Le Havre - Eine Stadt mit Gegensätzen

29. Mai 2012, 18:46
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Vier Filmkritiken als Resultat eines Schreibworkshops

Bei einem Schüler-Kritik-Workshop mit STANDARD-Redakteur Thomas Trenkler entstanden vier Kritiken zu dem Film "Le Havre" von Aki Kaurismäki.

"Le Havre" - Eine Stadt mit Gegensätzen

Von David Zellinger

Eine Stadt, die aus dem 19. Jahrhundert zu sein scheint, ein Detektiv, der eher an Inspector Clouseau erinnert als an einen Kriminalpolizisten, ein Taxi aus der Zwischenkriegszeit und eine Währung, die in unseren Kreisen als Euro bekannt wird.

Anhand dieser Schilderungen müsste sich jeder mehr oder weniger einen Begriff denken: konträr. Und genau das ist es, was Aki Kaurismäki, der Regisseur des Films "Le Havre", dem Zuschauer vermitteln will: das Zusammenspiel von vielen Gegensätzen.

In "Le Havre" dreht sich das ganze Geschehen um eine kleine Nachbarschaft in der gleichnamigen Stadt, in deren Mitte ein altes Ehepaar wohnt. Der Mann namens Marcel Marx ist ein ewiger Laie, was Kunst betrifft, und verdient sich den Lebensunterhalt als Schuhputzer in Le Havre. Er lebt in einem kleinen Haus, in dem ihm seine liebevolle Ehefrau Arletty und die Hündin Laïka zur Seite stehen. Regelmäßig sucht Marcel seine Stammkneipe auf. Eines Tages trifft er zufällig während des Mittagessens auf Idrissa, der sich im Wasser unter dem Pier verborgen hat. Der Junge aus Gabun ist, in einem Container versteckt, illegal nach Frankreich eingereist und vor den Behörden geflüchtet. Er wird von Marcel aufgenommen, findet in dessen Haus Unterschlupf vor der Polizei und hofft, eines Tages nach London zu seiner Mutter kommen zu können.

Die Thematiken des Filmes sind unverkennbar Asylproblem und Ausländerfeindlichkeit in unserer heutigen Gesellschaft, die indirekt stark kritisiert wird und ihr Fett abbekommt. Das beweist alleine die absurde Tatsache, dass ein kleiner, harmloser Junge von der gesamten Polizei der Stadt gesucht und wie ein Al-Kaida-Terrorist behandelt wird.

Zu den Szeneneinstellungen kann gesagt werden, dass jene sehr langsam dargestellt werden, was dem Zuschauer eine längere Zeitspanne zum Nachdenken anbietet. Außerdem sind viele Szenen des Filmes bewusst sehr künstlich dargestellt, um das Publikum etwas von dem Hollywood-Muster der vergangenen Jahre abzulenken.

Die schauspielerischen Leistungen des Filmes sind durchaus ansprechend, auch wenn sie teils ohne Emotionen verpackt wurden, was meiner Meinung nach ebenfalls eine beabsichtigte Methode ist, um von dem übersättigten Bild der Emotionen wegzukommen.


Ein unwirkliches Märchen

Von Nathalie Brunmayer

"Le Havre", der neueste Geniestreich des preisgekrönten finnischen Filmregisseurs Aki Kaurismäki, ist ein berührendes Sozialmärchen über einen Schuhputzer, der trotz seiner Armut einen Flüchtlingsjungen unterstützt.

Der Film punktet mit seiner eloquenten und zugleich genügsamen Darstellung sowie mit seinem unberechenbaren Durchbrechen gewohnter Denkmuster und Regeln.

Mit einer relativ übertriebenen, aber auch schmeichelhaften Farbkonstruktion wird uns die Geschichte des ehemaligen Schriftstellers Marcel Marx (André Wilms) erzählt, der versucht, seine Ehefrau Arletty (Kati Outinen) und sich selbst mit seiner Arbeit als Schuhputzer in der Hafenstadt Le Havre über Wasser zu halten. Als seine geliebte Gemahlin schwer krank wird, trifft Marx auf Idrissa (Blondin Miguel), einen Flüchtlingsjungen aus Afrika. 

Durch Kaurismäkis wiederholten Einsatz des Verfremdungseffekts erhält die Problematik - die Rettung des Jungen vor den kurzsichtigen Augen des Staates - die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Der unerschütterliche Zusammenhalt der Nachbarschaft in der Not und Marx' strahlender Optimismus in solch dunkler Stunde machen den Film trotz seiner trostlosen Thematik zu einem aufbauenden und heiteren Werk, das vehement zum Denken anregt.

Das Zusammenspiel der überaus punktuellen Beleuchtung und Musik sowie der restlichen maßlos überzogenen Ingredienzien lässt dieses moderne Märchen unwirklich erscheinen und lenkt die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen bewusst auf gewisse Situationen und reißt sie aus der medialen Berieselung. Auch das Agieren der Schauspieler ist ungewohnt erfrischend und auch äußerst bemerkenswert, wobei jegliche individuelle Art eines Schauspielers in diesem Film scheinbar zum Zweck der Verfremdung völlig unterbunden wird.

"Le Havre" ist ein außergewöhnlicher Film, den man nicht so schnell vergessen wird, und definitiv empfehlenswert.


Ein Film, wie aus der Zeit gefallen

Von Elisabeth Einhorn

Aki Kaurismäki verzaubert mit seinem französischsprachigen Retro-Märchen "Le Havre" zahlreiche Kinobesucher. Mit diesem Film widmet sich der finnische Regisseur der Flüchtlingsproblematik Europas.

