Ein Hebel gegen Pekings Machtstreben

Analyse |

Im umstrittenen Südchinesischen Meer bilden sich strategische Allianzen gegen China

Präsident Truong Tan Sang verwendet den Begriff "Ostsee", wenn es um das Südchinesische Meer geht. Nichts, absolut gar nichts soll den Eindruck erwecken, dass Peking auch nur das Geringste in den von Vietnam beanspruchten Gewässern vor seiner Küste zu melden haben könnte. Dann verfällt der vietnamesische Staatschef gegenüber dem STANDARD wieder in Diplomatensprache: "Alle Beteiligten müssen internationales Recht respektieren, vor allem das Seerechtsübereinkommen von 1982 und den Code of Conduct von 2002. Lösungswege ohne Waffengewalt müssen gesucht werden."

Die Territorialstreitigkeiten im Südchinesischen Meer sind der heißeste Konflikt im Fernen Osten derzeit. Vietnam liegt mit China wegen Ansprüchen auf die Paracel- und Spratly-Inseln im Clinch (siehe Grafik). Die Philippinen streiten mit Peking wegen der Scarborough-Riffe. Und auch Indonesien, Malaysia und Brunei wollen dort Interessengebiete verteidigen. Analysten schließen eine Eskalation bis hin zu einem Krieg nicht aus, auch wenn Truong den Frieden beschwört.

Milliardengeschäfte

Es geht um Milliardengeschäfte und geostrategisch vitale Interessen, vor allem für Peking: Zehn Prozent des weltweiten Fischfanges jährlich werden in diesen Gewässern gemacht. Dazu kommen reiche Öl- und Gasvorkommen. Allein im Gebiet um die Scarborough-Riffe sind es laut der chinesischen Offshore-Ölgesellschaft CNOOC 700 Millionen Tonnen Erdöl und 1,2 Billionen Kubikmeter Erdgas. Im Südchinesischen Meer insgesamt sollen Lagerstätten mit 23 bis 30 Mrd. Tonnen Öl und bis zu 16 Billionen Kubikmeter Erdgas liegen, ein Drittel aller bisher bekannten Vorräte Chinas.

Vor allem aber ist das Südchinesische Meer für Peking als Verkehrsweg wichtig. 50.000 Frachter fahren dort pro Jahr durch. Sie transportieren etwa die Hälfte der jährlichen weltweiten Schiffstonnage, Waren im Wert von 5000 Milliarden Dollar. China selbst bezieht 85 Prozent seiner Ölimporte über diesen Weg. Bleibt der Nachschub nur wenige Wochen unterbrochen, würde das die aufstrebende Supermacht extrem verletzlich machen.

Landweg zum Indischen Ozean

Seit die USA es vor eineinhalb Jahren geschafft haben, Burmas Junta auf ihre Seite zu ziehen, ist es für die Chinesen zudem deutlich schwieriger geworden, von einem Landweg zum Indischen Ozean über Burma zu träumen. Ein Großteil ihres Imports und Exports muss schlichtweg über die Straße von Malakka und das Südchinesische Meer abgewickelt werden. Deswegen eskaliert Peking alle schwelenden Konflikte dort seit etwa einem Jahr.

Im kommunistischen Bruderland Vietnam gab es zuletzt immer wieder heftige Demonstrationen gegen China. Philippinische und chinesische Kriegsschiffe belauerten einander. Manila und sogar die ehemaligen Todfeinde in Hanoi hielten außerdem gemeinsame Manöver mit den USA im Südchinesischen Meer ab. In diesen Gewässern, das weiß Washington, liegt ein effizienter Hebelpunkt, um Peking seine Grenzen zu zeigen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 31.5.2012)

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