Illegaler Organhandel boomt: Bis zu 160.000 Euro für eine Niere

30. Mai 2012, 10:21
164 Postings

Die WHO spricht von 10.000 Organen pro Jahr, die weltweit am Schwarzmarkt verkauft werden - Zentrum China

"Eine Niere spenden, das neue iPad kaufen!" Mit diesem Slogan bewirbt laut einem Artikel im "Guardian" ein Vermittler von Organen in China seine Dienste. Für eine Niere bietet er 2.500 Pfund (3.000 Euro) und behauptet, dass die Operation innerhalb von zehn Tagen durchgeführt werden könne. Was wie ein schlechter Scherz klingt, hat Hochkonjunktur: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich 10.000 Organe am Schwarzmarkt verkauft werden - also jede Stunde eines - und schlägt Alarm. 

Laut dem Artikel reisen Patienten aus der ganzen Welt für Transplantationen nach China, Indien oder Pakistan, wo sie für eine Niere bis zu 160.000 Euro bezahlen. Die Menschen, die sich ihre Niere entnehmen lassen, bekommen dafür oft nur einen Bruchteil. Für die Organhändler und operierenden Ärzte hingegen ist es ein lukratives Geschäft - noch dazu, wo die Nachfrage nach Nieren aufgrund von Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck international steigt.

Steigende Nachfrage

Diese Entwicklung habe sich allerdings erst in den vergangenen Jahren wieder verstärkt, sagt der Arzt Luc Noel, Leiter jener WHO-Abteilung, die die Entwicklung bei legalen und illegalen Transplantationen beobachtet. "Der illegale Handel ging 2006/2007 weltweit zurück, der Transplantations-Tourismus nahm ab", so Noel gegenüber dem "Guardian". Es gebe jedoch Anzeichen dafür, dass der Organhandel nun wieder zunehme.

"Es gibt eine wachsende Nachfrage nach Organen, und der Profit, der damit gemacht werden kann, ist riesig", so Noel. Zudem würden in einigen Ländern Gesetze fehlen, um gegen den Organhandel vorgehen zu können, oder die Gesetze würden nicht vollzogen. Somit hätten diejenigen leichtes Spiel, die armen Menschen finanzielle Anreize bieten, wenn sich diese von einer Niere trennen.

Nur zehn Prozent des Bedarfs

Noel schätzt, dass Nieren rund 75 Prozent der weltweit illegal gehandelten Organe ausmachen. Nach WHO-Angaben wurden 2010 in 95 Mitgliedsstaaten rund 107.000 Organe (legal und illegal) transplantiert. Knapp 69 Prozent davon waren Nieren. Mit diesen Operationen konnten aber nur zehn Prozent des weltweiten Bedarfs gedeckt werden. Noel schätzt, dass eines von zehn Organen von Schwarzhändlern beschafft wird. 

In China sind Transplantationen für Geld zwar verboten, trotzdem gab es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg an derartigen Operationen. Personen aus dem Nahen Osten, Asien, aber auch Europa würden zwischen 80.000 und 160.000 Euro für eine Transplantation bezahlen.

Transplantationen in Militärspitälern

Dabei herrscht in China ein enormer Mangel an Spendernieren: Laut dem nationalen Nierentransplantations-Register bräuchten rund eine Million Menschen eine Niere, aber nur 5.253 haben im Jahr 2011 eine bekommen. Patienten haben somit jedes Jahr eine Chance von nur 0,5 Prozent, ein Spenderorgan zu erhalten. Zum Vergleich: In Großbritannien liegt die Chance bei 43 Prozent. Gerüchten zufolge sollen in China illegale Transplantationen sogar in Militärspitälern durchgeführt werden.

Harsche Kritik von Menschenrechtsaktivisten erntet China auch dafür, dass Organe von zum Tode Verurteilten entnommen werden. Im Jahr 2011 waren das 4.000 Menschen. Laut dem chinesischen Gesundheitsministeriums will man diese Praxis bis 2017 einstellen - unter anderem aber auch deshalb, weil die Organe der Verurteilten anfälliger für Infektionen seien.

Jim Feehally, Professor an der Universitätsklinik Leicester, fordert, dass China umdenken und die Gesetze verschärfen müsse. Das Hauptthema bei illegalen Organverkäufern ist seiner Meinung nach die Ausbeutung: Reiche könnten sich nicht nur Organe kaufen, sondern auch eine weitere medizinische Versorgung leisten. Die Organspender dagegen würden eine entsprechende Nachbehandlung oft nicht erhalten.

Niere für iPad

Um den illegalen Organhandel in den Griff zu bekommen, plädiert WHO-Arzt Luc Noel dafür, die Versorgung mit Organen von lebenden und verstorbenen Spendern zu erweitern, die sich freiwillig dazu bereiterklären. Außerdem fordert er, die Menschen generell zu einem gesünderen Lebensstil zu animieren, damit diese keine Krankheiten wie Diabetes bekommen.

Welche skurrilen Formen der Verkauf von Organen manchmal annimmt, zeigt der Fall eines chinesischen Jugendlichen, der seine Niere im April für ungefähr 2.700 Euro verkaufte, um sich ein iPad 2 leisten zu können. (red, derStandard.at, 30.5.2012)

  • Menschen, die ihre Niere am Schwarzmarkt an Organhändler verkaufen, bleibt eine medizinische Nachversorgung meist verwehrt.
    foto: epa/str

    Menschen, die ihre Niere am Schwarzmarkt an Organhändler verkaufen, bleibt eine medizinische Nachversorgung meist verwehrt.

Share if you care.