Gegen die Vergänglichkeit von Liebe und Kino

  • Ein stolzer Gewinner mit seinen engsten Verbündeten: Michael Haneke, 
umringt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant.
    foto: reuters

    Ein stolzer Gewinner mit seinen engsten Verbündeten: Michael Haneke, umringt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant.

Das 65. Filmfestival von Cannes brachte mit Michael Hanekes "Amour" einen hochverdienten Sieger hervor - Eine Reihe von Filmen widmete sich der Unlesbarkeit aktueller Realitäten

Seit Sonntagabend sind sie die glorreichen sieben von Cannes: Mit dem Gewinn seiner zweiten Goldenen Palme nach "Das weiße Band" (2009) gehört Michael Haneke nunmehr zum erlesenen Kreis der Doppelsieger des Festivals - neben Filmemachern wie Francis Ford Coppola, Shohei Imamura und den Brüdern Dardenne. Jurypräsident Nanni Moretti würdigte in seiner Verkündigung auch das Verdienst der beiden großartigen Hauptdarsteller Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant. Völlig zu Recht - was keineswegs bedeuten soll, dass "Amour" kein nahezu perfekt inszenierter Film ist.

Haneke gab 1997 mit "Funny Games" sein Debüt im Wettbewerb des prestigeträchtigen Filmfestivals, seinem provokanten, moralisierenden Film über Voyeurismus und Gewalt, der damals zwiespältige Reaktionen erntete. Seitdem ist der Regisseur zu einem konsensfähigeren Filmemacher gereift, der seine Mittel immer noch kontrolliert, aber in seinen Absichten gelassener einsetzt.

Und das heißt auch, noch mehr im Dienste des Films: "Amour" ist ein im Grunde einfacher Film über das Unausweichliche, den Tod. Die Schnörkellosigkeit, mit der Haneke hier Szenen rahmt, die dem Schmerz über die Vergänglichkeit zum Ausdruck verhelfen, ist von großer Kraft. Die Reduktion erhöht die Spannung noch: Mitunter ist es bloß ein Schnitt, der hier Erinnerungen von unumkehrbaren Gewissheiten trennt.

Kein anderer Film einte Kritik und Publikum dieses Jahr auf vergleichbare Weise. Nur wenige andere, darunter etliche große Namen des Weltkinos, vermochten die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Dass sich die Jury auch für Matteo Garrones "Reality" erwärmen konnte (Großer Preis der Jury), einen von der Kritik unterschätzten Film, freut besonders. Mit ausladender Geste und Reverenzen an Luchino Visconti und Federico Fellini erzählt er die Geschichte eines Fischhändlers, der sich in dem Wahn verliert, bei "Big Brother" aufgenommen zu werden, und damit sein ganzes Leben ruiniert. Der beeindruckende Hauptdarsteller Aniello Arena sitzt übrigens wegen mehrfachen Mordes verurteilt im Gefängnis.

Garrones Film war nicht der einzige in diesem Jahr, der von künstlichen Wirklichkeiten berichtete, hinter denen das Reale kaum mehr auszumachen ist. Der furioseste kam vom Franzosen Leos Carax, der mit "Holy Motors" einen Verkleidungs- und Inkarnationsreigen mit dem entfesselten Denis Lavant in Gang setzte, der bei den Preisen völlig umgangen wurde. Carax konfrontiert Vergangenheit und Zukunft des Kinos, indem er dessen Potenzial zur Herstellung grotesker, romantischer oder nur verquerer Welten bedient. An jener Stelle, an der sein Protagonist nach dem Vorhandensein eines Zuschauers fragt, kommt auch gehörig Skepsis zum Ausdruck. Hat das Kino in einer Zeit multipler Bildrealitäten seine Sonderstellung verwirkt?

Wenig Erfindungsreiches

Eine Frage, auf die es an der Croisette erstaunlich wenig erfindungsreiche Antworten gab, und viel zu viele, die das Gleiche ein wenig anders taten. Ulrich Seidl entwarf in "Paradies: Liebe" treffende Bilder von der Kluft zwischen Begehren und Geschäft. Der fast 90-jährige Alain Resnais strahlte in "Vous n'avez encore rien vu", einem Film, der mit diversen Interpretationen der "Eurydice" von Jean Anouilh spielt, mehr Jugendlichkeit aus als jeder einzelne US-Beitrag (mit Ausnahme von Wes Anderson). Der Mexikaner Carlos Reygadas, als bester Regisseur prämiert, polarisierte mit Vermessenheit und Kritik an der Programmatik von Cannes. In "Post Tenebras Lux" bindet er einen von Irritationen beherrschten Familienalltag oft rätselhaft an ein naturgewaltiges Außen: Hier wird das Kino immerhin als genuine Schöpfungsmaschine gebraucht.

Mit Mut zum Experiment gingen auch Abbas Kiarostami und David Cronenberg zu Werke, die ihre Filme zu weiten Teilen in Autos ansetzten. Die Don-DeLillo-Adaption des Kanadiers ist darum bemüht, immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaftsschichten ein Gesicht zu geben. Der Plutokrat navigiert in Cosmopolis in einer schallgedämpften Limousine durch New York, während sich draußen die Massen mobilisieren. Wenige Filme wirkten so zeitgemäß, so beunruhigend im Changieren zwischen satirischen und diagnostischen Momenten.

Mit der Krise der Institution Kino ist letztlich auch der Anspruch von Cannes betroffen, die wichtigsten Autoren an einem Platz zu versammeln. Zu viele Interessen begegnen hier einander auf zu engem Raum, und die Merkantilisierung bedroht den mythischen Ort der Filmkultur ganz besonders. Zwischen Celebrity-Kult, Marktlogistik und Aufmerksamkeitsökonomie zerrissen, muss auch Cannes neue Wege finden, eine Realität zu verteidigen: den Raum des Kinos. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, DER STANDARD, 29.5.2012)

Share if you care