Disco aus der Tiefkühltruhe: "Kill For Love"

US-Produzent Johnny Jewel und seine Chromatics versuchen auf der Tanzfläche auch die Melancholie und Melodie zu berücksichtigen

Der Mann nennt sich bildstark Johnny Jewel. Das klingt wahlweise wie nach einem transsexuellen Discotänzer aus dem Umfeld Andy Warhols oder einem über die Highways ziehenden jugendlichen Delinquenten aus einem Song Bruce Springsteens. Man kann damit aber auch einen am Katzentisch landenden Teilnehmer beim Eurovision Song Contest assoziieren.

Bleiben wir in der Disco: Johnny Jewel betreibt von der gegenwärtig brüllend-angesagten und in der Internet-Serie Portlandia diesbezüglich lustig gewürdigten US-Hipster-Stadt Portland, Oregon, aus das Label "Italians Do It Better". Als kreativer Mittelpunkt diverser Acts wie Glass Candy, Desire oder der Chromatics veröffentlicht er im Zeichen der elektronisch generierten Italo-Disco der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre stehende Musik.

Die bekannteste Arbeit Johnny Jewels dürfte allerdings "Tick of the Clock" sein, sein Soundtrack-Beitrag für die Eingangsszene im Film "Drive". Zu somnambulen und trotzdem energetisch treibenden Beats und flächigen Keyboards fährt dort Ryan Gosling durch ein einsames, aber beträchtlich filmreif ausgeleuchtetes nächtliches Los Angeles.

Möglicherweise kam die Idee, Johnny Jewel zumindest mit Teilen des Soundtracks zu betrauen, vom Hören des ersten Chromatics-Albums "Night Drive" aus dem Jahr 2007. Darauf findet sich dank Chromatics-Sängerin Ruth Radelet nicht nur eine unterkühlte Discoversion von Kate Bushs Song "Running Up That Hill", sondern auch schon jene nun auf dem neuen Album "Kill For Love" zur Perfektion gebrachte alte Idee, tanzbarer Musik auch Melodie und mehrzeilige Texte beizufügen.

So pluckern auf dem in seiner Langfassung beachtliche 90 Minuten langen "Kill For Love" nicht nur Diskont-Beats und erklingen bewusst billige und an zerrinnenden Schmelzkäse erinnernde Keyboards aus der Schule von Produzenten wie dem französischen Discokönig Cerrone ("Supernature"), dem Südtiroler Minimalismusmagier Giorgio Moroder (Donna Summer und "Love To Love You Baby") oder dem italienischen Brüderpaar Carmelo und Michelangelo La Bionda ("One For You, One For Me").

Dank einer gegenwärtig hochmodischen Kombination aus nachdenklichen, melancholischen Discotanzliedern und nebelverhangenem Shoegaze-Pop aus dem Großbritannien der Zeit um 1990 mit tief im Hallraum und mit Phaser-, Flanger- und Distortioneffekten agierenden Bands Lush, Ride, My Bloody Valentine oder Cocteau Twins erreicht Johnny Jewel damit 2012 auch beachtliche Hipsterhöhen.

Da reicht es dann schon einmal, wenn zu Beginn des Albums einfach eine elektronische Lagerfeuerversion von Neil Youngs "Into The Black" gegeben wird, dem Ruth Radelet ihre Sammlung in der Tiefkühltruhe gelagerter Exlover zeigt. Sehr schön auch die selbstkomponierte Discoballade "The River".   (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 1.6.2012)

Chromatics - Kill For Love (Italians Do It Better/Trost)

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Vielleicht erwähnenswert und nützlich zum reinhören (mache ich gerade):

"On May 7, 2012, a drumless version of the album, containing eleven songs with no percussion, was made available by the band for free download." (http://en.wikipedia.org/wiki/Kill_For_Love)

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http://www.sendspace.com/pro/dl/7c67td

Super..

.. tolle Musik. Sie machen wahrscheinlich das bester Cover-Version von "I'm On Fire"

http://www.youtube.com/watch?v=3puTxY0Ucrc

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