Goldene Palme für Michael Haneke

27. Mai 2012, 23:11
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Zweiter Hauptpreis für den österreichischen Regisseur für Film "Amour" - "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl geht leer aus - Großer Preis der Jury an Matteo Garrone

Cannes - Der österreichische Filmemacher Michael Haneke hat zum zweiten Mal die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Sein berührendes und zärtliches Drama "Amour" über Krankheit und Tod bei einem alten Paar wurde am Sonntag von der Jury unter dem italienischen Regisseur Nanni Moretti zum besten Film des Wettbewerbs 2012 gekürt. Es sei "eine Liebesgeschichte für die Ewigkeit" hatte das Filmmagazin "Variety" bereits nach der Premiere am Sonntag vor einer Woche über den Film geschrieben, hätte aber auch Hanekes Beziehung zum Festival an der Croisette meinen können: Seit 1997 regelmäßig im Wettbewerb vertreten, triumphierte er nach "Das weiße Band" (2009) nun als erst siebenter Filmemacher ein weiteres Mal.

Haneke reiht sich damit ein in die Liste der größten Regisseure wie dem Amerikaner Francis Ford Coppola, dem Japaner Shohei Imamura oder den belgischen Brüdern Dardenne, denen dieses Kunststück bisher gelungen war. In "Amour" erzählt er in ruhigen und langen Einstellungen in einer bürgerlichen Altbauwohnung von den letzten Monaten des Ehepaars Georges und Anna, das seit Jahrzehnten verheiratet ist und nach Annas Schlaganfällen mit deren schleichendem Verfall lernen muss umzugehen. Der Film ist ein erschütterndes und intensives Kammerspiel, das nicht zuletzt von seinen großartigen Darstellern Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert lebt. Huppert spielt die Tochter der beiden pensionierten Musiklehrer.

"Toller Erfolg für Österreich"

Haneke selbst genoss den Triumph am Sonntag im Kreise seines Produktions- und Darstellerteams, sein Produzent Veit Heiduschka sprach von "einer Sensation" und einem "tollen Erfolg für Österreich". Von offizieller Seite regnete es am Abend ebenfalls Gratulationen. Kulturministerin Schmied sprach von einer "verdienten Auszeichnung" und konstatierte, dass man Nominierungen und Preise "keinesfalls irgendwann als alltäglich ansehen" dürfe. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz unterstrich die "große Kreativität österreichischer Filmschaffender" und richtete seine Glückwünsche aus. Und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) zog via Aussendung seinen Hut: "Chapeau!"

Der zweite österreichische Film im 22 Filme umfassenden Wettbewerb, "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl, war zu Beginn des Festivals kontrovers aufgenommen worden und ging bei der Preisverleihung schließlich leer aus. Den Großen Preis der Jury erhielt der italienische Filmemacher Matteo Garrone für seine Gesellschaftssatire "Reality", den Preis der Jury gab es für die Tragikomödie "The Angel's Share" des Briten Ken Loach. Den Regiepreis sicherte sich sich der Mexikaner Carlos Reygadas für "Post Tenebras Lux". Und der Drehbuchpreis ging an den rumänischen Palmen-Mitfavoriten "Beyond the Hills" von Cristian Mungiu, der zuletzt mit dem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" für Aufsehen gesorgt hatte.

"Dicht und nuancenreich"

Das Exorzismus-Drama von Mungiu brachte auch den beiden Hauptdarstellerinnen Cosmina Stratan und Cristina Flutur die Auszeichnung als "Beste Schauspielerinnen". Die beiden spielen in Mungius Werk zwei junge Frauen, von denen die eine die andere aus einem Kloster holen will, weil sie nicht ohne sie leben kann. Doch die orthodoxe Gemeinschaft wehrt sich - mit fatalen Konsequenzen. Der Däne Mads Mikkelsen spielte indes in "The Hunt" einen zu Unrecht beschuldigten Kinderschänder - und erhielt dafür die Auszeichnung als "bester Schauspieler". In dem Drama von Thomas Vinterberg verkörpert der "James Bond"-Bösewicht Mikkelsen einen Mann, dessen Leben durch die Lüge eines Kindes zerstört wird.

Kein Werk hatte in Cannes aber solch eine Wucht und einen Nachhall erzeugt wie Michael Hanekes "Amour". "Alles an diesem Film ist dicht und nuancenreich", hatte die "taz" geschwärmt. Der "Guardian" sprach von einem "bewegenden, furchteinflößenden und kompromisslosen Drama von unheimlicher Intimität und Klugheit" und attestierte Haneke ein "Filmemachen auf dem höchsten Level von Intelligenz und Einsicht". Und die "Zeit" lobte die Hauptdarsteller, die von einem Regisseur geführt würden, "dessen Werk sich von Film zu Film in immer gelassenere Höhen schraubt". Die Frage nach der zweiten Palme sei in dem Moment nicht so wichtig, "wo dieser Film unerbittlich sanft in den Herzen und Köpfen der Zuschauer implodiert". (APA, 27.5.2012)

Hintergrund
Die Preisträger der 65. Festivalausgabe

GOLDENE PALME: "Amour", Michael Haneke (Österreich)

GROSSER PREIS DER JURY: "Reality", Matteo Garrone (Italien)

BESTE SCHAUSPIELERIN: Cosmina Stratan und Cristina Flutur in "Beyond
the Hills" von Cristian Mungiu (Rumänien)

BESTER SCHAUSPIELER: Mads Mikkelsen in "The Hunt" von Thomas
Vinterberg (Dänemark)

BESTES DREHBUCH: Cristian Mungiu (Rumänien), "Beyond the Hills"

BESTE REGIE: Carlos Reygadas (Mexiko), "Post tenebras lux"

PREIS DER JURY: "The Angel's Share", Ken Loach (Großbritannien)


Die Goldenen Palmen der letzten zehn Jahre
Die Gewinner des Filmfestivals in Cannes seit 2002 (Filmtitel, Regie, Produktionsland):

- 2012: "Amour", Michael Haneke - Österreich/Frankreich/Deutschland

- 2011: "The Tree of Life", Terrence Malick - USA

- 2010: "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben",
Apichatpong Weerasethakul - Thailand/Großbritannien

- 2009: "Das weiße Band", Michael Haneke - Österreich/Deutschland

- 2008: "Die Klasse", Laurent Cantet - Frankreich

- 2007: "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", Cristian Mungiu - Rumänien

- 2006: "The Wind That Shakes The Barley", Ken Loach - Großbritannien

- 2005: "Das Kind", Jean-Pierre und Luc Dardenne - Belgien/Frankreich

- 2004: "Fahrenheit 9/11", Michael Moore - USA

- 2003: "Elephant", Gus Van Sant - USA

- 2002: "Der Pianist", Roman Polanski - Polen/Frankreich

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    Michael Haneke, Palmensammler, mit Emmanuelle Riva (links) und Jean-Louis Trintignant (rechts).

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