Wirtschaftsjournalismus "muss differenzierter ausfallen"

Diskussion30. Mai 2012, 22:34
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Das Medienquartett auf Okto über die Lehren aus der Finanzkrise, fahrlässige Medien und die Skandalkonjunktur in der Berichterstattung

"Ich selbst habe zahllose Fehleinschätzungen getroffen, die wiederum das Ergebnis vieler Gespräche mit vorgeblichen Experten waren. Es ist alles andere als einfach, hier eine klare Linie zu halten, einen Durchblick zu bewahren. Es muss unsere Aufgabe sein, mehr denn je, darauf hinzuweisen", sagte Michael Nikbakhsh Dienstagabend im Medienquartett auf Okto zur Krux der Berichterstattung über Ökonomie und deren Zusammenhänge. Der Leiter des "profil"-Wirtschaftsressorts war zu Gast bei Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen und derStandard.at-Bloggerin), "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher und Ethikprofessorin Herlinde Paul-Studer.

Massiver Informationsbedarf

Die Lehre aus der Finanzkrise: "Wirtschaftsberichterstattung muss künftig differenzierter ausfallen und vorsichtig sein mit Tatsachenfeststellungen." Seine Aufgabe sei es nicht, "die Leute zu beruhigen, das gilt aber für jede Art von Journalismus". Bei Lesern sieht Nikbakhsh einen massiven Informationsbedarf in der Nachbetrachtung der Staatschuldenkrise. 

"Anfüttergeschichten" in Politik und Wirtschaft, was tut sich hinter den Kulissen in der Finanzwelt? Das Medienquartett zum Thema Wirtschaftsjournalismus in voller Länge.

Dabei tun sich nicht nur Leser, Journalisten oder Politiker schwer, die Zusammenhänge zu verstehen. "Selbst Bankmanager in den USA haben auch nicht durchgesehen", Nikbakhsh nennt als Beispiel Kreditausfallsversicherungen. "Das sind rechtliche Konstrukte, die nur eine handvoll Menschen sinnerfassend lesen kann." Was man dagegen tun kann, sei sich weiterzubilden und möglichst oft möglichst viel zu fragen.

Fahrlässige Wirtschaftsberichterstattung

Wann lerne man Umgang mit dem Geld? In der Schule nicht, wenn man kein einschlägiges Studium macht auch nicht, sagt Nikbakhsh. Oft werde der Eindruck erweckt, dass man mit sehr wenig Geld in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld machen könne. Dagegen sollten Wirtschaftsjournalisten auftreten, findet Nikbakhsh. Er hält es für fahrlässig, wenn Medien "das Beste für Ihr Geld" oder "so werden Sie reich" propagieren. "Der kleine Hinweis, dass das alles mit Risiken behaftet ist, der wird ständig überlesen."

Die Skandalkonjunktur in der Berichterstattung derzeit ergibt sich aus den wirtschaftspolitischen Entscheidungen in der Ära Schwarz-Blau, weiß Nikbakhsh. "Vor der Struktur Meinl haben wir gewarnt, lange bevor das Ding später kollabierte", erzählt er. Später habe er erfahren, dass sogar seine Mutter in Meinl investiert hatte. "Trotz der Warnungen, trotz der Geschichten", weil man ihr das Produkt als sicher verkauft habe.

Journalistische Interessenskonflikte

Über Interessenskonflikte seiner Zunft müsse man sprechen, manche Praktiken seien zu hinterfragen, erklärt Nikbakhsh und nennt als Beispiel seine Recherchen über einen "Krone"-Journalisten. "Was ein Journalist privat mit seinem Geld macht, das sollte man dem Journalisten überlassen." Man würde zu weit gehen, wenn man einzelne Berufsgruppen von gewissen Geschäften ausschließe. Aber es werde dann ein Problem, wenn Journalisten "berichten, ohne zu sagen, dass sie selbst ein Interesse daran haben". Thurnher widerspricht: "Ich finde, da muss man ausschließen." (sb, derStandard.at, 30.5.2012)

  • Diskutierten mit Michael Nikbakhsh über Wirtschaftsjournalismus: Armin Thurnher, Rubina Möhring und Herlinde Pauer-Studer.
    foto: okto

    Diskutierten mit Michael Nikbakhsh über Wirtschaftsjournalismus: Armin Thurnher, Rubina Möhring und Herlinde Pauer-Studer.

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