Jeder zweiten Gemeinde laufen die Einwohner davon

  • Verwaiste Höfe im Bretsteintal: Den Bauern fehlen die Erben.
    foto: der standard/corn

    Verwaiste Höfe im Bretsteintal: Den Bauern fehlen die Erben.

Starke Landflucht in der Steiermark, Kärnten und dem Waldviertel - Dörfer leiden unter Frauenmangel

Wien - Volksschulen, denen die Kinder ausgehen, sind durchaus typisch für die Steiermark: Zwei Drittel aller Kommunen im Land leiden laut Gemeindebund unter Abwanderung, österreichweit liegt die Quote bei 50 Prozent. Besonders viele Leute kehr(t)en der Obersteiermark den Rücken, speziell dem oberen Mur- und Mürztal. Andere Hotspots für Landflucht sind Oberkärnten, die Gebiete nördlich von Klagenfurt, sowie das nördliche Wald- und Mühlviertel. Üppige Bevölkerungszuwächse verzeichnen hingegen Wien mit breitem Speckgürtel rundherum, die anderen urbanen Zentren sowie das Inntal.

Gründe für Absiedlung gibt es viele: der Niedergang traditioneller Industriezweige wie Bergbau oder Stahlproduktion in den Alpentälern, die größere Auswahl an Jobs und Wohnraum in den Ballungszentren. Das gestiegene Bildungsniveau forciert die Lust auf neue Lebenswelten, Massenmedien bewerben urbane Verlockungen heute in jedem Dorf. Auch der größere Heiratsmarkt, sagt Tatjana Fischer von der Universität für Bodenkultur, lotse (junge) Menschen Richtung Stadt. Und der vielbeklagte Kahlschlag bei Post, Schulen oder Bezirksgerichten? Ob zugesperrte Institutionen primär Ursache oder Folge von Landflucht seien, lasse sich nicht pauschal beurteilen, sagt Fischer. Aber natürlich sei Infrastruktur auch ein Standortfaktor - zumal die Bereitschaft, jeden Tag zig Kilometer hin und her zu pendeln, gesunken sei.

In einer Studie, die das Wanderverhalten junger Frauen in sieben kleinen steirischen Gemeinden untersucht hat, stieß Fischer auf ein " zweischneidiges" Phänomen: Die Bürgermeister der schrumpfenden Orte mögen einander mit billigem Baugrund und anderen Zuckerln überbieten - " doch das heißt nicht, dass die Zugewanderten in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft dann wirklich willkommen geheißen werden".

Gerade junge Frauen sind es, die - zumindest in der Steiermark - überproportional oft zum Abwandern entschlossen sind. Obersteirische Gemeinden verbuchen in der Altersgruppe 20 bis 29 Jahre bereits einen Frauenmangel von 40 Prozent gegenüber gleichaltrigen Männern. (jo, DER STANDARD, 29.5.2012)

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