Wiener Islamisten: Urlaub oder Terrorcamp

30. Mai 2012, 19:54
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Fortsetzung im Prozess gegen vier Muslime, mutmaßliche Mitglieder einer terroristischen Vereinigung

Wien - "Ich bin leider sehr ungeduldig und unvernünftig geworden", sagt Patrick H. dem Schöffengericht unter dem Vorsitz von Daniela Zwangsleitner. Aber nicht im Sinne der Anklage, die dem 26-jährigen Wiener nämlich vorwirft, Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen und Geld für den Jihad gesammelt zu haben. Und in ein pakistanisches Terrorcamp wollte er schon gar nicht fahren. Sondern, da er vom Beispiel von Bekannten so inspiriert worden sei, unbedingt in einem islamischen Land unter der Scharia leben.

Der Konvertit ist einer von vier im Saal 211 des Wiener Landesgerichtes sitzenden jungen Männer, die sich alle nicht schuldig bekennen. Warum er mit seiner schwangeren Frau und einem einjährigen Kind nicht einfach in die neue Wunschheimat Pakistan geflogen sei, will Zwangsleitner wissen. Denn tatsächlich hatte er lediglich ein Flugticket in die Türkei in der Tasche, als er mit seiner Familie und einem weiteren Mann im Juni 2011 am Flughafen Schwechat von der Polizei mitgenommen wurde.

Der Angeklagte sammelte 4000 Euro

"Es war so schwierig, ein Visum zu bekommen. Ich hätte in der Türkei einen Kontaktmann anrufen sollen, der hätte uns über den Iran nach Pakistan gebracht." "Sie wären also mit ihrer schwangeren Frau und dem Kind auch stundenlang zu Fuß über die Grenze gegangen?", wundert sich die gelegentlich recht bestimmt verhandelnde Vorsitzende. Er sei eben unvernünftig gewesen, antwortet er. "Vor der Polizei haben sie noch gesagt, ihre Frau sei das gewohnt, da sie in deren Herkunftsland Somalia auch viel zu Fuß gegangen sei."

Im Endeffekt sei das aber ohnehin hinfällig geworden: Am Vorabend der Reise habe er seinen Plan aufgegeben und wollte nur noch in die Türkei fliegen, um dort Urlaub zu machen.

Dass er oft mit dem Erstangeklagten Thomas Al-J. Kontakt hatte, bestreitet er nicht. Es sei dabei aber nie um aktive Gewaltausübung gegangen. Im Gegenteil: Al-J. habe Anschläge auf Unschuldige kritisiert. "Sicher, der Jihad ist Teil der Religion, aber ich wollte in Pakistan nicht kämpfen, das ist keine Option."

Und die DVD mit tausenden Seiten über Funktionsweisen von Waffen, Boden-Luft-Raketen und Kampftaktiken, die in seiner Wohnung gefunden wurde? "Ich kannte die Datei nicht, und es war alles auf Arabisch." Und diese Sprache verstehe er nicht.

Dass er in einer Moschee 4000 Euro gesammelt hat mit der Begründung: "Es gibt einen Bruder, der Unterstützung benötigt", leugnet er auch nicht. Allerdings sei er selbst der Bruder gewesen, habe aber aus Scham nicht gesagt, dass er das als Startkapital für sein neues Leben brauche. Der Prozess wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 31.5.2012)

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    Thomas Al-J. leugnet wie seine drei Mitangeklagten, etwas mit Terrorunterstützung zu tun zu haben. Indizien gibt es aber.

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