Schulfach "Bürgererziehung" sorgt für Debatten

Konservative Regierung will liberales Unterrichtsfach der sozialistischen Vorgängerregierung reformieren

Madrid - Das Schulfach "Bürgererziehung" sorgt in Spanien wieder einmal für ideologische und politische Debatten. Nachdem die neue konservative Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy (PP) bereits am Versuch scheiterte, das von der katholischen Kirche und christlichen Elternverbänden heftig kritisierte Unterrichtsfach mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht komplett abzuschaffen, soll nun zumindest die ideologische Ausrichtung geändert werden, um die Gemüter der Kirche und konservativer Wähler zu besänftigen.

Vergangene Woche erklärte Spaniens Bildungsminister Jose Ignacio Wert im Kulturausschuss der spanischen Autonomien, die Regierung wolle bereits im kommenden Schuljahr Unterrichtsinhalte, die in der Öffentlichkeit zu Polemik und Debatten führen, streichen und durch andere Themen ersetzen. So sollen ab dem kommenden Schuljahr vor allem Themenbereiche wie Homophobie, soziale Ungleichheiten oder die Gleichstellung homosexueller Paare aus dem Lehrplan gestrichen und durch neue Schwerpunkte wie "Separatismus und Terrorismus", "Schutz des intellektuellen Eigentums", "private Wirtschaftsinitiativen" oder "Transparenz in der öffentlichen Verwaltung" ersetzt werden.

Ob der Regierung die Modifizierung des Unterrichtsfachs "Bürgererziehung" allerdings wirklich in dieser Form gelingt, bleibt abzuwarten. In Spanien haben die Regionalregierung Mitbestimmungsrechte im Bildungssystem und so stellten sich Andalusien, Katalonien und das Baskenland im Kulturausschuss vehement gegen die Reform des Unterrichtsfachs durch die konservative Zentralregierung. Die politischen Motivationen sind dabei sehr unterschiedlich:

Andalusien und das Baskenland sind einige der letzten sozialistisch regierten Regionen Spaniens und werden deshalb als Bollwerk gegen die Versuche des neuen konservativen Ministerpräsidenten Rajoys benutzt, das politische Erbe seines sozialistischen Vorgängers Jose Luis Rodriguez Zapatero (PSOE) zu vernichten. Neben den liberalisierten Abtreibungsgesetzen der Sozialisten und der Einführung der Ehe von homosexuellen Paaren, gehört auch das Fach "Bürgererziehung" zu den sozialen Errungenschaften Zapateros, die Rajoy lieber heute als morgen rückgängig machen würde.

Im Baskenland sowie in Katalonien, das vom nationalistischen Parteienbündnis CiU regiert wird, stieß zudem der Vorschlag, Unterrichtsthemen wie "Separatismus und Terrorismus" oder "ausschließende Nationalismen" in den Lehrplan aufzunehmen, auf Widerstand. In beiden Regionen gibt es stark separatistische und nationalistische Strömungen.

Alle drei Regionalregierungen erklärten, die möglichen Neuerungen im Fach "Bürgerziehung" nicht anwenden zu wollen, sollte die konservative Volkspartei mit ihrer absoluten Mehrheit im Parlament im Alleingang die Reform verabschieden. Auch verschiedene Parteien wie die neoliberale UPyD bezeichneten die Reformpläne als "besorgniserregend", so UPyD-Parlamentarier Carlos Martinez Gorriaran.

Der "Zankapfel Bürgererziehung" löst derzeit jedoch nicht nur politische, sondern auch soziale Debatten aus. Während die spanische Bischofskonferenz (CEE) den Plan der konservativen Regierung begrüßte, erklärte die spanische Homosexuellen-Vereinigung (Felgtb) die mögliche Reform als "wahren Skandal". "Die Konservativen wollen all das vernichten, was die konservativsten Wähler stören könnte. Damit favorisieren sie fundamentalistisches Gedankengut gegenüber demokratischen Werten und Errungenschaften", erklärte Felgtb-Sprecher Jesus Generelo in einem Radiointerview am Samstag.

Zapatero hatte 2006 "katholische Religion" als Pflichtfach abgeschafft und durch "Bürgererziehung" ersetzt. Das Fach soll Schüler mit einer Aufklärung über Ethik, Bürger- und Menschenrechte darauf vorbereiten, in einem laizistischen Staat verantwortliche und tolerante Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie zu werden.

Unterdessen sah die katholische Kirche in vielen Unterrichtsinhalten einen klaren Gegensatz zu den christlichen Werten. Die sich damals noch in der Opposition befindliche Volkspartei bezeichnete das Fach sogar als "sozialistischen Katechismus" und zog vor das Verfassungsgericht, da der Staat mit diesem Fach ihrer Meinung nach in den Bereich der "Werteerziehung" eingreife - und damit in die Privatsphäre. (APA, 27.05.2012)

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