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Einer weit oben und weit weg: Amr Moussa kam auf den Wahlplakaten nicht gut an.
Der Kater am Tag danach war bei allen ägyptischen Meinungsforschern groß, besonders aber beim renommierten Al-Ahram Centre for Political and Strategic Studies: In dessen Umfragen hat Amr Moussa konstant die Nummer eins gehalten. Es war eigentlich immer nur die Frage, wer mit Moussa in die Stichwahlen kommt, die letzten Umfragen gaben ihm 31,7 Prozent. Und nun findet er sich nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl abgeschlagen auf Platz fünf wieder, mit nicht einmal halb so vielen Stimmen wie der Wahlsieger Mohamed Morsi (11,13 zu 24,78).
Was ist da passiert? Die Misere ist umso größer, als nach Umfragen eines regierungsnahen Instituts, das Hosni Mubaraks letzten Premier, Ahmed Shafik, vorne sah, fast alle unisono "unmöglich" riefen. Viele sahen die Umfrage als Ankündigung, dass die Militärs die Wahlen zugunsten Shafiks fälschen wollten. Und das wird ja von Shafik-Gegnern noch immer behauptet, auch, dass das Ex-Regime absichtlich Unsicherheit kreierte, um Shafiks Sicherheitsagenda als umso dringlicher erscheinen zu lassen.
Dennoch, Amr Moussas Niederlage ist eine Tatsache. Und die Regimenähe, die ihm die Revolutionäre vorwarfen, war gewiss nicht der Grund, siehe Shafik. Moussa war von 1991 bis 2001 ägyptischer Außenminister und so populär, dass er von Mubarak in die Arabische Liga weggelobt wurde. Dort blieb er Generalsekretär bis nach der Revolution im Februar 2011, und er trat zurück, um ägyptischer Präsident zu werden.
Konzentration auf das Innere
In einer Analyse auf "Ahram Online" meint der Politikwissenschaftler Said Sadek, Shafiks Stärke sei gewesen, dass er sich ganz auf die innerägyptischen Verhältnisse konzentrierte: die Verhinderung des politischen Islam auf der einen, die Wiederherstellung von öffentlicher Ordnung und Sicherheit auf der anderen Seite. Moussa hingegen trat mit einer internationalen Agenda auf, er gab sich als Staatsmann, der auf der ganzen Welt respektiert wird, als idealer Präsident für einen schwierigen Übergang (und das wäre er - verglichen mit den jetzigen Optionen - ja wohl auch gewesen).
Aber seine Agenda blieb vage, das war besonders in seiner Fernseh-Diskussion mit dem gemäßigten Islamisten Abdel Moneim Abul Futuh zu sehen, dem gegenüber er sich noch dazu reichlich arrogant gab. So kam er auch auf den Wahlplakaten herüber, als einer weit oben, weit weg. Shafik hingegen versprach konkreten Schutz, etwa den christlichen Kopten vor den radikalen Islamisten. Und wenn schon einen aus der alten Riege, dann wählten die Leute mit Shafik eben den Schmied und nicht den Schmiedl Moussa, der noch dazu einen elendslangen Wahlkampf führte, der am Ende allen langweilig war. Wahrscheinlich hätte er vor einem Jahr die Wahl wirklich gewonnen. Aber in der Zwischenzeit ist so viel passiert, mit Amr Moussa als kampagnisierendem Zuseher, dass er den Wählern und Wählerinnen nicht mehr als die adäquate Antwort erschien.
Die Arabische Liga ist kein Wahlargument
Man kann jedoch auch darüber spekulieren, ob Moussa nicht auch für seinen Posten als Arabischer-Liga-Chef sogar bestraft wurde. Nicht nur, dass ein internationaler Status die ägyptischen Wähler und Wählerinnen nicht interessierte, seine Vergangenheit als arabischer Chefdiplomat war für viele wahrscheinlich auch richtiggehend abturnend. Der Chefposten in der arabischen Staatengemeinschaft ist sozusagen eine arabische Erbpacht (bis auf das gute Jahrzehnt, während dem Ägypten wegen seines Friedensschlusses mit Israel ein Paria in der arabischen Welt war).
Das heißt, Moussa hatte nicht davon profitiert, sich aus dem ägyptischen Regime auszuklinken (beziehungsweise von Mubarak ausgeklinkt zu werden). Für die Menschen war und ist das alles eines - und die Arabische Liga ist ohnehin keine Institution, in die man irgendwelche Hoffnungen setzt, weder was Veränderungen noch was Stabilität betrifft. Und deren Ex-Chef wird jetzt eben in Pension geschickt, wo er mit seinen fast 76 Jahren wohl auch hingehört. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 29.5.2012)
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Die Muslimbrüder haben in der Bevölkerung viel Kredit verspielt, weil sie die wieder aufflammenden Proteste plötzlich als Verrat sahen, Baradei diskredidierten, die anfängliche Bescheidenheit hinsichtlich von Machtstreben schnell relativierten und den Eindruck erwecken, alle wichtigen Posten mit ihren Leuten zu besetzen.
