Alle Toten fliegen hoch

30. Mai 2012, 17:00
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Westermann folgt den Spuren zu Solomon Fusis Familie in Kamerun

Ein fünfzehnjähriger Bub aus Kamerun steigt als blinder Passagier in den Fahrgestellschacht eines Flugzeugs, um so nach Europa zu kommen. Mforbei Solomon Fusi landet am Flughafen Charles de Gaulle in Paris, lebt hier vier Monate bei einer Dame, die sich um viele, meist aus Afrika stammende jugendliche Flüchtlinge kümmert, reist dann aber wieder nach Kamerun zurück. Kurz darauf tritt er diese Reise wieder an, jedoch mit tödlichem Ausgang. Solomons Leiche wird in einem Maisfeld nahe dem Flughafen Zürich gefunden.

Der Pfarrer des Dorfes Lauchringen bestattet den Buben, der Bürgermeister zahlt einen Grabstein. Friedhofsbesucher zünden Kerzen an. Doch niemand verhehlt die grausame Tatsache, dass es schwieriger gewesen wäre, diesen jungen Menschen lebend in die Gemeinschaft aufzunehmen. Der Dokumentarfilm von Ulrike Westermann, Der Junge, der vom Himmel fiel, hätschelt also keineswegs die Nächstenliebe des Christentums (Mission liegt der Religionssendung kreuz & quer erfreulicherweise fern), sondern konfrontiert in abwägenden, unaufgeregten Erzählschritten mit einem am Arm-Reich-Gefälle zerbrochenen Menschen, fordert also jenseits konfessioneller Reglements mitfühlendes Verhalten ein.

Westermann folgt den Spuren zu Solomon Fusis Familie in Kamerun, wo ein ganzer Clan es nicht geschafft hat, den Halbwüchsigen von seinem riskanten Traum vom besseren Lebens abzubringen. Aus dem "Flüchtlingsschicksal" (in dieser Form kein Einzelfall) erhebt sich in Westermanns Film eine Persönlichkeit, deren Tat zwar unsere Vorstellungskraft übersteigt, deren Entschlusskraft dem Betrachter aber nachhaltig zu denken gibt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 31.5.2012)

  • "Der Junge, der vom Himmel fiel" in kreuz & quer.
    foto: orf/fechnermedia

    "Der Junge, der vom Himmel fiel" in kreuz & quer.

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