"Sämtliche Küsten fuhr ich ab", erzählt Kaurismäki, der die europäische Küste von Holland bis Genua erkundete, um einen geeigneten Drehort für seinen Film zu finden. Fündig wurde er letztlich in der nordfranzösischen Fischerstadt Le Havre. Die Stadt imponierte dem wählerischen Filmemacher mit ihrer Ungepflegtheit und Einsamkeit.

In wenigen und knapp gehaltenen Dialogen wird die Mitmenschlichkeit der Leute in der Hafenstadt angesprochen. Hier, am Rande der Gesellschaft, wo die Menschen den Gedanken an ein bürgerliches Leben bereits aufgegeben haben, ist Freundschaft noch möglich. Nur die Ärmsten helfen den gestrandeten Flüchtlingen aus Ostafrika.

So geht es auch Marcel Marx, der selber einmal Schriftsteller werden wollte und sich nun mit seiner Frau in der Stadt niedergelassen hat und auf der Straße als Schuhputzer sein Geld verdient. Hier hat er nicht nur gute Nachbarn, sondern auch Freunde gefunden, die sein armes Schicksal mit ihm teilen und sich gegenseitig unterstützen. Als ein Container mit Flüchtlingen von der Polizei gestellt wird, flieht der Junge Idrissa und sucht bei Marcel Unterschlupf. Doch selbst durch die Unterstützung seiner Nachbarn werden seine Probleme nicht weniger, denn seine Frau muss wegen einer Krankheit in eine Klinik.

Obwohl sich Kaurismäkis Film mit der Einwanderungsproblematik auseinandersetzt, erzeugt er durch das Einfließen heller Farben in den eher blau-grauen Ton von Le Havre eine fast märchenhafte Atmosphäre. Die Bilder wirken wie gemalt, und durch die große Tiefenschärfe haben alle Szenen eine reizvolle Vielschichtigkeit. Kaurismäki lässt die Gefühle vor allem durch Farben und Bilder entstehen. Er verzichtet auf den manipulierenden Musikeinsatz von Saiteninstrumenten und traurigen Akkorden. Die einzige Musik im Film scheint gar in die Handlung einbezogen zu sein.

Der Film erscheint wie aus der Zeit gefallen, denn auf den ersten Blick lassen Ausstattung und Dekor sofort an die 60er Jahre denken. Die Einwanderungsproblematik ist jedoch ein hochaktuelles Thema. Es sind sogar gleich zwei Happy Ends in diesem Film Kaurismäkis enthalten, der sonst eher für seine Tragikomödien bekannt ist.

Es sind nicht nur der besondere Inhalt, die Motive und die reduzierte, stilisierte Sprechweise, die viele Leute zum Denken angeregt haben. Mehr noch sind es die Schnitte, die überraschenden Momente, kombiniert mit dem Heimatgefühl, das die Farbgestaltung und das Licht aufkommen lassen. Vielleicht wurde der Film aus diesem Grund als Favorit des Filmfestivals in Cannes gefeiert.


Geschichten realer Schicksale

Von Ester Greenwood

Schon wieder schafft es der finnischer Regisseur Aki Karismäki aus einem tragischen Thema ein traumhaftes Märchen zu kreieren. Mit seinem neuen Kino-Film "Le Havre" will er seinem Publikum mit rührenden, spannenden und auch humorvollen Szenen die Flüchtlingsproblematik ans Herzen legen.

"Le Havre" erzählt die Geschichte des Schuhputzers Marcel Marx, der glücklich und zufrieden sein einfaches Leben in der Hafenstadt "Le Havre" mit seiner Frau Arletty (Kati Outiner) verbringt.

Doch plötzlich, von einem Tag auf dem anderen, verändert sich alles für Marcel. Ohne Vorwarnung muss seine Frau schwer krank ins Krankenhaus geliefert werden. Gleichzeitig wird er durch eine seltsame Begegnung mit dem minderjährigen Flüchtling Idrissa (Blondin Miguel) aus Afrika in die Problematik der Asylanten verwickelt.

Mit Optimismus und Mut beschließt er dem Jungen auf der Suche nach seiner Familie und einen möglichen Fluchtweg nach London zu helfen. So beginnt ein gemeinsamer Kampf der beiden gegen den Machtapparat des Staates.

Die Thematik des Films ist eine zeitlose und genau so stellt sie Aki Karismäki mit seinen einzigartigen Ausdrucksweisen dar. Ein Haus aus den 20er-Jahren, Autos aus den 40er-Jahren, klassische Musik und unsere bekannte Euro-Währung werden alle in eine Märchenwelt zusammengemischt.

Typisch und unverwechselbar für Karismäki sind sein skurriler Stil und seine sparsame Art zu filmen. Er arbeitet mit Hintergrundgeräuschen um auf den Ort der Handlung hinzuweisen, verwendet künstlich unnatürliches Licht in seinen Szenen und bereitet oft einem somit das Gefühl, man würde ein Theaterstück anschauen.
Mit seinen Lichteffekten und seiner speziellen Art der Darstellung möchte der Regisseur den Zuschauern oft eine tiefere Botschaft vermitteln und will sie durch seine tragischen und mitreißenden Themen zum Nachdenken anregen, denn obwohl sich seine Filme künstlich und unrealistisch zeigen, erzählen sie die Geschichten realer Schicksale. (Alle Texte, DER STANDARD, 29.5.2012)

Infos zur Schreibwerkstatt: Rund um das Sozialmärchen "Le Havre" des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki gestaltete sich die Film-Schreib-Werkstatt unter der Leitung des Journalisten Thomas Trenkler. Schüler/innen lernen dabei journalistische Textsorten, wie Bericht, Interview, Reportage, Kommentar oder Rezension kennen und berichten über den Vormittag, der aus Filmvorführung, Diskussion mit einer Expert/innenrunde sowie Interviews besteht.

Link: ZiS-Zeitung in der Schule

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