Multimediale Steinzeit-Kunst wird interaktiv

Ansichtssache

St. Pölten/Mailand - Multimediale Kunst reicht bis in die Jungsteinzeit zurück - diese These leiteten österreichische und britische Archäologen aus Höhlenzeichnungen im Camonica-Tal in der norditalienischen Lombardei ab. Nicht nur, dass sich die Felsgravuren den Wissenschaftern zufolge so aneinander reihen, dass sie eine "filmähnliche" Sequenz ergeben. Die neolithischen Künstler wählten für ihre bildlichen Erzählungen von Jagden, Kämpfen und rituellen Feiern zudem Orte aus, die oft einen spektakulären Blick auf die umgebene Tallandschaft und ein besonderes Echo boten - womit auch der Ton ins Spiel kommt.

Von "prähistorischem Kino in Surround-Sound" spricht die Fachhochschule St. Pölten, die an einem Projekt zur digitalen Reanimierung des damaligen Erlebnisses arbeitete. Die Ergebnisse fließen in eine Ausstellung in Mailand ein. In deren Zentrum steht die in St. Pölten erstellte Film-Installation, die mit zusätzlichen Sound-Installationen und einem Multi-Touch-Table die steinzeitliche Felskunst spielerisch wiedererlebbar machen soll. Frederick Baker, Dozent am Institut Creative\Media/Technologies der FH St. Pölten und Mitarbeiter des Museum of Archaeology & Anthropology der University of Cambridge, erklärt: "Diese als Pitoti bezeichneten Felsgravierungen können zwar nicht transportiert werden, kreative Ideen im Wechselspiel mit modernster Medientechnik ermöglichen es, sie dennoch hautnah zu erleben."

foto: fh st.pölten

Mit Projektionen an allen vier Wänden, Boden und Decke soll der Film "Ambient Cinema" die Besucher auf die weitere Ausstellung einstimmen. Baker: "Szenen aus den Felsgravierungen lösen sich darin von ihrer steinigen Umgebung und entwickeln ein Eigenleben." Für den passenden Ton haben Musiker mit Nachbauten prähistorischer Instrumente die spezifischen akustischen Bedingungen des Camonica-Tals nachempfunden, was später zu einem Soundtrack zusammengestellt wurde. Dazu kommt ein Multi-Touch-Tabletop-Computer mit hochauflösenden Pitoti-Grafiken, an dem Besucher gravierte Felsabschnitte in Handarbeit selber zusammenfügen können.

foto: fh st.pölten

Erstmals präsentiert wurden die Ergebnisse des Projekts bei einer Pressekonferenz in der abgelaufenen Woche. Die Ausstellung "PITOTI - Digital Rock-Art from Ancient Europe" wird dann im Oktober im  Triennale Design Museum von Mailand laufen. (red, derStandard.at, 26.5.2012)

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Fachhochschule St. Pölten

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2 Postings
Darfs ein bisschen mehr sein?

KISS: Keep it short and simple

Hilfe! Alles ist interaktiv, und jetzt sogar die Felsenzeichnungen. Da fehlt nur mehr der Hinweis, dass die Bilder wahrscheinlich in Zusammenhang mit Ritualen, Tänzen u.a. in Verbindung standen.
Übrigens ist auch die Freskenausstattung einer mittelalterlichen Kirche durchaus als interaktiv zu betrachten: sie verlangt immerhin, dass man durch den Raum geht und die Bilder Stück für Stück nachvollzieht.

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