Berufstitel aus der pädagogischen Steinzeit

Leserkommentar29. Mai 2012, 10:31
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Dass auch Volks- und Hauptschullehrer mit "Professor" angesprochen werden sollen, ist das falsche Symbol

Es gibt Nachrichten, die kann man nur schwer glauben. Es gibt immer wieder Entwicklungen, die man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen kann.

So traf mich denn die Meldung, dass künftig alle Lehrer in Österreich die kuriose Berufsbezeichnung "ProfessorIn" erhalten sollen (derStandard.at berichtete), völlig unerwartet und sozusagen auf nüchternen Magen.

Symbolischer Rückschritt

Gerade wird über verschiedenste Neuerungen im Bildungsbereich gesprochen, es wird über ein zeitgemäßes Lehrerdienstrecht verhandelt, und statt die antiquierten und anachronistischen "ProfessorInnen" aus Österreichs AHS und BHS zu verbannen, wie man es im 21. Jahrhundert erwarten würde, wird der Wahnsinn auf alle Schulen und Lehrkräfte ausgeweitet!

Titel als Köder

Ein Bildungsvolksbegehren ist am Gären, Eltern, Schüler und viele fortschrittliche Lehrer sind höchst unzufrieden mit der Schulbürokratie, mit dem Einfluss der politischen Parteien auf die Schulen, mit Proporz und Postenschacher. Da sorgen sich nicht die Dümmsten im Lande um die Zukunft des Nachwuchses, falls im Bildungsbereich nichts weitergehen sollte wie bisher - und was macht die Politik? Sie versucht, die Lehrer(gewerkschaften) mit Titeln zu ködern statt mit modernen Arbeitsplätzen, zeitgemäßer Ausrüstung und Ausbildung, flexiblen Arbeitszeitmodellen und einem Berufsbild, das die heutigen Lehrer nicht länger wie Zombies aus Heinrich Spoerls Roman "Die Feuerzangenbowle" erscheinen lässt.

Wo sind die zukunftsweisenden Umsetzungen?

Ich weiß nicht, was mich mehr ärgert und erschüttert: die Chuzpe der Ministerialbürokratie, solche Vorschläge den Lehrervertretern überhaupt zuzumuten, oder die zur Gewissheit erstarrende Befürchtung, dass die Lehrervertreter solchen Vorschlägen zustimmen werden.

Wenn ich LehrerIn wäre, ich wüsste, was ich zu tun hätte. Deshalb meine inständige Bitte an alle LehrerInnen und LehrervertreterInnen: Fordern Sie doch zeitgemäße Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen! In einer modernen, demokratischen Schule haben Operettentitel aus dem schulischen Biedermeier keinen Platz!

Wenn ich LehrerIn wäre, ich würde mich - egal ob diese Titel-Absurdität nun umgesetzt wird oder nicht - von allen SchülerInnen und Eltern nur mit meinem Namen ansprechen lassen. Alles andere käme für mich nicht in Frage.

Österreich verstaubt im Titel-Biedermeier

Man stelle sich vor, Erstklässler müssten ihre Frau Lehrerin künftig mit "Frau Professor" anreden. Und komme mir ja keiner und sage, aber das wird schon nicht so heiß gegessen, und keiner verlangt das dann wirklich von den Kindern ...

Jeder noch so abstruse Titel wird in Österreich verwendet, so wie jetzt an den AHS, BHS! Und Eltern und Schüler werden es wieder einmal nicht wagen, diesem absurden Gesslerhut den Kotau zu verweigern!

Echte Modernisierung statt Titelgeschenke

Also, liebe LehrerInnen, verweigert künftig alle Titelgeschenke und erweist euch eurer Verantwortung würdig! Lasst euch nicht kaufen mit einem wertlosen, antiquierten und lächerlichen Berufstitel aus der pädagogischen Steinzeit! Verwendet künftig eure ehrlichen, guten Namen und hängt diese alten Zöpfe endlich an den Nagel! (Leserkommentar, Johannes Reichhart, derStandard.at, 29.5.2012)

Autor

Johannes Reichhart, Jahrgang 1954, lebt heute im südlichen Niederösterreich und ist in der Entwicklung von Telekommunikationstechnik im In- und Ausland tätig.

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