Abschied von der legeren Kreditvergabe

Hermann Sussitz
30. Mai 2012, 08:20
  • Erwin Hameseder (li.) und Thomas Gehrig (re.) diskutierten, Journalist Franz Schellhorn moderierte.
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    Erwin Hameseder (li.) und Thomas Gehrig (re.) diskutierten, Journalist Franz Schellhorn moderierte.

  • Rund 80 Personen nahmen an dem Abend der Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis" der Universität Wien teil.
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    Rund 80 Personen nahmen an dem Abend der Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Praxis" der Universität Wien teil.

Neue Bankregeln könnten in einer Kreditklemme enden, meint RZB-Aufsichtsratschef Hameseder. Ökonom Gehrig beschwichtigt

Erwin Hameseder ist kein Busenfreund der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) und des Basel-III-Regelwerks. Zu schnell kämen die höheren Eigenkapitalanforderungen, zu unbedarft seien technische Gleichmachereien. Komplizierte Stresstest-Erfordernisse und Bilanzierungsregeln ließen das Backoffice wachsen. "Früher haben wir mehr Vertriebsmitarbeiter angestellt, heute mehr Mathematiker", sagte der Aufsichtsratschef der Raiffeisen Zentralbank (RZB) auf einer Podiumsdiskussion der Universität Wien zum Thema "Finanzmarktregulierung und Bankenaufsicht".

Vom Kredit- zum Zertifikatkaiser

Für Universitätsprofessor Thomas Gehrig sind die Regeln von Basel III hingegen ein Schritt in die richtige Richtung. Hohes Eigenkapital sei historisch oft gleichbedeutend mit hoher Profitabilität gewesen. Abgeschwächt worden sei dieser Zusammenhang erst mit "der Finanzkrise und der darauffolgenden Liquiditätsschwemme der Zentralbank (EZB, Anm.)".

Den Banken wirft Gehrig weniger den Status quo, mehr den Weg, den sie vor der Krise eingeschlagen hätten, vor. So sei bei der Deutschen Bank (DB) Ende 2008 Aktienkapital in der Höhe von rund 32 Milliarden Euro 2.200 Milliarden Euro Aktiva gegenübergestanden. Das macht eine Eigenkapitalquote von gerade einmal 1,45 Prozent. Rund 1.600 Milliarden davon entfielen auf strukturierte Finanzprodukte wie Zertifikate, gerade einmal knapp 300 Milliarden auf vergebene Kredite im klassischen Sinn. Überspitzt formuliert, so Gehrig, sei die DB "gar nicht mehr im Kreditgeschäft".

Zügel bei Kreditvergabe

Genau dabei fühlt sich aber Raiffeisen-Lenker Hameseder nicht angesprochen. Er ist gegen den Shareholder-Value und für das klassische Kreditgeschäft. Die Antwort der Politik auf die Krise sei vielfach die falsche gewesen. Die höheren Eigenkapitalregeln kämen zu schnell, da sei es kein Wunder, dass die Banken ihr Heil in Aktienrückkäufen und Hauruck-Aktienemissionen (UniCredit, Anm.) suchen würden.

Bilanzsummenwachstum sei jedenfalls kein Ziel für die Raiffeisen mehr, eine Kreditklemme hält er für "möglich". Obwohl die Beziehung von Firmen und Banken stimme, werde es den "freien Kreditrahmen für Unternehmen so in Zukunft nicht mehr geben". Sauer stößt ihm auch auf, dass die EU damit wieder die Rechnung ohne die USA mache: "Die USA haben doch vielfach nicht einmal Basel II eingeführt, und auch diesmal werden sie sich teilweise davor drücken."

Bankenpleite leichter gemacht

Besonders ärgerlich sind für Hameseder aber Bankenabgabe und Schuldenschnitt. Erstere verfehle "Sinn und Zweck", werde damit doch ein strauchelnder Konkurrent gestützt (die ÖVAG, Anm.). "Es soll auch die Möglichkeit geben, dass Konkurrenten ausscheiden", so Hameseder, der sich für ein Bankeninsolvenzrecht starkmacht.

