Billy Bragg: "Thatcher war mir lieber als Cameron"

Interview30. Mai 2012, 18:56
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Der legendäre britische Sänger und Aktivist gastiert am Donnerstag im Grazer Volkshaus und am Freitag im Wiener Flex

Billy Bragg über den Kampf gegen Faschisten und über Musik, Politik und Liebe.

STANDARD: Wann waren Sie das letzte Mal in Österreich?

Bragg: Ich spielte Ende der 1980er-Jahre in Wien. Ich kann mich nur mehr an wunderbare Antiquariate erinnern und an den Karl-Marx-Hof. Ich freue mich auf Graz, denn ich liebe es, neue Orte zu besuchen, und nehme mir immer Zeit. Ich muss die Vibes einer Stadt und ihre Leute kennenlernen.

STANDARD: Warum waren Sie so lange nicht in Österreich?

Bragg: Ich wurde Vater. Elternschaft ist wunderbar, sie erdet einen, hilft einem, die Füße am Boden zu behalten. Aber der Radius für Reisen und Tourneen wird kleiner. Ich war auch lange nicht in Süddeutschland oder Italien. Aber jetzt ist mein Sohn 18.

STANDARD: Kommt er mit?

Bragg: Nein, das interessiert ihn nicht. Er hat seine eigene Band und mag es auch nicht, wenn ich zu seinen Konzerten komme. Aber meine Frau fährt manchmal mit. Sie war zum Beispiel in Italien dabei. Da haben wir, wie in Graz, bei den Kommunisten gespielt.

STANDARD: Woody Guthries Tochter Nora hat Sie 1992 gebeten, neue Musik zu Texten ihres Vaters zu schreiben. Gerade erschien der dritte Teil dieses Projekts, die "Mermaid Avenue"-Sessions. Wie war die Arbeit mit der US-Band Wilco am großen Guthrie?

Bragg: Es brauchte viel Überzeugungsarbeit von Nora. Ich dachte: Warum ich? Ich komme aus einem anderen Land, aus einer anderen Generation. Warum nicht Bob Dylan? Später habe ich es verstanden: Sie wollte jemanden, der einen weiteren Blick auf das Ganze hat. Dylan und Co waren zu ehrfürchtig, zu nahe dran. Als ich sah, wie stark und klar seine Texte waren, war ich überzeugt. Das waren keine Fragmente, sondern etwa 3000 vollendete Texte. Und Nora erlaubte mir, mit Wilco daran zu arbeiten. Mit Jeff Tweedy (Wilco-Sänger, Anm.) ging das sehr gut, und wir wussten: Klappt es nicht, ist eben der jeweils andere schuld.

STANDARD: Auf Guthries Gitarre stand der legendäre Satz "This Machine Kills Fascists". Kann Musik Faschismus besiegen?

Bragg: Menschen können Faschismus besiegen, aber man muss sich organisieren. Der Kampf gegen Neonazis ist für mich ein ewiges Thema. 2010 hatte die BNP (British National Party, Anm.) in meiner Heimatgemeinde Barking in East London zwölf Sitze. Eine Tragödie für die multikulturelle Gemeinschaft. Aber wir haben uns organisiert und traten öffentlich gegen die BNP auf. Danach verloren sie jeden einzelnen Sitz.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Musik dabei?

Bragg: Sie bringt Leute zusammen. Als ich jung war, arbeitete ich als Bote für eine Bank. Die meisten Arbeitskollegen waren älter und machten ständig rassistische und sexistische Witze, wenn wir um die Kaffeemaschine standen. Ich wolle etwas sagen, war aber eingeschüchtert. Dann kam dieses wunderbare Konzert von The Clash. Da spürte ich erstmals, dass ich nicht in einer Minderheit war, sondern 100.000 Kids um mich herum dachten wie ich. Zurück bei der Arbeit fühlte ich mich gestärkt.

STANDARD: The Clash waren auch die Auslöser für Sie, Ihre erste Band zu gründen. Wer waren Sie zuerst: der Musiker oder der politische Mensch?

