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Tokio - Am 22. April feierte Kaneto Shindo seinen hundertsten Geburtstag, zwei Jahre davor hatte er seinen letzten Film, Postcard, realisiert, eine düstere Komödie um Kriegsopfer. Es handelte sich um Shindos 49. Film, ein Abschiedswerk, in das er auch seine eigenen Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg einfließen ließ - er war einer von sechs Überlebenden einer hundertköpfigen Truppe im Pazifik.
Die Karriere des 1912 in Hiroshima geborenen Kaneto Shindo währte eindrucksvolle 70 Jahre lang, etliche Wandlungen, Stile und Moden des japanischen Kinos spiegeln sich darin wider. Im Westen ist Shindo vor allem für zwei Horrorfilme mit sozialrealistischer Grundierung bekannt: Onibaba (1964), ein vielbewunderter Klassiker, entwirft ein expressives Drama um eine Mutter und ihre Tochter aus dem Lumpenproletariat, die auf Grasfeldern Samurais auflauern und töten, um ihre Waffen weiterzuverkaufen. Auch Kuroneko (1968) ist im mittelalterlichen Japan angesetzt und erzählt die Geschichte eines weiteren mörderischen Mutter/Tochter-Duos, das sich als katzenhafte Vampire an seinen Peinigern rächt.
Doch Shindo, der in den 30er-Jahren bereits bei Kenji Mizoguchi assistierte, war keineswegs auf ein Genre beschränkt - auch nicht auf das Regiefach. Als Drehbuchautor machte er sich bereits in den 40er-Jahren einen Namen - weit über 200 Filme sollte er insgesamt schreiben. 1950 gründete Shindo gemeinsam mit Nokuko Otawa, die in etlichen seiner Filme mitwirkte, eine der ersten unabhängigen Filmproduktionsfirmen.
Sein erster großer Erfolg kam mit Children of Hiroshima (1952), einer frühen schmerzvollen Auseinandersetzung mit dem Atombombenabwurf, in dem auch Strahlenopfer mitwirkten. Politisch, klassenbewusst war seine Haltung, wendig, aufgeschlossen blieb sein Stil - egal ob er, wie in The Naked Island (1960), das semidokumentarische Porträt einer Fischerfamilie drehte oder von einem Jugendlichen erzählte, der zum Serienmörder wird (Live Today, Die Tomorrow!, 1970).
Mit Kaneto Shindo, der am Dienstag eines natürlichen Todes starb, hat das
japanische Kino einen seiner umtriebigsten Filmschaffenden verloren. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 31.5.2012)
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