Tabubruch aus Sensationsgier

Blog | Rubina Möhring, 30. Mai 2012, 17:08
  • Andy Coulson
    foto: ap/oli scarff

    Andy Coulson

Mediale Grenzüberschreitung in Österreich und Großbritannien

Gut gelernt ist halb gewonnen. Das dürften sich auch die im Fellner'schen Sold stehenden oe24.at-Newsmacher gedacht haben, als sie am Dienstag einen Liveticker vom Begräbnis des von seinem Vater ermordeten siebenjährigen Berk in St. Pölten schalteten. "Die Mienen der Trauernden sind schmerzverzerrt", war dort unter anderem zu lesen. Lehrmeister dürften die in Sachen journalistischer Ethik, Pietät oder gar Wahrung der Privatsphäre nicht zimperlichen angelsächsischen Murdoch-Medien gewesen sein. 

Österreichs Presserat hat prompt protestiert, der oe24-Eigner Wolfgang Fellner will von nichts gewusst haben, der Ticker wurde eingestellt. Geschehen ist jedoch geschehen. Widerwärtig wurden aus medialer Sensationsgier journalistische Grenzen überschritten. Was folgt als nächster Schritt?

Noch ist die Aufregung groß. Fellners Liveticker sei wirklich das Letzte, der Mann habe jede Pietät und allen Respekt verloren, kommentiert unter anderen der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung "Falter", Florian Klenk. Einen Tabubruch ortet die Medienanwältin Maria Windhager. Medienrechtlich ist das leider bisher noch unbedenklich, ergänzt Anwaltskollege Alfred Noll. Ob und was der allgemeinen Empörung also folgen wird, ist ungewiss. Vielleicht sogar gar nichts.

In Großbritannien müssen sich die Verantwortlichen des Murdoch-Konzerns vor einem staatlich eingesetzten Richterausschuss für den begangenen Missbrauch journalistischer Freiheit, sprich Nachrichtenmanipulation und Bestechung, verantworten. Murdoch junior hat bereits notgedrungen seine Führungspositionen niedergelegt.

Schiefes Licht

Die Murdoch-Vertraute und Ex-Chefredakteurin des inzwischen eingestellten Boulevardblattes "News of the World", Rebecca Brooks, kam nur gegen Kaution zunächst wieder auf freien Fuß. Sie trug wesentlich die Mitverantwortung an den kriminellen Praktiken der Murdoch-Redaktionen. Wir erinnern uns: Polizeibeamte wurden bestochen, Mobiltelefone widerrechtlich abgehört, die Nachrichtenbox des Mobiltelefons eines entführten, bereits ermordeten Mädchens manipuliert. Beweismaterial sollte verschwinden. Dass Rebecca Brooks zwischenzeitlich auch ein inniges Techtelmechtel mit Premier Cameron gehabt haben dürfte, entspricht genauso wenig der sprichwörtlich feinen britischen Art.

Ebenso schief ist das Licht, das nun auf Camerons Ex-Pressesprecher Andy Coulson fällt. Er wurde jetzt wegen Meineids festgenommen und wie Brooks nur gegen Kaution wieder aus der Haft entlassen. Auch Coulson war vor seiner Cameron-Zeit Chefredakteur der Zeitung "News of the World". Er hatte in einem ersten Verhör bestritten, von den illegalen Abhörpraktiken der Redaktion gewusst zu haben.

Arme Königin Elizabeth, die heuer ihr diamantenes Regierungsjubiläum feiert: 60 Jahre an der Macht, und nun so etwas. Die Queen-Plastikfiguren, die bei Sonneneinfall huldvoll winken, erhalten durch diese Skandale eine traurige Mehrfachbedeutung.

M-dominiert

Nach wie vor sind jedoch auf der königlichen Insel die Murdoch-Medien omnipräsent. Bei innerstädtischen Zeitungsverkäufern, an Flughäfen und Bahnhöfen sind vornehmlich diese zu erhalten. Klar doch, das sind Murdoch-konzerneigene Verkaufsstände. Andere Medien können sich einen solchen Aufwand nicht leisten. Die breite öffentliche Meinung bleibt M-dominiert.

"The newspaper you are reading is rubbish" - die Zeitung, die du gerade liest, ist Abfall: Groß ist dieser Hinweis in den Londoner U-Bahn-Waggons plakatiert. Gemeint sind die Gratiszeitungen, die, weil kostenlos, offenbar auch wertlos sind und deshalb nach kurzem Durchblättern achtlos liegen gelassen werden. Nicht direkt der Inhalt ist gemeint, sondern die extreme Anhäufung von Papiermüll. Müßig zu sagen, dass der Verursacher dieser Abfallproduktion vornehmlich der Murdoch-Konzern ist. 

In Österreich ist die Produktion von journalistischem Müll auf verschiedene Eigner aufgeteilt. Gemein ist diesen, dass, wie es scheint, die Auflagenstärke - als Rattenfängerei für gut bezahlte Inserate - wichtiger sein dürfte als seriöse Inhalte. Die Inserenten spielen mit. Bei oe24 sind allerdings zwei bereits ausgestiegen. Was da am Dienstag passiert war, ging ihnen doch zu weit. 

