Wenn Päpste den Heiligen Geist einsperren

29. Mai 2012, 11:53
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Nichts geht in Sachen Priesterweihe der Frau, weil "der selige Papst Johannes Paul II. in unwiderruflicher Weise erklärt hat, dass die Kirche dazu keine Vollmacht vom Herrn erhalten hat". So lapidar lautete die Aussage des aktuellen Papstes zu einer der Forderungen der Pfarrerinitiative. Das "Njet" sprach er bei seiner Gründonnerstagsmesse. Gerade zu Pfingsten ist es passend, das auf den Prüfstand zu stellen.

Zur Erinnerung das Zitat seines Vorgängers aus dem Jahr 1994, auf das Benedikt Bezug nimmt, im vollen Wortlaut: "Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben." (Ordinatio Sacerdotalis Nr. 4)

Blenden wir dabei einmal aus, dass Päpste unter Berufung auf das Wort von der Schlüsselgewalt (vgl. Mt 16,19) in der Regel alle Macht für sich beanspruchen (das ist gar nicht polemisch, sondern empirisch gemeint).

Benedikts Rückgriff auf seinen Vorgänger fällt auch so etwas dünn aus. Denn noch als Chef der Glaubenskongregation hatte Ratzinger 1996 ausdrücklich angemerkt: "Es ist also nicht, wie schon gesagt, ein vom Papst gesetzter Unfehlbarkeitsakt ..." (Josef Ratzinger, Salz der Erde, S. 224).

Gab es also doch ernst zu nehmende Zweifel, die den Wojtyła-Papst davon abhielten, ein Dogma zu verkünden, obwohl es ihm offensichtlich wichtig war, die Diskussion abzuschließen? Wie schon einmal vermutet, liegt der Grund vielleicht darin, dass sich das Thema gar nicht zur Dogmatisierung eignet, da es - wie das Zölibatsthema - gar keine Glaubens- oder Moralfrage darstellt (vgl. Blog: Kapellari als Irrlehrer). Ratzinger schlussfolgert im zweiten Satzteil des obigen Zitates lediglich: "... sondern die Verbindlichkeit beruht auf der Kontinuität der Überlieferung".

Blenden wir auch (um es nicht noch komplizierter zu machen) beim Traditionsargument etwas Wichtiges aus, nämlich dass es gerade für die Frühzeit der Kirche sehr wahrscheinlich ist, dass Frauen als Apostel wirkten. Heute nennt man das Amt: Bischof.

Nehmen wir die Papst-Aussagen einmal, wie sie sind. Respektieren wir, dass sich die Päpste bisher keine Kompetenz zutrauten, Frauen zu Priestern zu weihen. Für Johannes Paul war seine Entscheidung "endgültig". Es gab tatsächlich später keine andere von ihm. Für ihn war sie somit auch "unwiderruflich". So weit kann man leicht folgen. Die Zitate der beiden Päpste lesen sich aber so, als wollten sie die Kirche für alle Zukunft binden.

Zu Pfingsten feiert die Kirche jedoch, dass in ihr der Heilige Geist wirkt. Jener Geist, der z. B. Petrus dazu brachte, seine Meinung in Sachen unreine Speisen und Umgang mit den Heiden zu ändern. Von einem Tag auf den anderen. Weil ihm in einer Vision bewusst wurde: "Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!" (Apg. 10,15)

Woher nehmen diese beiden Päpste, die in der Frauenfrage nach Eigendefinition ohne Vollmacht vom Herrn sind, plötzlich eine Vollmacht, die sogar über dem Herrn steht? Die ausschließt, dass sich die Kirche bekehren lässt, wie Petrus auch noch nach Pfingsten bekehrt wurde (besser: bekehrt werden musste)? Ist diese Anmaßung etwas anderes als Hybris? (Diese Diagnose wird in meinen Blogs leider zur Wortwiederholung, aber es trifft halt keine andere den Sachverhalt so punktgenau.) In theologischer Sprache: Ist das etwas anderes als Sünde?

Dazu passt, dass Johannes Paul II. beim Bibelzitat aus Lk 22,32 einen wichtigen Halbsatz weggekürzt hat. Der ganze Satz, den Jesus an Petrus richtete, lautet nämlich: "Und wenn du dich bekehrt hast, dann stärke deine Brüder." Diese Reihenfolge wäre sinnvollerweise einzuhalten.

Zwei Päpste versuchen also mit aller Kraft ihrer Rhetorik, den Heiligen Geist zu bevormunden oder gar einzusperren. Christen dürfen sich mit Gelassenheit anschauen, wer sich da letztendlich durchsetzen wird, unwiderruflich und endgültig.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 29.5.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

  • Zwei Päpste versuchen mit aller Kraft ihrer Rhetorik, den Heiligen Geist zu bevormunden.
    illustration: der standard

    Zwei Päpste versuchen mit aller Kraft ihrer Rhetorik, den Heiligen Geist zu bevormunden.

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