Der Papst-Diener mit dem Kopiergerät

  • Paolo Gabriele soll vertrauliche Infos weitergegeben haben.
    foto: ap/medichini

    Paolo Gabriele soll vertrauliche Infos weitergegeben haben.

Paolo Gabriele hat seinen Job verloren - Viele zweifeln, ob er der wahre Drahtzieher von "Vatileaks" ist

In Italien scheint kaum jemand zu glauben, dass der 46-jährige Paolo Gabriele, Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., der Drahtzieher von " Vatileaks" sei. Dazu habe er nicht das Zeug, heißt es in vatikannahen Kreisen. "Vatileaks" ist jener Skandal, der in der italienischen Öffentlichkeit derzeit mehr Schlagzeilen macht als neuerliche Korruptionsaffären beim Volkssport Fußball. Details aus dem Leben des Papstes wurden ebenso veröffentlicht wie dunkle Machenschaften in der Vatikanfinanz.

Weder seine Kollegen noch Vatikanexperten trauen Gabriele zu, einen großangelegten Diebstahl organisiert zu haben. Vielmehr sei er unter Druck gestanden und habe im Auftrag "höherer Kreise" gearbeitet. Wer diese Kreise sind, darüber herrscht noch Stillschweigen. Vermutlich nicht mehr lange, da "Paoletto" gewillt ist, alles auszusagen, was er weiß. Der schlanke Kammerdiener ähnelt eher einem schönen Höfling als einem Wolf im Schafspelz.

Der gebürtige Römer hat bereits bei Papst Ratzingers Vorgänger, Papst Johannes Paul II., gearbeitet. Stets sorgte er dafür, dass seine Chefs " bella figura" machten. Als Reisebegleiter und Kammerdiener war er für das Wohlergehen der Päpste verantwortlich, ihnen beiden sehr ergeben, er gilt als stockkonservativ und tief katholisch.

Mit seinem privilegierten Job ist es nun wohl zu Ende. Vorige Woche wurde Benedikts Begleiter verhaftet. Der Vater von drei Kindern, dem man ein schlichtes Gemüt nachsagt, steht im Verdacht, Dokumente, die er nicht benutzen durfte, nicht nur entwendet, sondern auch an Journalisten weitergeleitet zu haben. In seiner Wohnung im Vatikanstaat wurde ein Kopiergerät gefunden - welche Personen alle dem Kreis angehörten, der Vervielfältigungen erhielt, ist noch nicht bekannt.

Eine Variante zu den Hintergründen, die Insider dieser Tage aufs Tapet brachten, ist, dass die Publikation persönlicher Schriften dazu benutzt worden sein könnte, um der mächtigen Nummer zwei im Vatikan, dem 77-jährigen Kardinal Tarcisio Bertone, eins auszuwischen. Andere Spekulationen machen Bertone selbst zum Drahtzieher - womöglich habe er ja die Öffentlichkeit mit korrupten Praktiken im Kirchenstaat bekanntmachen wollen.

"Paoletto auf frischer Tat ertappt" hört sich wie ein simpler Krimi an. Vielleicht sollte darin der Kammerdiener die Spuren der Hauptverbrecher verwischen. (DER STANDARD Printausgabe, 30.5.2012)

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2 Postings

Um Himmels Willen, ein Kopiergerät - das ist ja tatsächlich schon ein unleugenbarer Schuldbeweis! Wenns jetzt in seiner Wohnung womöglich auch noch einen Telefonanschluß entdecken...

Ein "Vater von drei Kindern, dem man ein schlichtes Gemüt nachsagt," könnte trotzdem der Kirche TREUER ergeben sein, als es

www.venganza.at www.atheistische-religionsgesellschaft.at
www.religion-ist-privatsache.at
www.konfessionsfreie.at
www.betroffen.at

je könnten. ;-)

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