Der Herr Hofrat schaut ins Erdinnere

29. Mai 2012, 18:45
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Der Geophysiker Sirri Seren ist der Mann, der Archäologen zeigt, wo sie graben sollten, wenn sie etwas finden möchten

Porträt eines Mannes, der sich mit Begeisterung der Wissenschaft verschrieben hat.

Das Georadar, mit dem Süleyman Sirri Seren über die Wiese kurvt, schaut einem Rasenmäher zum Verwechseln ähnlich: Vier Räder, dazwischen ein wuchtiger Maschinenteil mit einem elektromagnetischen Sender und -Empfänger, ein Bügel für die Hände - und darauf etwas, was sicher kein Gärtner in dieser Form zur Verfügung hat: ein Computer, der die Ergebnisse einer alle zwei Zentimeter durchgeführten vollautomatischen Messung des Erdinneren anzeigt.

Dabei wird ein Signal mit einer Geschwindigkeit von 100.000 Kilometern in der Sekunde in den Boden gejagt. Trifft es zum Beispiel auf Steinmauern, dann wird es zurückreflektiert. Wer das schwere Radargerät schiebt, sieht am Bildschirm des Computers, wie lange das Signal unterwegs war - in den Boden und wieder retour. Multipliziert er die Zeit für eine der beiden Richtungen mit der Geschwindigkeit, dann weiß er, wie tief das Objekt liegt.

Eine Arbeit, die Archäologen in den vergangenen Jahren zu schätzen gelernt haben, weil man damit unnötige Grabungen und ungewollte Zerstörungen verhindern kann. Erdölunternehmen nützen die Geophysik, um nach möglichen Lagerstätten zu suchen. Tunnelbauer sehen so, wo sie ohne gröbere Widerstände durch das Erdreich durchbrechen können.

Ein Unikat in Österreich

Sirri Seren wurde 1952 im europäischen Teil der Türkei geboren und muslimisch erzogen. Seit gut 30 Jahren ist er aber schon Österreicher. Heute ist der Uni-Absolvent auch noch Hofrat. Ein Titel, der im Laufe seiner 21 Dienstjahre bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik - einer, wie es im Amtsdeutsch heißt, "nachgeordneten Dienststelle" des Wissenschaftsministeriums - wie von selbst gekommen ist. Er baute hier die Abteilung für angewandte Geophysik auf, leitet sie bis heute, und weil er auch noch die Beamtenprüfung erfolgreich absolvierte, war der Rest eigentlich nur mehr Formsache.

Womit Seren schon ein Unikat ist. Einen türkischstämmigen Gemüsehändler kennt fast jeder, Taxifahrer, Fastfood-Stand-Besitzer sicher auch. Ganz sicher auch den einen oder anderen Arzt. Aber einen aus der Türkei stammenden Österreicher, der als Wissenschafter Karriere im österreichischen Beamtensystem gemacht hat, eher nicht.

Dabei hatte Seren, als er das erste Mal hierhergekommen war, keinen Gedanken auf ein späteres Leben in Österreich verwendet. Im Alter von 18 Jahren wollte er nur Geophysik an der Universität Wien studieren, danach wieder zurückgehen und für jene staatliche Bergbaugesellschaft arbeiten, die ihm ein Stipendium für den gesamten Studienaufenthalt zahlte. Der Deal, den er zuvor eingegangen war, lautete, seine Dankbarkeit in Firmentreue zu zeigen: Für jedes Studienjahr in Österreich sollte Seren zwei Jahre im Betrieb tätig sein oder aber das Geld mit Zinsen zurückzahlen.

Militärregime in der Heimat

Eine absurde Vorstellung: 1971 putschte das Militär in der Türkei. In Ankara, wo Seren schon als Schüler ein lebenslanges Begabtenstipendium für die renommierte Middle East Technical University erhalten hatte, herrschte das Kriegsrecht. Dennoch ging er sofort nach dem Studium mit seiner aus dem Iran stammenden Frau und dem ältesten von zwei Söhnen wieder zurück. Er hörte entsetzte Kommentare: "Bist du verrückt? Wir wollen weg, und du kommst zurück?"

Seren verdiente denkbar schlecht - umgerechnet etwa 100 Euro. Was ihn aber fast noch mehr nervte: Er, der immer sagt, dass er nur glaubt, was er sieht, und die Wissenschaft hochhält, durfte sein Wissen nicht umsetzen. Er konnte nicht zeigen, wie man mit geophysikalischer Prospektion in die Erdschichten schauen kann. "Man war der Meinung, mit einer Hacke alles finden zu können."

Er entschloss sich daher, das Stipendium mit Zinsen zurückzuzahlen, und ging mit seiner Familie wieder nach Österreich, diesmal zu einem Unternehmen in Salzburg. Hier führte er geophysikalische Messungen für den Berg- und Tunnelbau oder für Erdölunternehmen durch. Auch für die Zentralanstalt in Wien war er aktiv, die für jede neu zu errichtende Erdbebenstation die Seismik vor Ort messen und sich dafür die Hilfe von außen holen musste.

Schwerpunkt verlagert

Heute hat sich der Schwerpunkt von Serens Arbeit zu siebzig Prozent auf die Archäologie verlagert. Zuletzt wurden sieben Hektar in Ephesos für das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) durchsucht. Dabei fand man unter anderem einen Weg, wie die türkische Regierung den Hafen von Ephesos für den Tourismus freilegen kann, ohne antike Schätze zu zerstören. Archäologen in der Abteilung für angewandte Geophysik erstellen dazu einen dreidimensionalen Plan mit Legende, in dem sie die Ergebnisse der Messungen interpretieren.

Die nächsten fünf Jahre bis zum voraussichtlichen Ruhestand will Seren nur wie gewohnt seine Arbeit erledigen und so viele Aufträge wie möglich für seine Abteilung an Land ziehen. Danach weiß er natürlich nicht, was kommt. Sicher ist nur: Als Beamter kann er wieder gebraucht und berufen werden. Dann fährt er eben mit 70 mit dem Georadar über das Land, und manch ein Laie wird ihn für einen Gärtner halten. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 30.5.2012)

  • Hier wird nicht der Rasen gemäht: Geophysiker Sirri Seren zeigt auf der Wiese 
der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, was das Georadar seines 
Instituts alles kann.
    foto: standard/corn

    Hier wird nicht der Rasen gemäht: Geophysiker Sirri Seren zeigt auf der Wiese der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, was das Georadar seines Instituts alles kann.

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