau anschauen. Wenn Sie heute im Internetbereich eine Firma gründen, müssen Sie sich davon lösen, dass Sohn oder Tochter diese einmal übernehmen werden - dazu sind die Märkte zu dynamisch.

derStandard.at: Es gibt unterschiedliche Unternehmertypen: den ehrbare Kaufmann, den Spieler etc. Welche Typen werden in Zukunft besonders gefragt sein?

Zimmermann: Eines vorweg: Das sind die Bilder, die vor allem medial erlebbar sind, es sind Schubladen. Den Spieler wird es immer geben, vor allem im Internetbusiness. Das sind jene, die Spaß daran haben, Mehrfachgründungen zu machen, mit verschiedenen Dingen zu experimentieren. 

Gleichzeitig haben wir in Mitteleuropa eine Diskussion, wie wir künftig wirtschaften wollen, Stichwort soziale Marktwirtschaft. Dabei spielt der ehrbare Kaufmann, der immer die ökonomische Logik mit gesellschaftlichen Rücksichtnahmen ausbalanciert, eine wichtige Rolle.

Auch interessant ist der Sozialreformer - etwa jene Menschen, die Ashoka-(Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs, Anm.-)Mitglieder sind. Denn soziale Innovation gewinnt immer mehr an Bedeutung. Social Entrepreneurs sind hochinteressant und mittlerweile hochprofessionell. 

derStandard.at: Ein Blick auf die Managementmethoden: Was können sich Manager davon bei den Unternehmen abschauen?

Zimmermann: Was Unternehmer auszeichnet, ist ein Stück gesunder Menschenverstand. Mein Eindruck ist: je turbulenter die Märkte, desto eher muss man teilweise wieder dazu zurückkommen. Das heißt, eher Stück für Stück vorwärts zu gehen, Experimenten gegenüber offen zu sein und eher auf den sozialen Prozess zu schauen als auf die theoretisch perfekte Lösung.

derStandard.at: Wird es auch in der Mitarbeiterführung ein Umdenken geben müssen?

Zimmermann: Man darf sich nichts vormachen: Auch inhabergeführte Unternehmen können in dieser Hinsicht die Hölle sein. Aber meistens hat der Mitarbeiter bei ihnen einen höheren Stellenwert. Nachdem die Führung sehr lange Kontinuität hat, kennt man sich, ist eingespielt. Das ist natürlich in einer börsennotierten Gesellschaft als solches nicht kopierbar. 

Wo sich bei beiden Betriebsformen etwas ändern muss, ist bei der Genderthematik. Da sind inhabergeführte Unternehmen tendenziell nicht unbedingt Vorreiter, mit Ausnahme jener, wo Frauen die Nachfolge angetreten haben.

Ändern muss sich bei beiden auch etwas beim Thema Freiraum für Mitarbeiter, der eigenverantwortlich ausgefüllt wird, und zwar tatsächlich und nicht nur als Lippenbekenntnis. Das hat damit zu tun, wie man mit Unsicherheit umgehen kann. Die Präsenzkultur ist nicht leicht aufzubrechen. Unternehmergeführte Betriebe tun sich da genauso schwer wie die Konzerne. (Marietta Türk, derStandard.at, 4.6.2012)

Wolfgang Zimmermann, Jahrgang 1955, ist Betriebswirt und Autor des Buches "Unternehmer sind Verrückte. Wie Unternehmer Grenzen überwinden und was Manager von ihnen lernen können", erschienen im Verlag Springer Gabler. Der Coach ist als Sparringpartner von Unternehmern und Führungskräften in innovativen und schnellen Branchen tätig.

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Ein Unternehmer wettert gegen das Großkapital und fordert höhere Spitzensteuersätze. Das kommt an.

http://www.zeit.de/2011/11/P... Moly-Prost

Bitte lesen Sie auch die Postings.

Stört eigentlich nur mich diese unkritisch vorgebrachte Verallgemeinung?

Unternehmer sind...
Manager sind...

Es sind halt die üblichen, derzeit sehr modernen Worthülsen.

Manager arbeiten im System, Unternehmer am System.

Mit anderen Worten: Management ist Gottesdienst am Status Quo.

Die Bilder stören mich gehörig!

Liebe Standard-Red., Unternehmer als junge Irre mit schallendem Gelächer (gerade in diesen Zeiten) darzustellen und Unternehmensberater als souveräne ältere Herren ist ja wohl MEHR als Hohn!

Allzuoft ist es eben genau das umgekehrte Bild!

Achtung, ein Outknower!

Da hat jemand offenbar voll den vorurteilsfreien Durchblick wie die Geschäftswelt läuft.

Nur ein Beispiel
http://www.instablogsimages.com/1/2011/12... 1241_0.jpg

aha..

heiko und meike aus kassel haben einen rundflug in einer cessna gewonnen.

Was wollen sie uns eigentlich sagen?

ok

manager is anpeitscher und sklaventreiber

und unternehmer ist betrüger und glücksspieler

so schauts aus

Nur würde es ohne diese Glücksspieler keine Arbeitsplätze geben.

ein unternehmer schafft keine arbeitsplätze, ein bedarf schafft arbeitsplätze.

das bedeutet ich, sie und milliarden andere haben bedarf an dingen. das schafft arbeitsplätze da wir alle diese bedürfnisse nicht selber decken können. einen "unternehmer" braucht es dazu nicht zwingend.

wozu es einen unternehmer "braucht" ist im verhalten der menschen verankert. these: menschen sind aufgrund ihrer historie leit und vaterfiguren verhaftet.

beispiele aus der natur beweisen: auch netzwerke können ganz ohne einen unternehmer bedürfnisse erfüllen.

der prozess oder verhalten ersetzt den unternehmer.

ein unternehmer "schafft" also keine arbeitsplätze, er nutzt einerseits einen existierenden bedarf und den "virtuellen" bedarf nach einer leitfigur aus um für sich einen gewinn zu erwirtschaften.

