Instrumentale Charmegesänge

29. Mai 2012, 17:12
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US-Künstlerin Carmen Bradford bei den Inntönen

Diersbach - Schon so manch prominenter Jazzer, der erstmals zu diesem eigenwilligen oberösterreichischen Festival anreiste, durfte seine ganz spezielle Inntöne-Erleuchtung erfahren - nicht anders US-Vokalistin Carmen Bradford: "Wie cool ist das denn! Jazz auf der Schweinefarm!", haucht sie, nachdem ihr die publikumsvolle Riesenscheune bewiesen hatte, dass sie mit einem Großstadtkonzertsaal nicht nur konkurrieren kann.

Vielmehr beschenkt das Ambiente auch mit die Ungezwungenheit verstärkenden Aspekten, die Bradford denn auch ganz praktisch nutzte. Nach ein paar Nummern entledigt sich die Lady ihres Stöckelschuhwerks; wenn das der verstorbene Bigband-Leader Count Basie gesehen hätte.

Bei eben diesem hatte sich Bradford, die in der Stilwelt von Ella Fitzgerald haust, als 22-jähriges Mädchen beworben. Und siehe da: Sie wurde die letzte von Basie engagierte Sängerin. Ein Faktum, das Bradford als Geschichtenerzählerin ebenso charmant und pointenreich ausbreitet, wie sie eloquent durch das jazzige Songrepertoire schwebt. Dabei kommen ihr vor allem Balladen entgegen. Shadow Of Your Smile oder Charles Mingus' Duke Ellingtons Sound Of Love: Bradford versteht es, den Phrasen mit vibratolosem Tonhauch ein klares Gepräge zu geben, eine delikate Kühle, die gerade dadurch intensiven Ausdruck produziert, dass allzu Süßes umgangen wird.

Natürlich rührt das von einem eher instrumentalen Zugang zur Stimme her, der sich auch in der Pflege alter Scatkünste äußert, die Bradford zwischendurch zelebriert. Und dabei von einer Band unterstützt wird, bei der man vor allem die filigrane und doch eindringliche Arbeit von Pianist Gary Motley hervorheben sollte.

Dass Bradford auch eine soulige, raue Seite hat, wird auch evident. Hier jedoch mischt sich in die Emphase ein etwas grober Unterton, der nicht ganz freiwillig zum Einsatz kam. Schön, dass sie doch noch einige Balladen im Gepäck hatte. Etwa Moon River, das auch eine spontan-private Note erhielt: Als Bradford die im Publikum sitzende Sangeskollegin Barbara Morrison sah, mussten die delikaten Töne einer großen Rührung weichen, die ein Taschentuch erforderlich machte. Bradfords erklärende Entschuldigung: "Verzeihen Sie, aber Barbara hat eine so schwere Zeit hinter sich." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 30.5.2012)

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