Schlaue neue Welt - und ihre Tücken

29. Mai 2012, 19:22
7 Postings

Digitale Stromzähler sollen den Sprung in ein postfossiles Zeitalter erleichtern - und zum Energiesparen animieren

Forscher haben ermittelt, wie die umstrittene Technologie sozial verträglich gestaltet werden könnte.

Das ideale Tool für einen bewussten, nachhaltigen Umgang mit Energie oder doch ein Einfallstor für Hacker und weiterer Schritt zum gläsernen Menschen - die Geister scheiden sich zwischen Befürwortern und Kritikern einer neuen Generation von Stromzählern, den sogenannten Smart Metern.

Seit Ende April eine Smart-Meter-Verordnung des Wirtschaftsministerium auf dem Tisch liegt, kocht die Debatte wieder hoch. Demnach sollen bis 2019 in 95 Prozent der heimischen Haushalte die analogen Drehstromzähler gegen digitale Geräte ausgetauscht sein. Basis dafür ist das dritte EU-Energiepaket, das eine Umstellung in 80 Prozent der europäischen Haushalte bis 2020 vorsieht.

Schon jetzt sind in Österreich knapp 200.000 von rund 5,5 Millionen Stromzählern umgerüstet - die Technologie wird derzeit in zahlreichen Modellregionen getestet. Fast unübersichtlich ist die Bandbreite der Forschungsprojekte im Dunstkreis von Smart-City- und Smart-Grid-Experimenten, die im Programm "Neue Energien 2020" des Klima- und Energiefonds gefördert werden (der wiederum von Verkehrs- und Umweltministerium gespeist wird).

Dienstagabend hinterfragten Experten auf Einladung des Datenschutzvereins Quintessenz im Wiener Museumsquartier den Nutzen der umstrittenen "intelligenten" Stromzähler. Heute, Mittwoch, werden die Ergebnisse des Klimafondsprojekts mit dem Titel "Smart New World?" vorgestellt - mitsamt Empfehlungen an Politik und Energieversorger.

"Wir wollten die Beurteilung von Smart Metern aus einer gesamtheitlichen Sicht analysieren, um herauszufinden, wie eine sozial verträgliche und konsumentenfreundliche Einführung aussehen könnte", sagt Jürgen Suschek-Berger vom Interuniversitären Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Dazu wurden Interviews mit Experten sowohl von der Befürworterseite - Energieversorger, Netzbetreiber und Hersteller - als auch mit Kritikern - Konsumenten- und Datenschützer, die vor einem überstürzten Zählertausch warnen - geführt. Die Konsumenten kamen in vier Fokusgruppen zu Wort, wo Menschen mit Smart-Meter-Erfahrung aus Pilotprojekten sowie unbedarfte Bürger zu Wort kamen und ihre Anliegen diskutierten.

Einblicke in den Haushalt

"Es hat sich gezeigt, dass besonders Menschen ohne Erfahrung sehr kritisch sind, was den Datenschutz betrifft", sagt Suschek-Berger. Immerhin könnte man mithilfe des ständig automatisch abgelesenen Stromverbrauchs den gesamten Tagesablauf in einem Haushalt rekonstruieren. Noch ist völlig unklar, wie viel Energieeinsparungen das exakte Wissen um den eigenen Stromverbrauch tatsächlich bringt. "Große Einsparungen konnten bisher nur unter Laborbedingungen erzielt werden", betont Projektpartner Walter Peissl vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichische Akademie der Wissenschaften. Auch darüber, wer die Investitionskosten trägt, herrscht noch völlige Unklarheit.

Die Forscher raten den Entscheidungsträgern, eine offene Debatte anzuregen, in der auch die Konsumenten eingebunden werden. Diese sollten selbst wählen können, welche Funktionen ihre Zähler haben. Leichte Bedienbarkeit der Geräte, Sperrfunktionen gegen unerwünschtes Auslesen der Daten und transparente Tarifmodelle gehören dem Projekt zufolge ebenfalls zu den Grundvoraussetzung für eine breite Akzeptanz der digitalen Stromzähler.

"Die Einführung von Smart Metern ist ein ähnlich großer Wechsel wie der von Gaslicht zu Strom vor 120 Jahren", betont Datenschutzexperte Hans Zeger, der ebenfalls in das "Smart New World"-Projekt eingebunden ist. " Der Gesetzgeber hat bisher verabsäumt, wissenschaftliche Ergebnisse zu berücksichtigen."(Karin Krichmayr, DER STANDARD, 30.5.2012)


Wissen: Smarte Zähler

Smart Meter (intelligente Stromzähler) messen den Stromverbrauch exakt nach Uhrzeit und liefern die Daten automatisch an den Netzbetreiber und die Bewohner, die per Internet oder Handy jederzeit darauf zugreifen können. Das macht die jährliche Stromablesung überflüssig, soll beim Energiesparen helfen und flexible Tarife ermöglichen. Smart Meter sind Voraussetzung für intelligente Stromnetze, die die Einspeisung von erneuerbarer Energie steuern sollen.

Die Möglichkeit, die Zähler von der Ferne aus abzuschalten, könnte gezielte Hackerangriffe erleichtern, aber auch Softwarefehler könnten das Netz großflächig zum Absturz bringen, warnen Datenschützer und IT-Experten. Konsumentenschützer befürchten sprunghafte Preisänderungen, die Ärztekammer spricht von erhöhten Elektrosmogbelastung. Die EU feilt an derzeit an Zähler-Standards. (kri)

Share if you care.