Wallraff stößt bei GLS auf "moderne Sklaverei"

31. Mai 2012, 15:27
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Der Enthüllungsjournalist prangert beim Paketzusteller GLS 14-Stunden-Einsätze, Scheinselbst­ständigkeit und Dumpinglöhne an

Düsseldorf - Der Journalist Günter Wallraff war wieder einmal unter falscher Identität unterwegs - diesmal beim europaweit tätigen Paketzusteller GLS. Nach mehrmonatigen Recherchen prangert der 69-Jährige "Menschenschinderei mit System" an. "Fahrer werden dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet, ohne dass GLS sie auf die unternehmerischen und finanziellen Risiken hinweist. Viele werden total ausgebeutet, geraten in eine Schuldenfalle", sagte Wallraff. Als "einseitig und verkürzt" bezeichnet hingegen der angepatzte Pakethersteller die Anschuldigungen.

"Ich habe dort an verschiedenen Standorten mitgearbeitet und recherchiert - und habe Arbeitsbedingungen festgestellt, die körperlich, nervlich und finanziell ruinieren", betonte der Autor. "Es konnten oft keine Pausen gemacht werden, nachts waren nur vier oder fünf Stunden Schlaf drin. Das Unfallrisiko ist enorm." Und: "Wir waren in verbeulten Karren und bei Schnee und Eis auch mit Sommerreifen unterwegs", erzählt Wallraff. "Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt." Viele tausend Menschen seien betroffen, vor allem jüngere und männliche Beschäftigte.

GLS weist Verantwortung von sich

Ganz anders GLS. Das Unternehmen verpflichte Transportfirmen "zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen", hieß es in einer Mitteilung. Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam, das in Deutschland zu den vier größten Paketlogistikern gehört, "bedauerte" den Bericht.

"Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen", so der Geschäftsführer von GLS Germany, Klaus Conrad, und Rico Back der Chef der GLS-Gruppe, weiter.

"Prekäre Beschäftigung"

Doch Wallraff erlebte Anderes. "Ein Skandal ist auch, dass die ersten Stunden gar nicht bezahlt werden. Wenn die Fahrer um 5 Uhr die Pakete aus den Depots holen, vom Band nehmen, scannen und in die Wagen tragen, werden diese zwei, drei Stunden nicht bezahlt. GLS zahlt seinen Subunternehmern nur einen Preis pro Paket", kritisierte Wallraff. Es handle sich um "prekäre Beschäftigung" und um Dumpinglöhne von oft nur umgerechnet drei bis fünf Euro pro Stunde. Er habe 14-Stunden-Einsätze bis zur totalen Erschöpfung erlebt, Schlafdefizite, Drangsalierung. Arbeitsschutzgesetze würden klar missachtet. "Gegenüber den Behörden werden manipulierte Angaben gemacht."

Die unzumutbaren Praktiken erfolgten "mit Wissen des Konzerns und mit System", betonte der Autor. Es handle sich um eine Form von Scheinselbstständigkeit, in die Menschen gedrängt würden, "die keine Wahl haben und die erst einmal einfach froh sind, irgendwie in Arbeit zu kommen". Die Konditionen seien schwer durchschaubar, auch was etwa die Risiken bei Unfall oder Krankheit betreffe.

Paketbranche nimmt Kritik teils an

In der Paketbranche stießen die Vorwürfe Wallraffs auf ein geteiltes Echo. "Wir kennen die Probleme, die die Branche hier hat", sagte der Sprecher der Deutschen Post, Dirk Klasen. "Im Bereich der Subunternehmer gibt es einen harten Wettbewerb." Trotz vieler Missstände in der Branche sei die Arbeit des Paketnetzwerks DHL aber auf einem "absolut vorzeigbaren Niveau", sagte Klasen. Bei der Fremdvergabe von Aufträgen seien letztlich die Subunternehmer dafür verantwortlich, ihre Fahrer angemessen zu entlohnen.

"In diesem System ist etwas nicht in Ordnung", sagte der Sprecher des Paketverbands Hermes, Thomas Voigt, in einer Diskussionsrunde mit Wallraff bei "stern TV" am Mittwochabend. Voigt kündigte Verbesserungen für die Hermes-Paketfahrer an. "Wir sind bei Hermes grundlegend dabei, das ganze System umzubauen. Wir werden die Bezahlung pro Paket abschaffen und einen Stundenlohn einführen." Die Hauptkritik Wallraffs gilt GLS, aber auch den Missständen in der Branche allgemein. Auch ein früherer Fahrer von Hermes kommt zu Wort.

Wallraff will Junge erreichen

Er hoffe, nun auch möglichst viele Betroffene über den Privatsender RTL, der seine Reportage ausgestrahlt hat, zu erreichen: "Die, auf die es mir sehr ankommt, sind die Jüngeren. Das sind die, die vielleicht weniger Bücher lesen", sagte Wallraff. Der Journalist hat auch diesmal sein Aussehen verändert und sich auf jünger trimmen lassen. Seit den 70er Jahren sorgt er mit seinen Undercover-Recherchen für Schlagzeilen, etwa als "Bild"-Reporter oder als türkischer Gastarbeiter Ali. Seine Recherche über schlechte Bezahlung und mangelnden Arbeitsschutz in einer Großbäckerei, die einem Discounter zuliefert, führte zu einem noch laufenden Prozess gegen den Firmenchef.

Laut einer Studie zu den Arbeitsbedingungen bei Paketzustellern in Österreich, herausgegeben vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und der Gewerkschaft Vida, werden die Arbeitsbedingungen in dieser Branche auch hierzulande immer prekärer. Bis zu 15.000 Personen seien betroffen. (APA, 31.5.2012)

Wissen

GLS (General Logistics Systems) hat nach eigenen Angaben gut 210.000 Kunden in Europa, davon rund 40.000 in Deutschland. Laut Homepage gibt es in ganz Deutschland für den Paket- und Express-Service 57 Depots, 3.850 Zustellerfahrzeuge sind im Einsatz. Auch in Österreich ist der Konzern tätig.

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    Günter Wallraff war wieder undercover unterwegs.

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