Ahmadi-Nejad darf bei der Atomfrage nicht mehr mitreden

Chefunterhändler Jalili verhandelt in direktem Auftrag Khameneis, die Tage des Präsidenten sind gezählt

Der Bazar in Teheran wusste anscheinend schon am Mittwochabend - einen Tag bevor die Gespräche zwischen dem Iran und den P5+1 (den fünf Veto-Staaten im Uno-Sicherheitsrat plus Deutschland) in Bagdad ohne erkennbare Ergebnisse zu Ende gingen - dass in Bagdad nichts zu holen sein würde. Der Wert des Dollar gegenüber dem Rial, der zuletzt gefallen war, stieg am Mittwochabend bei den Händlern um mehr als 20 Prozent. Von den optimistischen Erwartungen der westlichen Medien im Vorfeld der Gespräche in Bagdad war im Iran von Anfang an nichts zu hören.

Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad nahestehende Zeitungen warnten vor jedem Entgegenkommen der Iraner. Der Regierungschef hat keinerlei Interesse an einem Erfolg, steht er doch selbst im Abseits: Nicht einmal als Yukiya Amano, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), zu Wochenbeginn in Teheran war, wurde Ahmadi-Nejad in die Treffen mit einbezogen. Said Jalili, der iranische Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen, ließ den Regierungschef ebenfalls links liegen und konsultierte weder ihn noch das Kabinett, bevor er nach Bagdad abreiste. Man weiß, dass er auf direkten Auftrag des religiösen Führers Ali Khamenei verhandelt.

In diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass Ahmadi-Nejad-treue Medien mit allen Mitteln versucht haben, die Gespräche in Bagdad herunterzuschreiben. Im Gegensatz dazu sahen die wenigen noch halbwegs unabhängigen Medien die Gespräche in Bagdad als Chance, die Beziehungen zwischen dem Westen und Iran auf weniger konfrontative Bahnen zu lenken. Die konservativen Medien, die inzwischen jeden Anlass nutzen, um den Regierungschef zu kritisieren, sprachen vom Auftritt des "Elefanten im Porzellanladen" und warnten vor "gewissen Kräften, die ihre weitere Existenz im Konflikt suchen". Für die Iraner ist das ein weiteres Zeichen, dass die Tage Ahmadi-Nejads gezählt sind. "Man muss ihn noch ein Jahr ertragen", meint ein Politiker im vertraulichen Gespräch.

Ohne so weit zu gehen, die Gespräche für gescheitert zu erklären, bezeichneten die staatlichen iranischen Radio- und Fernsehsender nach Abschluss der Gespräche die Position und die Forderungen der P5+1 an den Iran als "unannehmbar" und Barriere für jeden weiteren Fortschritt. Unisono verlangten die Kommentare, dass der Westen seine Haltung zu korrigieren habe, damit die nächste Gesprächsrunde in Moskau positiver ausfällt. (N.N. aus Teheran*/DER STANDARD, 25.5.2012)

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