Papst-Diener in Haft: Komplizensuche

28. Mai 2012, 18:37
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Ein italienischer Kardinal wird verdächtigt, mit dem vor kurzem verhafteten Kammerdiener des Papstes zusammengearbeitet zu haben. Die Gerüchteküche brodelt

Der Vatikan kommt nicht aus den Schlagzeilen. Nach der Veröffentlichung eines neuen "Vatileaks"-Enthüllungsbuches und der Entlassung des Bankchefs Ettore Gotti Tedeschi sorgen die Verhaftung des päpstlichen Kammerdieners Paolo Gabriele und die Suche nach möglichen Komplizen für Aufregung. Der 46-jährige Gabriele war einer der wenigen Laien, die ungehinderten Zugang zur Wohnung des Papstes im Apostolischen Palast hatten. Er soll Dokumente entwendet und der Presse weitergegeben haben.

Nach einem Bericht des "Corriere della Sera" von Montag soll ein italienischer Kardinal verdächtigt werden, sein Verbündeter zu sein, was vonseiten des Vatikans dementiert wurde. Die Gerüchteküche brodelt.

Seit Donnerstag sitzt Gabriele in einer Zelle der vatikanischen Gendarmerie, der zufolge in seiner Wohnung eine große Menge Vatikan-Dokumente sowie Foto- und Filmkameras zu deren Reproduktion gefunden wurden. Gabriele soll seine Anwälte getroffen und Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt haben. Ihm wird schwerer Diebstahl vorgeworfen, er könnte aber auch eines "Anschlags auf die Sicherheit des Papstes" beschuldigt werden.

War beliebter Begleiter

Gabriele war im Vatikan als "Paoletto" bekannt und beliebt. Er servierte dem Papst das Essen, half dem 85-Jährigen beim Anziehen und begleitete ihn auf allen Reisen. Die Verhaftung mache den Papst "schmerzhaft betroffen", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

Italienische Medien mutmaßten, der Vater von drei kleinen Kindern sei eher "ein Sündenbock als der Drahtzieher eines Komplotts". Er sei "in die Kirche verliebt und ein devoter Verehrer des Papstes", erklärte Gabrieles Beichtvater.

Mehrere Vatikan-Experten vermuten hinter der "Vatileaks"-Affäre, mit deren Untersuchung eine Kommission aus drei pensionierten Kardinälen beauftragt wurde, Fehden innerhalb der Kirchenführung. Es sei kaum glaubhaft, dass ein einfacher Diener, dessen Laufbahn als Arbeiter einer Reinigungsfirma begann, zum Verschwörer tauge. Auch Pater Bernd Hagenkorn, Redaktionschef des deutschsprachigen Radio Vatikan, zweifelt an der Einzeltätertheorie: "Es sind zu viele Dokumente zu verschiedenen Zeitpunkten in so vielen verschiedenen Medien veröffentlicht worden."

Die Zeitung "La Repubblica" veröffentlichte am Montag ein Interview mit einem der angeblichen Hintermänner Gabrieles. "Hinter dem Skandal stecken mehrere Personen. Sie wollen den Schmutz in der Kirche ans Licht bringen", sagte die Person, die anonym bleiben wollte. Hintergrund des Skandals sei eine Kampagne in der Kurie gegen den vatikanischen Staatssekretär, Kardinal Tarcisio Bertone. Rätselhaft ist auch, welches Motiv Gabriele gehabt haben könnte, da er für die Weitergabe der Dokumente offenbar kein Geld kassierte.

Die vertraulichen Infos könnten auch veröffentlicht worden sein, um Georg Gänswein, Privatsekretär des Papstes, zu schaden. Er sei de facto zum einzigen Berater Benedikts avanciert, was laut Medien viel Neid ausgelöst habe. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 29.5.2012)

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    Kammerdiener Paolo Gabriele (li. vo.) begleitete Papst Benedikt XVI. auf Reisen, servierte ihm das Essen und half ihm beim Anziehen. Er soll kistenweise vertrauliche Dokumente gehortet haben.

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