"Italiens Regierung tritt auf der Stelle"

Interview29. Mai 2012, 17:31
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Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Italien werde durch die geplante Arbeitsmarktreform nicht ausreichend bekämpft, meint Ökonom Tito Boeri

STANDARD: Wie sehen Sie die wirtschaftlichen Aussichten Italiens?

Tito Boeri: Sollte es nicht zu einer Besserung des makroökonomischen Umfeldes kommen, befürchte ich, dass Italien auch 2013 in der Rezession bleibt. Für heuer rechne ich mit einem Schrumpfen der Wirtschaft um zwei Prozent (die Regierung erwartet nur minus 1,3 Prozent, Anm.).

STANDARD: Unternimmt die Regierung von Mario Monti genug, um die Wirtschaft anzukurbeln?

Boeri: Die Regierung Monti hat kurz nach Regierungsantritt ein rasantes Tempo vorgelegt und in wenigen Monaten mehr Maßnahmen ergriffen als die Vorgängerregierungen unter Expremier Silvio Berlusconi und dem früheren EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi in mehr als zehn Jahren. Allerdings hat sich Mario Monti zu sehr auf die rigorosen Sparmaßnahmen konzentriert und wenig für die wirtschaftliche Entwicklung getan.

STANDARD: Wo konkret könnte die Regierung ansetzen?

Boeri: Liberalisierungs- und Privatisierungsmaßnahmen haben Vorrang. Das Bankenwesen, der lokale Transport müssen liberalisiert werden. Was bisher erfolgte, hat wenig Bedeutung. Auch scheint mir, dass die Regierung derzeit auf der Stelle tritt. Es ist schwer, das richtige Maß von Wachstumsmaßnahmen und Sparkurs zu finden.

STANDARD: Welche Reformen haben Vorrang?

Boeri: Vorrangig scheint mir die Arbeitsmarktreform. Diese steht zwar zur parlamentarischen Diskussion, der gegenwärtige Entwurf bringt uns aber nicht viel weiter. Es handelt sich um eine schwache Reform. Sie nimmt kaum auf die überdurchschnittlich hohe Jugendarbeitslosigkeit Rücksicht.

STANDARD: Wie könnte man die Jugendarbeitslosigkeit besser in den Griff bekommen?

Boeri: In Italien gibt es mit 36 Prozent nicht nur eine der höchsten Raten an Jugendarbeitslosigkeit im EU-Umfeld. Auch ist die Diskrepanz zwischen der 'normalen' Arbeitslosigkeit von durchschnittlich zehn Prozent und der Jugendarbeitslosigkeit höher als im EU-Schnitt. Die Anzahl der Inskriptionen an den Universitäten ist im Sinken begriffen. Als Erstes wäre eine Universitätsreform nötig, damit die Uni-Absolventen möglichst rasch einen Arbeitsplatz finden.

STANDARD: Wo liegt das größte Problem Italiens?

Boeri: Eindeutig beim mangelnden Generationenwechsel. Das durchschnittliche Alter eines Wirtschaftsmanagers liegt hier bei 59 Jahren, eines Universitätsprofessors bei 65 Jahren. Wir müssen Wege finden, um die Erfahrung, das Kapital dieser Manager, weiterhin zu nutzen. Sie dürfen aber der Jugend keineswegs den Karriereweg versperren. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, 30.5.2012)

Tito Boeri (54) lehrt an der Mailänder Elite-Universität Bocconi Arbeitsrecht und zählt zu den renommiertesten Nationalökonomen des Landes. Er berät unter anderem die OECD, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank.

  • Tito Boeri war 
auch Berater der Regierung Prodi.
    foto: der standard

    Tito Boeri war auch Berater der Regierung Prodi.

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