Ägypten: Katzenjammer bei Amr Moussa - und den Meinungsforschern

Analyse29. Mai 2012, 13:38
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Amr Moussa erreichte nur Platz fünf bei der Präsidentenwahl - Seine internationale, aber vage Agenda sowie sein Posten als Chef der Arabischen Liga dürften ihm im Weg gestanden sein

Der Kater am Tag danach war bei allen ägyptischen Meinungsforschern groß, besonders aber beim renommierten Al-Ahram Centre for Political and Strategic Studies: In dessen Umfragen hat Amr Moussa konstant die Nummer eins gehalten. Es war eigentlich immer nur die Frage, wer mit Moussa in die Stichwahlen kommt, die letzten Umfragen gaben ihm 31,7 Prozent. Und nun findet er sich nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl abgeschlagen auf Platz fünf wieder, mit nicht einmal halb so vielen Stimmen wie der Wahlsieger Mohamed Morsi (11,13 zu 24,78).

Was ist da passiert? Die Misere ist umso größer, als nach Umfragen eines regierungsnahen Instituts, das Hosni Mubaraks letzten Premier, Ahmed Shafik, vorne sah, fast alle unisono "unmöglich" riefen. Viele sahen die Umfrage als Ankündigung, dass die Militärs die Wahlen zugunsten Shafiks fälschen wollten. Und das wird ja von Shafik-Gegnern noch immer behauptet, auch, dass das Ex-Regime absichtlich Unsicherheit kreierte, um Shafiks Sicherheitsagenda als umso dringlicher erscheinen zu lassen.

Dennoch, Amr Moussas Niederlage ist eine Tatsache. Und die Regimenähe, die ihm die Revolutionäre vorwarfen, war gewiss nicht der Grund, siehe Shafik. Moussa war von 1991 bis 2001 ägyptischer Außenminister und so populär, dass er von Mubarak in die Arabische Liga weggelobt wurde. Dort blieb er Generalsekretär bis nach der Revolution im Februar 2011, und er trat zurück, um ägyptischer Präsident zu werden.

Konzentration auf das Innere 

In einer Analyse auf "Ahram Online" meint der Politikwissenschaftler Said Sadek, Shafiks Stärke sei gewesen, dass er sich ganz auf die innerägyptischen Verhältnisse konzentrierte: die Verhinderung des politischen Islam auf der einen, die Wiederherstellung von öffentlicher Ordnung und Sicherheit auf der anderen Seite. Moussa hingegen trat mit einer internationalen Agenda auf, er gab sich als Staatsmann, der auf der ganzen Welt respektiert wird, als idealer Präsident für einen schwierigen Übergang (und das wäre er - verglichen mit den jetzigen Optionen - ja wohl auch gewesen). 

Aber seine Agenda blieb vage, das war besonders in seiner Fernseh-Diskussion mit dem gemäßigten Islamisten Abdel Moneim Abul Futuh zu sehen, dem gegenüber er sich noch dazu reichlich arrogant gab. So kam er auch auf den Wahlplakaten herüber, als einer weit oben, weit weg. Shafik hingegen versprach konkreten Schutz, etwa den christlichen Kopten vor den radikalen Islamisten. Und wenn schon einen aus der alten Riege, dann wählten die Leute mit Shafik eben den Schmied und nicht den Schmiedl Moussa, der noch dazu einen elendslangen Wahlkampf führte, der am Ende allen langweilig war. Wahrscheinlich hätte er vor einem Jahr die Wahl wirklich gewonnen. Aber in der Zwischenzeit ist so viel passiert, mit Amr Moussa als kampagnisierendem Zuseher, dass er den Wählern und Wählerinnen nicht mehr als die adäquate Antwort erschien.

Die Arabische Liga ist kein Wahlargument

Man kann jedoch auch darüber spekulieren, ob Moussa nicht auch für seinen Posten als Arabischer-Liga-Chef sogar bestraft wurde. Nicht nur, dass ein internationaler Status die ägyptischen Wähler und Wählerinnen nicht interessierte, seine Vergangenheit als arabischer Chefdiplomat war für viele wahrscheinlich auch richtiggehend abturnend. Der Chefposten in der arabischen Staatengemeinschaft ist sozusagen eine arabische Erbpacht (bis auf das gute Jahrzehnt, während dem Ägypten wegen seines Friedensschlusses mit Israel ein Paria in der arabischen Welt war).

Das heißt, Moussa hatte nicht davon profitiert, sich aus dem ägyptischen Regime auszuklinken (beziehungsweise von Mubarak ausgeklinkt zu werden). Für die Menschen war und ist das alles eines - und die Arabische Liga ist ohnehin keine Institution, in die man irgendwelche Hoffnungen setzt, weder was Veränderungen noch was Stabilität betrifft. Und deren Ex-Chef wird jetzt eben in Pension geschickt, wo er mit seinen fast 76 Jahren wohl auch hingehört. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 29.5.2012)

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    Einer weit oben und weit weg: Amr Moussa kam auf den Wahlplakaten nicht gut an.

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