Eine Sicht, die auch Gehrig teilt: "Die Insolvenz wird bewusst toleriert." Allerdings findet er die Bankenabgabe, auch aufsteigend nach Größe des Instituts, "prinzipiell gut". Die Förderung von Eigenkapital, auch indem man die steuerliche Begünstigung von Fremdkapital fallen lässt (Zinsen können aktuell abgeschrieben werden, Anm.), hält Gehrig aber für ungleich zielführender: "Eigentlich müsste man es umgekehrt machen und das Eigenkapital steuerlich begünstigen."

Haircut wider Willen

Zweiter Reibebaum für Hameseder ist der "Sündenfall Griechenland". Von freiwilligem Forderungsverzicht sei keine Rede gewesen, "kein Mensch macht das freiwillig". Spätestens seit diesem Zeitpunkt gebe es bei Raiffeisen daher ein "politisches Risiko", das in Staatsanleihengeschäfte eingepreist sei. Und selbst an als sicher geltenden Staatsanleihen hat Hameseder augrund ihrer niedrigen Verzinsung wenig Freude: "Ich zeichne lieber eine Anleihe eines großen Unternehmenskonzerns als Staatsanleihen."

Winds are changing

Dass sich etwas fundamental ändern wird an den Finanzmärkten, darin sind sich Gehrig und Hameseder einig. "Das 'too big too fail' ist oft nur eine Ausrede", sieht der Wirtschaftsprofessor neue ordnungspolitische Zeiten anbrechen. Immerhin sei mit Ausnahme von Lehman Brothers 2008 noch jede vermeintliche Großbank gerettet worden. Der Raiffeisen-Banker sieht auch ein "Umdenken hin zu den Regionen". Die Kreditvergabe vor Ort werde wieder wichtiger werden. Dass ein einzelner Händler Milliarden verzocken kann, wie eben bei J.P. Morgan geschehen, muss für ihn bald der Vergangenheit angehören: "Da hat's irgendwas." (sos, derStandard.at, 30.5.2012)

Wissen

Das Wachstum der Bankenkredite an Firmen und Privathaushalte der Euro-Zone hat sich im April überraschend halbiert. Die Summe stieg im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,3 Prozent, teilte die Europäische Zentralbank (EZB) mit. Analysten waren davon ausgegangen, dass es wie schon im Vormonat ein Plus von 0,6 gibt.

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KMS schauen schon seit langem durch die finger, da gibts ohne tonnenweise Sicherheiten gar nix.
aber der Oberhammer ist für mich die Tatsache, dass wir vor ein paar tagen bei der Bank angefragt haben um eine Finanzierung eines Fernwärmeanschlusses für unser Haus. Würden wir bekommen, wenn wir Sicherheiten hinterlegen würden wie zB ein Sparbuch, weil Mann ja Selbständig ist. Hallo? Wenn wir das Geld am Sparbuch hätten würden wir wohl kaum wegen einer Finanzierung anfragen.

Spät aber doch: Hier geht es um Schwarzgeld, dass auf Sparbüchern geparkt wird und als Sicherheit dienen kann. Ein beliebtes Spiel in manchen Wirtschaftssektoren.

"Bilanzsummenwachstum sei jedenfalls kein Ziel"

Ich mein wer will heute schon noch im Euro long gehen.

PPP oder Microcredits

Es gab mal Versuche von Privaten, die Geld für versch. Projekte /auch ohne Gewinnstreben/ sogar umsonst verborgt haben. Wurde in Österr. von der Lobby geklagt, in D noch am Laufen. USA und Bangladesh ohne Probleme. Wir in Europa haben einen extremen paranoiden Standpunkt zum Geld - und Reichtum! unverständlich eigentlich!

Was wir brauchen ist ein Trennbankensystem

Geschäftsbanken und Investmentbanken.

Geschäftsbanken die das Geld verwalten (Zahlungsverkehr) und Kredite an die Realwirtschaft vergeben.
Investmentbanken die den Finanzmarkt-Teil übernehmen.

Wobei die Investmentbanken kein Geldschöpfung (also keine Kredite) betreiben dürfen sollten. Gezockt darf nur mit eigenem Geld werden. Für diese Banken darf es dann auch keine staatliche Garantie geben.