Bragg: Ich bin kein politischer Mensch. Ich schreibe einfach über das, was mich aufregt. Oft ist es Politik, manchmal Beziehungen - oder nur das Wetter.

STANDARD: Sie haben mit Protest- und Liebesliedern Erfolg. Was haben Liebe und Politik gemein?

Bragg: Es gibt zwei Dinge, die man für beide braucht: Ehrlichkeit und Mitgefühl. Sozialismus ist nichts ohne ein aufrechtes Mitgefühl für die Menschen. Ja, das ist eine Form von Liebe. Mitgefühl ist unsere wichtigste Eigenschaft. Sie macht uns zu dem, was wir sind.

STANDARD: Zieht Sozialismus noch bei der Jugend?

Bragg: Wir leben in einem postideologischen Zeitalter. Die Sprache von Marx ist tot. Wir müssen neue Worte finden. Das ist der Job der Poeten, auch meiner. Das 20. Jahrhundert und die Ausformungen des Sozialismus haben das Mitgefühl beschädigt. Aber die Jugend heute hat eine Chance, ohne diesen Ballast neu anzufangen.

STANDARD: Weil sie sich nicht mehr an den Ostblock erinnern kann?

Bragg: Weil ihnen niemand sagen kann, sie sollen nach Russland verschwinden. Wenn ich jungen Leuten von der Occupy-Bewegung zuhöre, höre ich, dass sie noch immer dasselbe wollen: Lebensqualität, Gerechtigkeit, einen funktionierenden Sozialstaat. Und dann sehe ich alte Marxisten im Publikum ihre Köpfe schütteln, weil die Jungen nicht Marx zitieren. Da denke ich mir: "Geh heim, Opi! Die machen das schon!"

STANDARD: Wie machen sie es?

Bragg: Als ich jung war, konnte ich mich nur ausdrücken, wenn ich meine Gitarre in die Hand nahm. Heute schreiben sie auf Blogs, Facebook, Twitter ...

STANDARD: Ich folge Ihnen übrigens auf Twitter.

Bragg: Das freut mich. Aber glauben Sie mir: Man kann keinen Tweet schreiben, der andere zu Tränen rührt. Und niemand wird je Konzerthallen füllen, weil er dort aus seinem Blog vorliest.

STANDARD: Sie haben in den 1980er Jahren in Ihrer Heimat die Bergarbeiter in ihrem Streik unterstützt. Was ist schlimmer: Thatcherismus oder David Cameron?

Bragg: Thatcher war mir lieber. Sie war eine Radikale und sagte, was sie sich dachte, wie unpopulär das auch war. Ich hasste ihre Politik, aber man wusste, wofür sie stand. David Cameron? Keine Ahnung wofür der steht. Tony Blair? Weiß noch immer nicht, wofür er stand.

STANDARD: Wenn Sie sich heute in Europa umsehen, überwiegt bei Ihnen Hoffnung oder Angst?

Bragg: Es ist eine spannende Zeit. Die Völker Europas verhalten sich nicht so, wie es die Märkte von ihnen erwarten. In Großbritannien kaufen die Leute etwa weniger ein. Die Finanzmärkte glauben, sie seien eine unaufhaltsame Kraft, aber sie vergessen: Das europäische Volk ist ein unbewegliches Objekt - und stärker als die Märkte. Aber wir müssen zusammenhalten. Deshalb werde ich das Lied "There is Power in a Union" auch immer weiter singen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 31.5.2012)

Billy Bragg (54) gründete 1977 seine erste Punkband, 1983 startete er seine Solo-Karriere und landete mit dem Debütalbum "Life's a Riot with Spy vs Spy" in den Charts. Er ist einer der wichtigsten britischen Musiker und Aktivisten.

  • "Glauben Sie mir: Man kann keinen Tweet schreiben, der andere zu Tränen rührt" - Billy Bragg über die Grenzen moderner Kommunikationsmittel.
    foto: james millar

    "Glauben Sie mir: Man kann keinen Tweet schreiben, der andere zu Tränen rührt" - Billy Bragg über die Grenzen moderner Kommunikationsmittel.

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