Und wer schafft Bedarf?

Abgesehen einmal von den Grundbedürfnissen, woher glauben Sie kommt der Bedarf an Autos, Fernsehern, oder Smoothies?

Und ja, klar können Anwender und Netzwerke ohne unternehmerisches Zutun selbst zu Produzenten werden. Aber schaffen sie dadurch Arbeitsplätze? Oder dient dies vlt. doch eher der eigenen Bedürfnisbefriedigung?

Der Unternehmer schafft nicht nur neue Zweck-Mittel Kombinationen (entweder Angebot oder Nachfrage/"Bedarf"), er schafft auch manchmal völlig neue Märkte (also Angebot und Bedürfnisse).

(2) der selbstzweck und bedürfnisbefriedigung

klar schaffen diese netzwerke arbeitsplätze. ob diese arbeitsplätz auch zur eigenen bedürfnisbefriedigung führen? da verstehe ich ihren einwand nicht. wenn ein arbeitsplatz auch das eigene bedürfnis erfüllt dann kann man davon ausgehen die arbeit wird motiviert erledigt.

ein unternehmer der nur ein angebot ohne bedürfniss schafft geht bald pleite.

nochmal: genau dieses schaffen vieler unnötiger bedürfnisses sehe ich als einen kernpunkt der krise. ein bedürfnis das den leuten eingeredet werden muss ist mit sicherheit unnötig. da werden resourcen verbraucht ohne sinn und zweck und das kann sich leider keine gesellschaft auf dauer leisten.

was sinn und zweck hat sollte allein der markt entscheiden und keine dauerwerbeberieselung.

(I)einen bedarf schaffe ich, sie und alle anderen menschen

mit einem bedarf durch gehirnwäsche (werbung) künstlich erzeugt wird tue ich mir schwer. das ist im grunde resourcenverschwendung und fördert ungerechtigkeiten.

denn das bedeutet menschen werden manipuliert (dafür wird manchmal bis zu 1/3 des etats ausgegeben!) um etwas zu wollen wofür sie im grunde nicht wirklich einen bedarf haben.

ich würde lieber die menschen (=märkte) entscheiden lassen was sie wollen und nicht dritten das recht geben ihnen durch methoden die erwiesenermaßen manipulativ perfekt funktionieren einreden zu lassen was sie für einen bedarf haben müssen.

ich denke genau das ist auch ein mitgrund der krise: die menschen geben zuviel aus für dinge für die sie im grunde gar keinen bedarf haben.

Woher kommt die Hackn?

Ad1: Das Snowboard wurde seinerzeit von findigen Sportlern entwickelt, welche damit ihr Bedürfniss nach mehr Spass befrieden wollten. Wurden dadurch Arbeitsplätze geschaffen? Nein, das waren jene Skihersteller (Unternehmer) die das Snowboard kommerzialisierten.

Ad2: Neben den offensichtlichen Bedürfnissen (zB nach Wr. Schnitzl) gibt es auch jene (latente) Bedürfnisse, die erst durch Werbung geweckt werden. Wer würde sich ohne Gehirnwäsche eine CD der Track-Shitaz kaufen? In allen Fällen aber resultiert die alleinige Existenz dieser Bedürfnisse nicht in Arbeitsplätze!

Ihre Argumentation ist insofern etwas eigenartig.
Aber ob alles was produziert UND vom Markt akzeptiert wird tatsächl. auch wünscheswert ist, mag ich auch bezweifeln.

"Manager zählen Schritte, Unternehmer machen sie, meint Berater Wolfgang Zimmermann."

Wohl eher die Arbeiter, oder? Erinnert mich ein bisserl an "Caesar hat ganz Gallien erobert" ...

Ein völlig sinnfreier Artikel!

Ich würde es unter "Werbung für Unternehmensberater" reihen :o)

Warum befragt man nicht UnternehmerInnen zum Unternehmertum,

statt ständig Interviews mit diversen Beratern zu veröffentlichen?

weil Unternehmensberater auch Unternehmer sidn

im Idealfall zumindest.

Im allgemeinen Sprachgebrauch (wenn auch nicht dem aktuellen der Wirtschaftskammer) versteht man "UnternehmerIn" eine Person, die Geld investiert und ein unternehmerisches Risko eingeht, um Geschäfte in einer gewissen Größenordnung zu tätigen.

die müssen halt hackeln... haben keine Zeit für Rumgequatsche und Interviews!

Mehr als die Hälfte der SVA-Zwangsbeitragszahler

sind EPUs. Nur mit Computern haben 99 Prozent von ihnen allenfalls bei der Buchhaltung zu tun, und "start ups" sind sie auch keine.

Sondern ganz gewöhnlich Hackler als Unternehmer, man nennt das Ich-AG heutzutage.

Früher sagte mann Selbstausbeuter dazu.

Da besteht ein gesellschaftlicher blinder Fleck - auch beim Interviewten und beim Interviewer.

was will uns die Redaktion mit dem oberen Titelbild sagen?

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