Advokat der kleinen Form

Gespräch29. Mai 2012, 17:48
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Bariton Matthias Goerne über den verstorbenen Lehrer Dietrich Fischer-Dieskau, die Dramaturgie von Liederabenden und die CD-Branche

Der Deutsche gibt am Mittwoch an der Wiener Staatsoper einen Gesangsabend.

Wien - Die Wiener Staatsoper schätzt Matthias Goerne als Haus "mit toller Akustik". Wäre dem nicht so, würde sich der deutsche Bariton allerdings auch keine Gedanken und Sorgen machen. "Ich wechsle ja sehr oft Räume. Es kommt vor, dass ich innerhalb von 14 Tagen zehn Konzerte gebe und so viele Häuser aufsuche, dass es wenig bringen würde, sich ernsthafte Gedanken über die jeweilige Akustik zu machen. Ich kann sie ohnedies nicht ändern."

Man stellt sich eben instinktiv auf Räume ein - als versierter Sänger, und Goerne ist einer: Nachdem sich Thomas Quasthoff zurückgezogen hat, ist neben Goerne eigentlich nur noch Christian Gerhaher in dieser lyrischen Kategorie zu nennen.

Goerne - ein Meister der klangvollen Legatolinie, prädestiniert für das Lied, dem er sich auch heute an der Staatsoper - in Begleitung von Leif Ove Andsnes - widmen wird (mit Mahler und Schostakowitsch). Sorgfältig wird hingegen die Dramaturgie eines Liederabends geplant: "Ich versuche, genau zu sein. Vor allem die Wahl des letzten Stückes ist wichtig, es muss etwas sein, wonach eigentlich nichts mehr erklingen kann. Auch der Anfang ist wichtig, das Dazwischen ergibt sich dann, nachdem diese Eckpunkte definiert wurden. Das ist allerdings ein langwieriger Prozess. So ein Programm ist nicht an einem Nachmittag zusammengestellt. Ich mag keine Liederabende, bei denen es eine Goethe-Gruppe und dann eine Heine-Gruppe gibt, diese kleinen Liedinseln. Das finde ich ganz schlecht."

Mehr als hübsche Lieder

Goerne, 1967 in Weimar geboren, hat schon reichlich Erfahrung. Er hat die Welt der Major Labels erlebt, war bei der Deutschen Grammophon und ist nun bei Harmonia Mundi unter Vertrag. Und auch bezüglich Studiums kann er auf ausgiebige Kontakte mit der kürzlich verstorbenen Liedinstanz Dietrich Fischer-Dieskau verweisen. "Das Studium bei ihm in Berlin war prägend, vor allem seine grundsätzliche Haltung: Man singt nicht nur ein paar hübsche Liedchen in der Art von Salonmusik. Man macht kein harmloses Tralala. Liedgesang ist eine Kunstform, und Liederabende sind bewusst zu gestalten, als wollte man eine Geschichte erzählen. Das durchzusetzen war sein pionierhaftes Verdienst."

Nun war Fischer-Dieskau jemand, der mit Vollständigkeitsinteresse Lieder aufgenommen hat. Für Goerne ist das nichts. Abgesehen davon, dass es heute kaum noch finanzierbar wäre, Monsterprojekte umzusetzen, will sich Goerne auf das für ihn Wesentliche konzentrieren - "und vieles im Repertoire finde ich nicht wichtig genug." Es bleibt jedoch genug zu tun, betrachtet man etwa seine Schubert-CD-Serie. Kann man damit Geld verdienen?

"Doch, doch. Man verdient sich zwar keine goldene Nase. Und wenn ich mir den Stundenlohn für den Aufwand, der um eine Aufnahme herum zu betreiben ist, ausrechnen würde, käme heraus, dass ich mit Konzerten besser verdiene. Aber die Verkäufe gehen gut, ich kann mich nicht beschweren. Ich kenne die Verkaufszahlen anderer, die bei großen Firmen sind. Und die verkaufen weniger." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 30.5.2012)

Wiener Staatsoper, 30.5., 20 Uhr

  • Der deutsche Sänger Matthias Goerne über CD-Verkäufe: "Man verdient sich 
zwar keine goldene Nase, aber ich kann nicht klagen."
    foto: standard/regine hendrich

    Der deutsche Sänger Matthias Goerne über CD-Verkäufe: "Man verdient sich zwar keine goldene Nase, aber ich kann nicht klagen."

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