Frankreich befürchtet Entlassungswelle

29. Mai 2012, 18:44
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Unternehmen holen Kündigungen nach, die während der Wahlen aufgeschoben wurden. Die Regierung prüft verzweifelt Gegenstrategien

Die 37 Angestellten des zentralfranzösischen Ferienanbieters Kawan müssen sich entscheiden: 500 Kilometer an einen anderen Werkplatz in Südfrankreich umziehen - oder entlassen werden. Andere Firmen lassen ihren Mitarbeitern gar keine Wahl. Die Air France hat vergangene Woche "Überkapazitäten" angekündigt, die mittelfristig über tausend Stellen kosten dürften. Peugeot will in Aulnay bei Paris eine Fabrik mit mehr als 3000 Angestellten dichtmachen. Banken wie Société Générale oder Supermarktketten wie Carrefour wollen ebenfalls Jobs im vierstelligen Bereich streichen.

Die Gewerkschaft CGT hat am Dienstag eine Liste mit Konzernen, Klein- und Mittelunternehmen veröffentlicht, bei denen bis zu 46.000 Stellen direkt bedroht sind; indirekt sind es sogar 90.000 Stellen. Sozialpläne häufen sich seit den Präsidentschaftswahlen. Zuvor hatten viele Firmen auf Entlassungen verzichtet, um nicht in die Schlagzeilen zu geraten und unwillkommenen Kandidatenbesuch zu erhalten. Vor allem der nun abgewählte Präsident Nicolas Sarkozy versprach vielen Belegschaften konkrete Staatshilfe. Insgesamt kam es in Frankreich im ersten Quartal zu 22 Prozent weniger Werkschließungen.

Sozialpläne

Jetzt ziehen viele Firmen ihre Sozialpläne aus den Schubladen: 60 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode sind es laut dem Beraterbüro Trendeo. Ihr Mitarbeiter David Cousquer schätzt, dass "Frankreich derzeit zehn Fabriken pro Monat verliert". "Les Echos" kommentiert: "Die sozialen Bomben beginnen zu explodieren." Anfang Juni dürfte das nationale Statistikamt Insee bekanntgeben, dass die Arbeitslosigkeit in Frankreich erstmals in diesem Jahrtausend wieder die Zehnprozentschwelle überstiegen hat.

Das trifft neben den Betroffenen auch die neue Linksregierung. Staatschef François Hollande beginnt seine Amtszeit mit einer schweren Hypothek. Handlungsspielraum hat er kaum, wenn er das Haushaltdefizit bis 2017 auf null senken will. Dabei halten in einer neuen Umfrage 58 Prozent der Franzosen die Beschäftigungsfrage für die absolute Priorität Frankreichs. Hollande hat deshalb ein eigenes Ministerium für " produktive Wiederbelebung", das heißt für Reindustrialisierung, geschaffen. Dessen Vorsteher Arnaud Montebourg muss bis Juli Vorschläge erarbeiten. Der zum linken Flügel der Sozialistischen Partei Gehörende schließt auch protektionistische Maßnahmen nicht aus. Das wäre aber auch europapolitisch umstritten.

Am Dienstag hat der neue Premierminister Jean-Marc Ayrault die Gewerkschaften und Arbeitgeber empfangen, um eine arbeitspolitische Gesamtstrategie zu entwickeln. Die Positionen der Sozialpartner liegen aber diametral auseinander. Die Vorsteherin des Unternehmerverbandes Medef, Laurence Parisot, will die Wettbewerbsfähigkeit steigern, um Fabrikschließungen zu verhindern: "Gegen Entlassungen zu kämpfen heißt, die Einstellungen zu erleichtern und jede Art von Sozialeingriffen zu verhindern."

Ruf nach mehr Mindestlohn

Genau solche Interventionen wünscht aber die CGT: Ihr zufolge sollten Fabrikschließungen behördlich suspendiert werden, bis geklärt ist, ob es Käufer oder Übernehmer gebe. Die meisten Gewerkschaften verlangen zudem eine Erhöhung des Mindestlohnes, um die Kaufkraft und die Binnennachfrage anzukurbeln. Aus dem gleichen Grund schlug CFDT-Vorsteher François Chérèque gestern auch die Blockierung von Mieten in Agglomerationen wie Paris oder die Abgabe von "Transportschecks" für Beschäftigte vor. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 30.5.2012)

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    Mitarbeiter von Peugeot protestieren gegen eine geplante Fabriksschließung. "Die sozialen Bomben beginnen zu explodieren", kommentiert die Wirtschaftszeitung "Les Echos" die Entlassungspläne.

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