Standortfrage: ORF "Jahrzehnt im Container"

29. Mai 2012, 17:49
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Embacher: "Wir treten am Stand" - Medwenitsch: "Niemand darf sich über Vorwurf des Schönrechnens wundern" - Ziegler: "Wir brauchen keine Hochrisikovariante"

Wien - Skepsis und Kritik erntet ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz für seine vor Pfingsten vorgelegten Neuberechnungen in Sachen ORF-Standort. Während der mögliche neue Standort in St. Marx in ersten Kalkulationen noch am teuersten war, ist St. Marx nun nach aktualisierten Berechnungen kostengünstigste Variante. Möglich machten dies die Berücksichtigung von Studio-Auslagerungen, weiterer Personalabbau sowie ein Verkauf bestehender ORF-Immobilien und die Einmietung in St. Marx. Wilfried Embacher, Grüner ORF-Stiftungsrat und Leiter der Stiftungsrats-Arbeitsgruppe Standort, bezeichnete die neuen Zahlen  als "nicht wirklich hilfreich".

"Wir treten am Stand. Ich sehe keine Fortschritte in Richtung Entscheidungsfindung", so Embacher. Der Arbeitsgruppen-Leiter hätte "konkretere Zwischenberechnungen" erwartet. Auch seien die aktuellen Standort-Berechnungen mit den alten, Ende März vorgelegten Zahlen nicht wirklich vergleichbar. "Ich habe das Gefühl, dass die Zeit nicht ideal genutzt wurde."

Zur Kritik, dass die ORF-Führung sich den Standort St. Marx schöngerechnet hätte, meinte Embacher, dass es so aussehe, als ob das Ergebnis dem Zweck diene und nicht so sehr, dass es sachlich begründet sei. Man könne St. Marx schon argumentieren, aber es brauche sachliche Argumente. "Wir sind derzeit nicht in der Sachdiskussion, und das ist schade." Skeptisch ist Embacher, ob sich Entscheidung in Sachen Standort noch - wie geplant - bis 12. Juli ausgehen kann. "Mit dem was vorliegt, ist das schwer vorstellbar. Das wird sehr eng bis unmöglich."

"Wunsch Vater des Gedankens"

Kritik kam vom stellvertretenden Stiftungsratsvorsitzenden und "ÖVP"-Freundeskreis-Leiter Franz Medwenitsch: "Ich möchte der Arbeitsgruppe des Stiftungsrats nicht vorgreifen, aber dass die teuerste Variante jetzt plötzlich die billigste sein soll, ist für mich schwer nachvollziehbar. Da ist offensichtlich der Wunsch Vater des Gedankens und niemand darf sich über den Vorwurf des Schönrechnens wundern.

Für St. Marx muss der ORF sein gesamtes Immobilienvermögen verkaufen, er wird vom Eigentümer zum Mieter. Und weil das immer noch nicht ausreicht, verlieren zusätzlich 50 Leute ihren Job. Was ist das für eine Unternehmensperspektive? Das überzeugt weder wirtschaftlich noch strategisch." Medwenitsch monierte weiters, dass ORF-General Wrabetz neuerlich keine eindeutige und klare Präferenz für St. Marx geäußert habe. "Die Zukunftsvision für den ORF ist eine Bringschuld des Generaldirektors und die hat er bis heute nicht erfüllt."

"Hochrisikovariante"

Ähnlich der ÖVP-nahe ORF-Betriebsrat und Stiftungsrat Robert Ziegler. "Der Verkauf von Familiensilber und Mitarbeiterabbau sind keine Unternehmensvision." Ziegler, der auch Mitglied der Standort-Arbeitsgruppe ist, hält es für "völlig absurd", dass der ORF in St. Marx vom Eigentümer zum Mieter werden soll. "St. Marx ist eine Hochrisikovariante, und wir brauchen keine Hochrisikovariante."

Der Betriebsrat warnt etwa vor den bei öffentlichen Bauprojekten üblichen Baukostenüberschreitungen, welche die Mietzahlungen des ORF erheblich verteuern würden. Auch im Zeitplan sieht Ziegler Probleme. "Wir führen die Standort-Debatte seit 2007. Wenn es jetzt eine Entscheidung gibt, würde der ORF voraussichtlich 2021 in St. Marx einziehen. Es ist unzumutbar, wenn mehrere hundert Mitarbeiter fast ein Jahrzehnt im Container verbringen müssen, und es ist vor allem für die Leistungsfähigkeit und das Programm des ORF schädlich." Der Betriebsrat plädiert deshalb für die Beibehaltung des Status Quo mit den Wiener Standorten Küniglberg, Funkhaus und Ö3-Studios. "Das ist die kostengünstigste und die Minimalrisikovariante."

Die Stiftungsrats-Arbeitsgruppe Standort wird die aktuellen Neuberechnungen in einer Sitzung am 4. Juni mit der ORF-Geschäftsführung diskutieren. In einer Stiftungsratssitzung am 28. Juni oder einem Sonderstiftungsrat am 12. Juli könnte das oberste ORF-Gremium auf Antrag des Generaldirektors theoretisch eine Entscheidung über den künftigen Sitz der ORF-Zentrale treffen. (APA, 29.5.2012)

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