Aufstand gegen Mexikos alte Dämonen

Reportage31. Mai 2012, 05:30
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Mexikos Jugend entdeckt die Demokratie und mischt die Kampagne zu den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 1. Juli auf. Sie will ein Comeback der alten Machtpartei PRI verhindern

Da steht er nun, der Kandidat der Kontroverse. Ein verkappter Caudillo für die einen, ein Erlöser Mexikos für die anderen: Enrique Peña Nieto (45), schwarze Hose, polierte Schuhe, blütenweißes Hemd. Die Haartolle adrett nach hinten frisiert, jede Geste einstudiert. Wenn den Umfragen Glauben zu schenken ist, wird der ehemalige Gouverneur der nächste Präsident des Landes. Darauf hat er sein ganzes Leben lang hingearbeitet. Zwei Gouverneure hat seine Familie hervorgebracht, er will der erste Präsident sein.

Zwölf Jahre nach der PRI-Niederlage

Im Laufschritt kommt er in die Wahlkampfarena, durchbricht die Absperrung, schüttelt Hände, herzt Kinder und lächelt in Mobiltelefonkameras. Alles wirkt jung, dynamisch, volksnah. Wären da nicht die Partei, die er repräsentiert, und der Rattenschwanz an Korruption, Autoritarismus und Misswirtschaft, mit dem sie assoziiert wird. Zwölf Jahre nach ihrer Niederlage greift die Partei der Institutionellen Revolution (PRI) wieder nach der Macht, und Enrique Peña Nieto ist ihr Ass.

Auf der Bühne redet er von Hoffnung, von Aufbruch und der vergangenen Größe Mexikos, die es zurückzugewinnen gilt. Keine abstrakten Programme, keine konkreten Analysen. Zahlen, Fakten sind nicht die Sache eines Mannes, dem der jüngst verstorbene Autor Carlos Fuentes vorwarf, ignorant zu sein, und der auf die Frage nach seinen drei Lieblingsbüchern ins Stottern kam. Peña Nietos Stärke liegt woanders. Er bringt seine Landsleute zum Träumen, wie die Seifenopern, in denen seine zweite Ehefrau mitspielt. Seit Monaten liegt er in den Umfragen klar vor seinen beiden Konkurrenten, der hölzernen, konservativen Josefina Vázquez Mota von der regierenden Partei der Nationalen Aktion (PAN) und dem linkspopulistischen Andres Manuel López Obrador. Doch wenige Wochen vor der Wahl am 1. Juli holt ihn die Realität ein.

So auch auf dem Meeting in Queretaro in Zentralmexiko. Eigentlich war ein Treffen mit Jugendlichen geplant, doch die sind deutlich in der Minderheit zwischen wettergegerbten Bauern, mit Gel frisierten Parteifunktionären und Müttern mit Kindern - zumindest im Innern des Stadions.

71 Jahre an der Macht

Denn draußen, vor den Toren, da versammeln sich die Studenten - und platzen unverhofft mitten in die rot-weiß-grüne Euphorie. Einige erklimmen die Absperrung und halten Transparente in die Menge. Von Menschenrechtsverletzungen ist da die Rede, von Korruption und Wahlbetrug. Kurz, von der PRI, die Mexiko 71 Jahre lang autoritär regiert hat, bis sie 2000 per Urne aus dem Präsidentenpalast katapultiert wurde.

Auf die Jugend sind die PRI-Leute nicht gut zu sprechen, seit Mitte Mai ausgerechnet die Studenten einer teuren Privatuniversität bei einer Veranstaltung Peña Nietos die ersten Proteste anzettelten, sodass der Kandidat über einen Hinterausgang flüchten musste. Das seien von der Opposition bezahlte Provokateure, ließ seine Kampagne verlautbaren.

Es war diese Überheblichkeit, die das Fass zum Überlaufen brachte und 131 Studenten dazu, per Youtube zu bekunden, sie seien ganz normale Studierende. Seither werden unter "#ich bin Nummer 132" per Twitter und Facebook landesweit Demonstrationen organisiert. Von 80 Millionen Wahlberechtigten sind 14 Millionen Jungwähler. Doch bei den Traditionsparteien haben sie wenig Platz. Sie gelten als apolitisch, konsumorientiert oder problematisch, wenn sie zu den 7,5 Millionen "ni-ni" gehören, die weder studieren noch arbeiten.

Kritik an TV-Sender

Und nun ist es ausgerechnet diese abgeschriebene Generation, die mobilmacht für die Demokratie. Sie fordert faire Spielregeln, echte Debatten und wirft den Medien unausgewogene Berichterstattung vor - vor allem dem mächtigen TV-Sender Televisa, mit dem sich noch kein Präsident anzulegen traute und der von Peña Nieto Millionen erhalten hat. "Peña Nieto hat das Fernsehen, wir haben die Straße und die Netzwerke", lautet ein Slogan.

Inwieweit die Protestbewegung die Wahl beeinflusst, ist unklar. "Die Mobilisierungskraft der Studenten wird nachlassen", vermutet die Politologin Mireya Márquez. Immerhin sah sich Peña Nieto - ursprünglich für die "Restauration der präsidialen Autorität" - genötigt, rasch ein demokratisches Manifest vorzulegen und von einer "neuen PRI" zu reden. Wie diese aussehen soll, bleibt selbst für ihre Wähler nebulös. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 31.5.2012)

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    Als sich anbiedernden Schnösel mit Superhaartolle verhöhnen Jugendliche den PRI-Präsidentschaftskandidaten Enrique Peña Nieto.

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