Von Menschenbildern und Leichenbäumen

30. Mai 2012, 18:46
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Andreas Kriegenburg zieht in München nach der enttäuschenden "Walküre" mit "Siegfried" wieder an

An der Bayerischen Staatsoper in München geht es zügig - innerhalb einer Spielzeit (!) - auf das Ring-Finale zu. Pünktlich zu den traditionellen Opernfestspielen kann Nikolaus Bachler seinen Ring, mit dem sich Kent Nagano sozusagen aus München verabschiedet (um, wie gemunkelt wird, nach Hamburg zu wechseln), komplett präsentieren. Dabei: Die ganz wörtlich zu verstehenden Menschenbilder, die Regisseur Andreas Kriegenburg im Rheingold mit Überraschungseffekt eingeführt hat, sind zum ästhetisch beherrschenden Thema mit Variationen geworden. Mit allem, was das an szenischen Gefahren und Möglichkeiten so bietet.

In der Walküre überschreitet ihr Einsatz als dienstbare Wasserglas-Träger zwischen Siegmund und Sieglinde die Grenze des Plausiblen allzu deutlich. Auch die minutenlange Stampfpantomime der Rösser vor dem Walkürenritt ist vor allem unfreiwillig komisch. Auch im Siegfried verkauft er sich unter Wert, wenn er die in der Wissenswette verpackten Rückblenden oder gar Siegfrieds Geburt eins zu eins bebildert.

In der Walküre gelang das Aufladen von groß gedachten Räumen und starken Einzelbildern (wie dem Leichenbaum, unter dem sich die Zwillinge finden), durch den überstrapazierten Bewegungschor nur partiell. Im Siegfried hat Kriegenburg damit mehr Glück. So hat es poetischen Charme, wenn plötzlich artistisch aufragende Menschenbäume Waldatmosphäre imaginieren. Oder wenn als Eingang zur Neidhöhle lauter Menschen in einem riesigen Gitterportal hängen und an den Schlund einer fleischfressenden Pflanze erinnern.

Beim Schwerteschmieden wird der lodernde Übermut der Musik sogar zu einer Art Happening auf der Bühne: Da hält ein Club von Jungwagnerianern im (Shakespeare'schen) Mittsommernachts-Camp einen Nothung-Workshop ab. Mit Riesenblasebalg, Konfettifunkenflug bei jedem Hammerschlag und vielen anderen theatralischen Als-ob-Schmankerln. So kollektiv und ansteckend lustig dürfte das Wunderschwert noch nie geschmiedet worden sein. Von einer gelungenen Melange aus szenischem Witz und Kammerspiel profitiert dann auch das große Liebesduett am Ende.

Die schlafende Maid

Nachdem sich Siegfried durch eine Menschenwaberlohe unter Plastikfolie gedrängelt, die schlafende Maid gefunden und erkannt hat, bedeckt ein wallendes Tuch Bühne und Rückwand. Hier bieten Siegfried und Brünnhilde auf und neben einem Riesenbett ein hinreißendes Spiel des Erwachens und der Verführung. Andreas Kriegenburg und sein Team (Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Andrea Schraad) bleiben also dabei, auf Menschenbilder zu setzten, statt nach brisanten Anknüpfungspunkten zu suchen, mit denen man dies Werk an der Welt von heute andocken könnte.

Und doch hinterlässt das Siegfried-Finale einen starken Eindruck. Wohl auch, da es Kent Nagano am Pult, Lance Ryan als Siegfried und Catherine Naglestad als Brünnhilde zu einem musikalischen Höhepunkt machen. Als Tiefpunkt bleibt ausgerechnet der erste Walküre-Akt in Erinnerung, den Nagano überdehnte und den weder die wunderbare Anja Kampe als Sieglinde noch der als Siegmund etwas deplatziert wirkende Klaus Florian Vogt retten konnten. Thomas J. Meyer als hervorragender noch junger Wotan (und im Siegfried als vom Orchester bedrängter Wanderer), Sophie Koch (Fricka) und Katarina Dalayman (Brünnhilde) sicherten den vokalen Standard der Walküre.

Ein regelrechter Glücksfall ist Lance Ryan. Der für Bayreuth 2013 gebuchte Siegfried ist nicht nur ein erstklassiger Strahlemann - er hat auch Spielwitz. Die Überraschung ist die Brünnhilde von Catherine Naglestad. "Brünnhilde bin ich nicht mehr", hat sie bei der Abwehr von Siegfrieds Avancen zu singen. Doch sie ist genau die Brünnhilde, die man hören und sehen will. Mühelos aufstrahlend, ohne Schärfe, verführerisch schön in jeder Beziehung.

Obgleich nicht durchgängig auf gleich hohem Niveau und mit erkennbarer Deutungslust am Werke, findet auch Kent Nagano im Graben immer wieder zu einem sinnlichen Wagnerklang, der in seinen besten Momenten die Sänger trägt und nicht bedrängt.   (Joachim Lange aus München, DER STANDARD, 31.5.2012)

  • In der bayrischen Staatsoper zur Zeit sehr überzeugend: Lance Ryan (als Siegfried).
    foto: wilfried hösl

    In der bayrischen Staatsoper zur Zeit sehr überzeugend: Lance Ryan (als Siegfried).

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