Man braucht sich ja nur mal die Kommunalkredit ansehen:
Wenn die bei ihrer eigentliche Aufgabe geblieben wäre, nämlich Gemeinden zu finanzieren, hätte es dort vermutlich nie ein Problem gegeben.

Die Kommunalkredit wäre

ohne die risikoreichen und dann auch gescheiterten Geschäfte schon viel früher pleite gewesen, das aber mit weniger Schaden. Man kann halt nicht Kredite auf Dauer billiger vergeben als man selber für die Refinanzierung zahlt.

Ich bezweifle stark, dass die Kommunalkredit dafür bezahlt hat einen Kredit zu vergeben.

Die Einlagenzinsen bzw. EURIBOR sind die Kosten, die den Kreditzinsen gegenüber stehen.

Naja schon etwas einseitig das ganze.

Zum Beispiel wird Argumentiert, dass eine Trennung die Krise nicht verhindert hätte. Das sehe ich anders.

Es war ja so, dass die Banken in den USA Kredite vergeben, diese dann gebündelt und als Finanzprodukt verkauft haben. Sie haben sich also vom Risiko getrennt und mit jedem Kredit verdient. Dadurch haben sie natürlich auch an jeden dahergelaufenen einen Kredit gegeben.

Im Trennbankensystem wäre es allerdings nicht möglich gewesen, dass sich die Banken vom Risiko trennen und Kredite als Finanzprodukt verkaufen.

Wird nicht funktionieren

1) "Geschäftsbanken die das Geld verwalten und Kredite an die Realwirtschaft vergeben."

--> Diese Banken müssen aber Investments tätigen, um sich zu finanzieren. Nur mit Krediten an kleine private Häuslbauer können sie Anlegern keinen adäquaten Zinssatz bieten.

2) "Wobei die Investmentbanken kein Geldschöpfung (also keine Kredite) betreiben dürfen sollten."

Ist ein Widerspruch in sich. Jedes Investment, seien es jetzt Aktien o.ä., ist in gewisser Weise ein Kredit.

3) "Gezockt darf nur mit eigenem Geld werden."

Nein, gezockt werden sollte eben NIE mit eigenem Geld, sondern nur mit Geld, das von Anlegern zur Anlage gedacht ist. Alles andere ist zu riskant. Deswegen gibts auch die Volcker-Regel: http://de.wikipedia.org/wiki/Volcker-Regel

1) Kredite an die Realwirtschaft schließen durchaus Unternehmenskredite mit ein.
Und für diese Kredite reichen die Spareinlagen (der Rest läuft über Kreditexpansion).

2) Nein Aktien sind kein Kredit.
Ich meine eben keine monetären Kredite sondern Kredite mit den Geld geschöpft wird.
Wenn ich Aktien kaufe, dann ist das kein Kredit und es wird auch kein Geld geschöpft.

3) Ja, mit eigenem Geld meine ich ja auch das Geld das die Anleger den Banken überlassen - aber eben nur mit diesem Geld, ohne Kreditexpansion.

zu 2)

Sie haben schon recht, Aktien sind keine Kredite im herkömmlichen Sinn. Aber sie sind klassischen Krediten wie z.b. Darlehen generell sehr ähnlich. Auch schöpfen sie Geld, denn bei jedem größeren Portfolio gibt es Dividendenzahlungen (wie z.b. Couponzahlungen bei einem Darlehen) und einen positiven Erwartungswert des Portfolios (vergleichbar mit dem Zins beim Darlehen, nur dass letzterer fix und Teil des Vertrages ist) und daher Teil des Geldschöpfungsprozesses. Auch gibt es ein Risiko, die Varianz eines Portfolios bzw. beim Darlehen der Zahlungsausfall.

Das ist ja auch das große Problem im von mir gelinkten Artikel: Es gibt Anlagen bei denen es schwer bis unmöglich zu sagen ist, ob sie als Investment oder Kredit gelten.

Nein, Aktien schöpfen niemals Geld

Geldschöpfen bedeutet, dass nachher Geld da ist, das vorher nicht existiert hat.

Und die Dividenden kommen eben aus den Gewinnen, die Gewinne vom Geld der Kunden.
Dabei ensteht nirgends neues Geld.

