Im Käfig brennt noch Licht

29. Mai 2012, 15:20
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Überleben im Leben müssen die Protagonisten in Maxim Gorkis "Nachtasyl". Sie tun es mit Würde, nun im Scala Theater Wien

Wien - Um in Maxim Gorkis Nachtasyl zu gelangen, muss man in einen höhlengleichen Keller hinabsteigen. Hier leben gestrandete Existenzen unterschiedlichster Herkünfte und Berufe. Einer von ihnen beschreibt sein Leben als Sumpfloch, in dem man haltlos untergeht. Die gesellschaftliche Randständigkeit haben die Insassen gemein, manche ertränken die verbleibende Lebenszeit in Alkohol, andere hegen noch Hoffnung durch Arbeit und Illusionen.

In Babett Arens' Inszenierung im Wiener Scala Theater befindet sich das Lager ebenerdig in der Mitte des Saales, die Zusehertribünen sind davor und dahinter platziert. Die Schauspieler warten in dem abgedunkelten Asyl und auf nebenstehenden Bänken, bis das Publikum eintrifft. Plastiksessel sind neben Klappbetten arrangiert (Bühne: Eva Gumpenberger), ein Vogelkäfig beherbergt das kühle Licht einer Neonröhre. Ähnliche Gitterstäbe versperren die Existenzen der Akteure, die weder vor noch zurück können.

Pilger Luka (feinfühlig: Florentin Groll) stößt zu den neun Hoffnungslosen und trichtert ihnen ein, dass jeder Mensch seinen Wert habe und zu achten sei. Er stiftet den alkoholkranken Schauspieler (überzeugend: Georg Kusztrich) zum Entzug an, Satin (famos: Clemens Aap Lindenberg) beginnt zu räsonieren. Konflikte gibt es reichlich, Ärger mit dem Asylbesitzer, Eifersucht und Ausweglosigkeit führen zu Tod und (Selbst-)Mord.

Durch die ungebrochene Aktualität von Gorkis mit großer Einfühlsamkeit geschriebener Menschenstudie gelingt es ohne viel Zutun, 110 Jahre später Anknüpfungspunkte zu finden. Arens hat Text und Figuren gestrichen und mit Teleshopping, Soaps sowie bizarren Reality-TV-Formaten neue Elemente der Realitätsflucht eingebaut, die die Insassen benutzen.

Der Situationsschwere des Originals wird Arens dabei nicht durchgehend gerecht. Das ausnahmslos spielstarke Ensemble macht dennoch drastisch bewusst, dass der Mensch, so tief er auch sinken mag, Achtung statt Mitleid verdient. (Mario Kopf, DER STANDARD, 29.5.2012)

Theater Scala, bis 16. Juni

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