In Österreich wurden von oe24 die Grenzen journalistischer Pietät überschritten. Das ist zunächst "nur" ethisch bedenklich. Die Aufregung könnte also wieder abflauen. Zumal Österreich ein Land ist, in dem auch staatliche Kontrollorgane trotz Anzeichen nicht daran interessiert waren, ob und wie ein ehemaliger Finanzminister locker - manche meinen schamlos - auf Staatskosten ein Finanz-Techtelmechtel mit gewinnorientierten Freunden gepflegt haben könnte. Zu deren und, so wird vermutet, auch zum eigenen Wohl - es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. (Rubina Möhring, derStandard.at, 30.5.2012)

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Da tickt wer nicht richtig

Ein Liveticker auf einem Begräbnis? Könnte beinahe ein aus einem Monty Python Sketch stammen. Nur, was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie von ihrer eigenen bösen Karikatur nicht mehr zu unterscheiden ist?
Und warum verwechseln manche Presse- mit Narrenfreiheit?

Danke

zwischen Aufstehen und Zähneputzen recherchiert, ist man von Rubina Möhring eigentlich nicht gewohnt.

Tabubruch aus Verzweiflung?

Liebe Anwaltskanzleien

Anstatt mp3 Downloader oder Forenposter (Gebrüder Scheuch!) mit euren Schreiben zu bedrohen: Einfach mal die Krone lesen und dort alle Unwahrheiten mit netten Briefen richtigstellen lassen.

"Ethik und Pietät" ist das gute Sonntagsgewand.

bestickt mit Perlen der einsichtigen Voraussschau. (gibt es bei Swarovksy zum Kilo-Preis)

Naja...

... hätte schlimmer sein können. Bei Fellner muss man ja froh sein, wenn wirklich ein Journalist am Begräbnis war und der Ticker nicht frei erfunden wurde.

mir gefällt das ...

"Widerwärtig wurden aus medialer Sensationsgier journalistische Grenzen überschritten. Was folgt als nächster Schritt?"
Vielleicht Scheinheiligkeit?

Journalistische Ethik?

Was soll denn DAS sein? Oder journalistische Pietät? Wozu denn?

Die Journaille übernimmt eine U$-Kampagne nach der anderen ungeprüft und ohne Widerspruch bis ins Detail, sogar einzelen Wörter unterliegen der Sprachregelung.

Es geht, abgesehen davon, ums Geschäft, obline um Klicks. Schwafle doch keiner von Ethik oder Verantwortung, da fühlt sich der Leser verfacebooked.

es ist ganz und gar nicht dumm, für seine interessen aufzustehen.

und eine weniger manipulative presse, vor allem mit weniger negativität, ist in unserem interesse.
oder?

es ist nicht wichtig, ob der standard aus konkurrenzdenken die ethik anderer redaktionen anmahnt.

es ist wichtig, dass wir kein murdoch-österreich wollen!
(den korrekteren namen kann sich jeder denken)

Dafür lohnt es sich zu kämpfen

... für eine ein bisserl (aber nicht zu arg) weniger manipulative Presse

;)

Das eine hat mit dem anderen jetzt aber nicht wirklich viel zu tun, oder?

bessere und politisch "saftigere" beispiele würden der agenda echt nicht schaden.. ;)

jetzt übertreibts nicht ihr habt die grenzen schon tausendmal überschritten

Ja - wo denn? Wo hat der Standard.at die Grenzen des guten Geschmacks verletzt? Wenn man eine solche Anschuldigung ausspricht oder schreibt, sollte man auch den Beweis dafür antreten.

LiveTicker zu absolut unpassenden Themen aus reinem Voyeurismus ohne jeglichen journalistischen Informationsgehalt.

Die Red soll bei dem Thema lieber mal ganz still sein. Die haben es geschafft drei Tage lang ihre Leser über den rechten Hintergrund von PerfectPrivacy uninformiert zu lassen und als allerletztes Medium nach 3 Tagen von diesem Faktum in einem Artikel zu berichten.

Der würde Bibliotheken

füllen.

Ach, 2 oder 3 Beispiele genügen vorläufig...

Was sind Auflagenzahlen anderes als demokratischer Volksentscheid?
Es kann nicht Aufgabe des Gesetzgebers sein Erziehungsarbeit für guten Geschmack zu leisten.
Denn was befähigt ihn dazu?

Ihr Postingname passt irgendwie nicht zu Ihnen....

Sie haben Recht - allerdings ist ein Begräbnis kein

öffentliches Ereignis.
Das heisst, wenn Presserat und Staat bei solchen Ereignissen keinen Riegel vorschieben, bleibt die Klage.
Und dann muss wieder der Staat -in Form der Justiz - aktiv werden.
Und wollen wir Leuten, die gerade einen Menschen betrauern das antun?
Erst der Verlust, dann die Medien, und dann die Klage?

Genauso darf man fragen, wieso sich irgendein xy die Frechheit herausnimmt und unter dem Deckmantel der Pressefreiheit all das veröffentlicht, was - ohne Rücksicht auf Verluste - gerade in den Kram passt und den Schrott auch noch gratis herumreicht?
Jeder der seriös arbeitet, also Grenzen kennt, hat was gegen miese Pfuscher und Dilletanten. Distanz und Ächtung ist da auch im eigenen Interesse.

Ächtung ist ja OK. Aber mit der Verbotskeule muss man sehr behutsam umgehen. Die darf nur das letzte Mittel sein.

nehmen wir diesen Gedanken

und spinnen ihn weiter:

schon haben wir die Auswirkungen vermehrter direkter Demokratie in Ö vor Augen...

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