Und es ist überhaupt nicht schwer zu unterscheiden ob es ein Kredit oder ein Investment ist.

Wenn dabei neues Geld ensteht ist es ein Kredite.

"Nein, Aktien schöpfen niemals Geld"

Doch!

Hier in den Punkten 2.3 bis 2.7 gut erklärt. Besonders die Absätze "Geldschöpfung und Geldpolitik" und "Geldschöpfung und Geldmengenwachstum" beantworten die Frage, ob Aktien/Wertpapiere Geld schöpfen können, sehr deutlich.

http://de.wikipedia.org/wiki/Geld... C3%B6pfung

Banken-Kredite und KMUs, da läuft schon seit einigen Jahren praktisch nichts mehr.

Bei einer Neugründung ist sogar der Konto-Überziehungsrahmen = 0, da kriegen Private mehr.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht von Vorteil: lasst einfach die Banken draußen und baut dafür nur sehr langsam, dafür aber nachhaltig auf.

Der ganze Aktienwahn führt ja nur dazu, dass sich alles wertvolle Kapital in wenigen Händen sammelt.

Wenn man Investoren reinnimmt, ist man denen bei den ersten Schwierigkeiten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

So nett verschiedene Stories klingen, letztendlich landet das, was aufgebaut wurde immer dort, wo auch das Geld zuhause ist.

Deshalb umdenken: Aufbau von Unternehmen nur mehr mit 100% Eigenkapital oder Kredite nur mehr von anderen vertrauenswürdigen Personen, aber in Zukunft ohne Banken.

Das kann nicht funktionieren

Wir haben Kreditgeld - unser Geldsystem ist darauf angewiesen, dass immer neue Kredite aufgenommen werden.

In der derzeitigen Situation geht es schon,

da ja schon genug Geld da ist.
Man kann es lediglich zum Tauschen benutzen, nicht aber zur Wertaufbewahrung.

Nein eben nicht, weil das Geld ja auch wieder verschwindet wenn laufende Kredite getilgt werden.

Die Geldmenge würde ständig weiter schrumpfen, also eine deflationäre Entwicklung einsetzen.

Kredite könnten nicht mehr bedient werden, Unternehmen würden nach und nach insolvent werden...

Das Geldsystem hat sich an unsere Anforderungen anzupassen

und nicht wir uns an das Geldsystem.
Deshalb muss man eben irgendwo anfangen, vom System abzuweichen.
Wenn wir sehen, dass das derzeitige Geldsystem dem nicht mehr gewachsen ist, obwohl die einzelnen Unternehmen florieren, dann tut man sich umso leichter das Geldssystem den neuen Anforderungen anzupassen.

genau

und es wär in allen bereichen endlich mal ein umdenken da, leute die auf eigenes risiko ein unternehmen starten bekommen meiner meinung nach selten die notwendige wertschätzung.
dafür die ganzen (ex-)lehrer die noch nie eigenes geld unternehmerisch einsetzen mussten und jetzt in jeder österreichischen gemeinde alles verschleudern was noch da ist (die sind aber nicht mal selber schuld, sie glauben einfach nur irgendwelchen supergescheiten studien über mikro, makro und käseokonomie)

was heisst verschärft?..

als kleinunternehmer ist es ohnehin schon mühsam, zu einem kredit zu kommen. ein freund von mit wollte sich 20k von der bank wegen einer neuen schaufensterscheibe ausborgen, antwort auf die frage nach sicherheiten: ein sparbuch über 20k.

haha. was bedeutet erschwert dann? dass man nicht mehr in die bank reindarf?

als kmu bekam man ohnehin seit jeher nur dann kredite wenn man keine brauchte.

die milliarden wurden sich nicht bei den kmu-krediten versenkt. soviel ist fix.

Was heißt können?

Die Richtlinien für Kreditvergaben sind bereits verschärft. Nicht nur das, auch bei bereits bestehenden Krediten ziehen die Banken die Kandarre enger. Da werden unaufgefordert Einsichten in Businesspläne verlangt, auch wenn immer pümktlich bezahlt wird.
Der Druck wird also bereits weitergegeben. Wie immer an die Kleinen.

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