Allgemein ist die Stimmung im Keller, daher auch die geringe Wahlbeteiligung. Von der revolutionären Aufbruchstimmung ist nicht mehr viel übrig geblieben.
noch was:
mubarak hat eigentlich ausgerechnet zu dem zeitpunkt, wo aegypten begonnen hat erfolgreich zu werden an popularitaet verloren, aber bei 30% werden seine anhaenger trotzdem noch sein. oder hat irgendwer eine andere sinnvolle erklaerung, warum mubarak anhaenger aus allen wahlen ausgeschlossen werden sollen? dasgleiche gilt fuer ben ali und gaddafi.
die etwas naiven interpretatoren des arabischen fruehlings sehen in ihm eine wiederholung der buergerlichen revolution in europa, eine politische emanzipation der wirtschaftlich erfolgreichen mittelschicht.
das ist es aber jetzt mal ganz sicher nicht.
der arabische fruehling ist eine bewegung gegen den westen, gegen den oekonomischen liberalismus, dessen erfolge nicht verteilt worden sind.
die meisten laendern des arabischen fruehlings, so auch aegypten, waren das letzte jahrzehnt wirtschaftlich ueberdurchschnittlich erfolgreich.
reformen, wirtschaftswachstum, es hat eigentlich alles gepasst. steigende ungleichheit ist in solchen situationen immer vorhanden. man muss zuerst was zum verteilen haben, bevor man es verteilen kann.
http://en.wikipedia.org/wiki/Egypt#Economy
und selbstverstaendlich ist das bevoelkerungswachstum in aegypten genausowenig ein problem, wie der islamismus. die jugendarbeitslosigkeit hat damit ganz, ganz sicher gar nix zu tun.
Frieden, Wachstum und Gerechtigkeit zu sprechen - es umzusetzen in einem Land wie Ägypten ist unmöglich - erst wenn die Menschen begreifen, daß
die Ressorcen nicht unendlich sind, kann was weitergehen...
vor ein zwei tagen war ein artikel in al-masry al-youm, in dem interviewte "meinungsforscher" zugaben, dass sie keine kontrolle über die samples hatten, da diese ihnen von verschiedenen (staatlichen und privaten) stellen zugetragen wurden. daher auch die voneinander abweichenden und falschen vorhersagen. es gibt derzeit jedenfalls keine halbwegs seriöse meinungsforschung hier, und ein blick nach europa zeigt, dass das metier insgesamt frei zwischen wahrsagerei/klientelbefriedigung und der anwendung vorgestriger sozialwissenschaftlicher methoden schwebt.
... einzig die Armut und Arbeitslosigkeit ist um ein vielfaches gestiegen.
In einem Land mit über 80 Mio. Einwohnern die hauptsächlich vom Tourismus und dem grün-streifen links und rechts vom Nil leben, kann es keinen Reichtum für "ALLE" geben, auch nicht wenn der "neue Präsident" Gold scheißt...
Wenn man mit genügend Ägyptern geredet hat in letzter Zeit, und es ist im Moment fast unmöglich, nicht über Politik zu reden, dann war klar, daß Moussa bei dieser Wahl nichts zu gewinnen hat.
Frau Harrers Analysen haben bei mir immer nur Kopfschütteln hervorgerufen.
Für mich ist klar, daß Morsi der neue Präsident von Ägypten sein wird. Und ehrlich gesagt, das finde ich auch gut so. In ein paar Monaten werden die Muslimbrüder entzaubert sein und hoffentlich so schnell keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.
Diese hat meiner Meinung nach schon eingesetzt. Bedenkt man, daß die Musluimbrüder bei der Parlamentswahl ncoh 40% erhielten, bekam Morsi nur rund 25% und das, obwohl die Salafisten bei der Präsidentenwahl keinen anderen Kandidaten hatten. Dem Aufruf der Salafisten, Aboul Futuh zu wählen sind sicher nicht alle gefolgt. Man kann wohl davon ausgehen, daß viele Salafisten auch Morsi gewählt haben.
Daß er trotzdem nicht mehr stimmen bekommen hat, sehe ich sehr wohl als Indiz. Naiv?
ich stimme ihnen zu.
das einzige seltsame ist, dass alahram eigentlich ziemlich serioes ist.
und tatsaechlich die muslimbrueder konstant unterschaetzt. vor der parlamentswahl hat es geheissen, die mobilisieren aegyptenweit maximal 5 millionen fuer eine demonstration und das ist auch ihr maximales waehlerpotential. ich hab das argument sehr seltsam gefunden.
warum schreiben also medien so einen schmarrn?
alle medien und ueberall.
so bloed und blind kann man ja gar nicht sein.
was ist da los?
wo sind wir denn eigentlich?
passend geschrieben, wie doch sehr abweichenden umfrageergebnisse zustanden gekommen sind, bleibt ungeklärt!
außenpolitiker können schnell populär und beliebt werden, sie sind oft im fernsehen, haben meist ausstrahlung und das wichtigste, sie müssen IM land nichts entscheiden und machen sie somit selten die hände schmutzig, aber sie haben auch oft nicht das verständnis für innenpolitik und das dürfte (wie von harrer analysiert) das gewichtigste problem für moussa gewesen sein
all politics is local, es interessiert die ägypter zu recht nicht, dass moussa einen guten drat zu vielen staatsmännern hat, die innerstaatlichen probleme dominieren!
"Die Arabische Liga ist kein Wahlargument"
Das wird den Saudis nicht gefallen wenn ihre geopolitischen Träume auf einmal zerbrechen.
Das wäre aber amüsant, wenn Salafisten auf Muslimbrüder losgehen würden. Für eine arabische Union wird es sich da auch nicht ausgehen.
Welche Union will schon "Partner" haben die beständig mit ihren Nachbarn kämpfen? Die Türkei wird es nicht leicht haben so eine Union zu bilden solange die Saudis expandieren wollen.
Für die Rüstungsindustrie ist es aber eine win-win Situation. Bin gespannt was Ägypten kaufen wird müssen ...
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